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Schriftsteller im Ersten Weltkrieg:Verschmelzung mit Stein und Schnee

Die Verschmelzung des Kriegs mit Stein und Schnee hat der Filmkenner und Publizist Uwe Nettelbeck in seiner grandiosen, als Hommage an Karl Kraus angelegten Zitatmontage "Der Dolomitenkrieg" (1976) vor Augen gestellt, einem Einspruch gegen die Lust der Deutschen am Bergfilm und an Luis Trenker.

Diese Zitatmontage zeigt, wie die Granaten den Stein, den sie absprengen, seinerseits in Granaten verwandeln. Sie zeigt Unterstände, die wie Vogelnester an Felswänden kleben, setzt aus Splittern den Minenkrieg, die Stollenbohrungen und Horchgeräte zusammen, mit denen die Grabenden einander belauern.

Sie berichtet, wie Soldaten, die 500 Meter tief eine Gletscherwand hinabstürzen, nur überleben, um nach vier Monaten im Lazarett wieder in den Berg geschickt zu werden, und wie je nach Windrichtung Verwesungsgeruch die Österreicher oder Italiener plagt, weil der Boden zu hart ist, um die Toten zu bestatten. Eine Chronologie ist in diese jetzt wieder greifbare Montage eingezogen, aber statt einer Ereignisgeschichte gibt sie eine Physiognomie des Gebirgskrieges (Uwe Nettelbeck: Der Dolomitenkrieg. Mit einem Nachwort von Detlev Claussen. Berenberg Verlag, Berlin 2014. 152 S., 20 Euro).

Freiwillig zum Dienst gemeldet

Wer Robert Musil durch den Ersten Weltkrieg begleitet, gelangt von den Dolomiten an die östliche Alpenfront, wo Musil Ende 1915 an der 4. Isonzoschlacht teilgenommen hat. Er war damit an den Kriegsschauplatz gelangt, der das weltliterarische Gegenstück zu Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" hervorgebracht hat, Ernest Hemingways Roman "A Farewell to Arms" (1929).

Hemingway hatte sich als junger Man im Frühjahr 1918 freiwillig zum Dienst im amerikanischen Roten Kreuz gemeldet und war nach Italien geschickt worden. Als Fahrer eines Sanitätswagens wurde er dort Anfang Juli 1918 während der zweiten Piaveschlacht durch eine Granate verwundet und lag anschließend monatelang in einem Mailänder Krankenhaus. Den Helden seines Romans, den Ich-Erzähler Frederic Henry, hat er diese Verwundung erleben und beschreiben lassen. Aber der Roman insgesamt ist nicht, wie so viele andere Bücher zum Großen Krieg, aus Tagebuchaufzeichnungen herausgewachsen.

Seine Handlung beginnt 1916, als der Autor noch nicht in Italien war, und sie strebt auf die große Katastrophe der italienischen Armee im Oktober 1917 zu, die Niederlage von Caporetto, dem heutigen Kobarid in Slowenien. Die österreichischen Truppen, von Deutschen verstärkt, erreichten dort unter dem Kommando des Infanterie-Generals Otto von Below den Durchbruch, die Verwandlung des Stellungskriegs in die Bewegung, einschließlich einer massenhaften Fluchtbewegung desertierender und sich ergebender Italiener. Erwin Rommel, der als Kompanieführer eines Gebirgsbataillons an dieser letzten Isonzoschlacht beteiligt war, hat sie später zu einem Schlüsselbeispiel seiner strategischen Schrift "Infanterie greift an" (1937) gemacht.

Die Liebesgeschichte zwischen dem Helden und einer schottischen Krankenschwester, die am Ende stirbt, ist das melodramatische Grundgerüst in "A Farewell to Arms". Der Titel entspringt nicht der Liebesgeschichte, sondern der mit sicherem Griff erfassten, genau recherchierten militärischen Katastrophe, die Hemingway selbst nicht erlebt hat. Aber unverkennbar gehört seine Kriegserfahrung zu den stilbildenden Kräften, die seiner Prosa ihren Ton gegeben haben.

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