Schuldensünder Griechenland Der schlimmste Schurkenstaat

In einem nationalistischen Furor, der in der Geschichte der Europäischen Union beispiellos ist, gelten die Griechen als ein Volk arbeitsscheuer und korrupter Menschen. Dabei sind sie nur das erste Opfer einer Spirale, an deren Ende der ökonomische und politische Bankrott stehen muss.

Von Thomas Steinfeld

Adam Smith, der mit der Formel von der "unsichtbaren Hand" die Marktwirtschaft in ein absolutes Heilsversprechen verwandelte, verfasste auch eine "Theorie der ethischen Gefühle" (1759). Sympathie, erklärte er darin, reagiere auf unverdientes Glück und auf unverdiente Niederlagen.

Durch Verarmung zahlungsfähig machen: Demonstranten protestieren in Athen gegen die Sparpläne der Regierung.

(Foto: AFP)

Diese Lehre ist das moralische Gegenüber jenes Erlösungsversprechens. Denn sie trennt die Handlung von der Absicht. Diese Scheidung, erklärt der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl in einem Gespräch mit Alexander Kluge, das in seinem Buch "Soll und Haben" (Berlin 2009) dokumentiert ist, sei zu jener Zeit etwas Neues gewesen: "Es finden Ereignisse statt, die die moralische Welt bestimmen, die aber nicht mehr durch das Reich der Verantwortung, der Schuldzuweisung, also der moralischen Verursachung erklärt werden können."

Das heißt umgekehrt, dass, wer an seiner Niederlage selbst schuld sein soll, auf Mitgefühl nicht zählen kann. Was das wiederum bedeutet, erfahren gegenwärtig die Griechen.

In einem nationalistischen Furor, der in der Geschichte der Europäischen Union beispiellos ist, gelten die Griechen gegenwärtig als ein Volk arbeitsscheuer, korrupter und zu einer gemeinsamen Anstrengung für die eigene Volkswirtschaft unfähiger Menschen, die jahre-, wenn nicht jahrzehntelang "über ihre Verhältnisse" gelebt haben sollen.

Die einfache Haushaltsregel, dass man, wenigstens langfristig, nicht mehr Geld ausgeben sollte, als man einnimmt, kann mit diesen "Verhältnissen" indessen nicht gemeint sein. Denn an die alte Regel der Währungsunion, die Neuverschuldung eines jeden Mitgliedslandes dürfe drei Prozent des Bruttosozialprodukts nicht überschreiten, halten sich (die Daten gelten für das vergangene Jahr) nur noch Finnland und Luxemburg.

Bremen ungefähr auf gleichem Niveau wie Griechenland

Um von deutschen "Verhältnissen" gar nicht erst anzufangen: Könnte man die Schulden des Gemeinwesens auf jeden Bürger umlegen, läge Bremen ungefähr auf gleichem Niveau wie Griechenland. Wenn die Bundesrepublik gegenwärtig nur mit etwa achtzig Prozent des Bruttosozialprodukts verschuldet ist, dann liegt das auch daran, dass die zukünftigen Kosten für Renten und Krankenversorgung nicht angemessen eingerechnet sind. Und weil das in anderen Bundesländern und in anderen Staaten der Europäischen Union nicht anders ist, spiegelt sich in Griechenland nur eine europäische Normalität.

Trotzdem gilt das Land seit nun mehr als einem Jahr als der schlimmste Schurkenstaat der Währungsunion. Das liegt daran, dass Griechenland der erste Staat ist, dessen Wirtschaft am inneren Widerspruch der Europäischen Union zugrunde geht: Die Gemeinschaft gibt es nur, weil jeder ihrer Staaten gegen alle anderen konkurriert, aber für sich genommen, mit seiner Industrie und seinem Markt, zu klein ist, um sich global zu behaupten. Und weil das so ist, honorierte die Finanzwirtschaft jeden dieser Staaten (und vor allem die kleinen) mit Krediten, die eine Nation allein nie hätte erhalten können. Die Kredite aber waren notwendig, um, durch Investitionen in die Infrastruktur etwa, mehr Kapital anzuziehen und also erfolgreicher wirtschaften zu können. Und weil das alle taten, und weil es in der Europäischen Union Staaten von größerer und von kleinerer wirtschaftlicher Kraft gibt - verlor Griechenland diesen Wettbewerb.

Das brutale Ressentiment, das dieser Nation seit nun über einem Jahr entgegenschlägt, richtet sich also auf den Versager. Griechenland, das ist der Staat, der seine Niederlage selbst verursachte. Ihm gilt das Gegenteil der "Sympathie", die Adam Smith für den unschuldigen Verlierer vorgesehen hatte, nämlich die Verachtung.

Wenn es trotzdem irgendwie vorangehen muss

Aber ist daran nicht etwas Wahres oder zumindest Berechtigtes, wenn man das Ausmaß der Korruption oder der Steuerhinterziehung in Griechenland bedenkt? Nun, auch das ist moralisch gedacht, und zwar nicht nur, weil es auch in anderen europäischen Staaten korrupte Beamte und listige Steuerzahler gibt. Denn wenn es keine Wirtschaft gibt, um die neue Infrastruktur zu nutzen, und wenn es trotzdem irgendwie vorangehen muss, dann muss der Staat zum einzigen großen ökonomischen Subjekt werden, mit immer neuen Projekten, die immer neues Kapital anziehen sollen.

Und weil das nie geschieht, sondern nur wieder neue Projekte gemacht werden, und weil am Ende einer solchen Spirale der ökonomische und politische Bankrott stehen muss, greift das Gesetz des größtmöglichen privaten Vorteils - nur, dass von einer "unsichtbaren Hand" nichts zu bemerken ist.

Ist also "Sympathie" angemessen? Nicht unbedingt, und schon gar nicht angesichts des radikalen Nationalismus, den viele Griechen angesichts der ihnen von außen entgegenschlagenden Ressentiments aufzubieten scheinen. Aber dass an solchen "Verhältnissen", ganz gleichgültig, ob man nun "über" oder "unter" ihnen lebt, etwas grundsätzlich nicht in Ordnung sein kann: Das wäre ein paar Gedanken wert. Zumal der gegenwärtig geltende Plan für Griechenland, nämlich das Land durch Verarmung zahlungsfähig zu machen, selbst nach einer Trennung von Handlung und Absicht aussieht.