Leipziger Buchmesse:"Nur am Morgen, eine Stunde"

Truman Capote schrieb immer im Bett, Wladimir Nabokovs Manuskript bestand aus Karteikarten: Die Schreibgewohnheiten großer Schriftsteller sind legendär. Deutschsprachige Autorinnen und Autoren haben uns ihre verraten.

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Schreibgepflogenheiten

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Quelle: KONG / photocase.de

Vor der Leipziger Buchmesse, die an diesem Mittwoch eröffnet wird, haben wir deutschsprachige Autorinnen und Autoren nach ihren Schreibgepflogenheiten gefragt: Wann schreiben Sie? Haben Sie einen festen Tagesrhythmus? Ist der Ort, an dem Sie schreiben, dabei wichtig? Gibt es sonst Rituale oder Präliminarien?

Und ist der restliche Tag um das Schreiben herum organisiert? Oder ist es wie bei Stephen King: Die drei Stunden am Vormittag sind heilig, aber der Rest eher egal, Hauptsache ganz was anderes? Oft ist es zäh mit Umfragen, zum eigenen Schreiben aber hat jeder etwas zu sagen - nahezu alle haben geantwortet.

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Dimitré Dinev

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Quelle: imago/Rudolf Gigler

Dimitré Dinev, geboren 1968, lebt in Wien. Sein jüngster Essayband "Barmherzigkeit" erschien 2010 im Residenzverlag.

Ich schreibe mit der Hand, mit der rechten. Während meines zweijährigen Armeedienstes hat sich herausgestellt, dass ich mit der Linken schieße, dass sie die Hand ist, mit der ich die besten Treffer lande. Aber ich war nie versucht, darin eine versteckte Metapher zu sehen.

Ich schreibe mit Füllfeder. Aber am liebsten diktiere ich das Geschriebene. So kann ich jeden Satz hören, noch bevor er getippt wird, und ein besseres Gefühl für den Rhythmus bekommen. Während ich diktiere, mache ich schon die ersten Korrekturen. Am liebsten diktiere ich meiner Frau. Sie ist der einzige Mensch, der meine Werke liest, bevor ich sie wegschicke. Die Meinung eines geliebten Menschen, eines Menschen, mit dem ich das Leben teile, ist mir viel wichtiger als jede andere.

Meine Texte überarbeite ich so gut wie kaum, höchstens, dass ich hier und dort ein Wort austausche. Dafür aber denke ich lange nach, bevor ich einen Satz niederschreibe. Wenn er aber einmal aus der Feder ist, dann steht er.

Sollte ich beim Schreiben zu aufgeregt sein, oder eine Stelle erreichen, die sehr schwer zu knacken ist, dann greife ich zu den Spielkarten, die sich immer in unmittelbarer Nähe befinden, und lege entweder Patiencen oder spiele Bridge mit mir selbst. So warte ich ab, bis die Aufregung sich auflöst und ich wieder klar denken kann. Sollte aber die Stelle auch danach nicht zu knacken sein, überspringe ich sie, schreibe an der Geschichte weiter und versuche, erst am nächsten oder übernächsten Tag die Lösung zu finden.

Jahrelang habe ich ausschließlich nachts geschrieben. Erst bei der Arbeit an meinem ersten Roman habe ich eingesehen, dass ich diese Praxis ändern muss, wenn ich nicht zugrunde gehen will. Seitdem schreibe ich am liebsten in den frühen Morgenstunden. So genieße ich zwischen vier und sieben Uhr morgens nicht nur jene Stille, derentwegen ich die Nacht früher so geliebt habe (denn es kostet einiges an Kraft, die Geräusche des Alltags auszublenden), sondern auch die Dankbarkeit meines Körpers, in dessen Genen der Urrhythmus unzähliger Geschlechter von Bäuerinnen und Bauern gespeichert ist, die jahrhundertelang mit ihren Tieren aufgestanden sind.

Während ich schreibe, brennt eine Kerze auf meinem Schreibtisch. Es brennt so einiges, während ich schreibe, meine Augen, meine Seele, eine Zigarette. Ich trinke dabei Kaffee und schaue immer wieder auf die Bewegungen des Rauches, der hinaufsteigt, hinauf zu meinen Literaturgöttern.

Ja, so haben jahrelang meine Schreibgewohnheiten ausgeschaut, doch dann ist meine Tochter auf die Welt gekommen, und mit ihrer Geburt hat sich alles in ein fröhliches Chaos aufgelöst. Nur die Angst ist gleich geblieben, die Angst, dass ich irgendwo eine brennende Kerze vergessen habe.

Foto: imago/Rudolf Gigler

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Thomas Meinecke

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Quelle: imago/Sven Simon

Thomas Meinecke, geboren 1955, lebt in Berg bei Eurasburg. 2013 erschien von ihm die Kolumnensammlung "Analog" im Verbrecher Verlag.

Ich schreibe immer inmitten mehrerer Stapel von Büchern. Und also bestehen meine Romane in erster Linie aus einer Verschriftlichung von Leseprozessen. Sie sind nicht leicht zu lesen, aber auch nicht leicht zu schreiben. Mein Thema ist das Verstehenwollen von Schwerverständlichem. Man kann mir dabei lesend zusehen.

Foto: Imago/Sven Simon

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Wolf Haas

Wolf Haas

Quelle: Carmen Jaspersen/dpa

Wolf Haas, geboren 1960, lebt in Wien. Sein jüngster Roman "Brennerova" erschien 2014 bei Hoffmann und Campe.

Ich schreibe nie, ich schreibe immer nur um. Darum erinnert mich der Energieverschleiß des Romanschreibens an diesen alten Witz, den ich als Kind in der Fleischhauerzeitung Lukullus gelesen habe: "Der Sohn spricht: 'Mutter, ich will nicht den ganzen Tag im Kreis gehen.' Die Mutter antwortet: 'Jammer nicht rum, Kind, sonst nagle ich dir den zweiten Fuß auch noch fest.'" Vermutlich war der Verfasser dieses Witzes auch Romanschriftsteller, der sich mit Witzhonoraren über Wasser hielt. Und weil er nie zu einer Poetikvorlesung eingeladen wurde, hat er alles in diesen Dialog hineingepackt. Da die geschilderte Fortbewegungsart sehr anstrengend ist, schreibe ich nur am Morgen, eine Stunde, eineinhalb. Den Rest des Tages erhole ich mich.

Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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Thomas von Steinaecker

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Quelle: imago/STAR-MEDIA

Thomas von Steinaecker, geboren 1977, lebt in Augsburg. Sein jüngster Roman "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen. . ." erschien 2012 bei S. Fischer.

Früher, bevor ich einen Brotberuf und Familie hatte, habe ich beim Schreiben auf Rituale geschworen: nur wenn es dunkel ist! Nur in einem nicht zu großen Raum! Nur mit Bleistift in eines der handgebundenen Bücher aus diesem einen Geschäft! Damals gehörte all das zu meinem Bild vom "wahren" Schriftsteller. Aber die Regeln, von denen ich gedacht hatte, dass sie unbedingt notwendig seien - sie haben sich als absolut verzichtbar herausgestellt. Oder anders: Ich habe mein Schreiben den veränderten Umständen angepasst. In meiner Arbeitswoche gibt es jetzt "Zeitfenster", mal vormittags, mal nachmittags, auf die ich hinarbeite. "Hinarbeiten" bedeutet: Ich mache mir Gedanken darüber, wie der Roman, an dem ich sitze, weitergeht. Die Szene, der Stil, einzelne Formulierungen. Diese Vorarbeit ist mir mindestens so wichtig wie das Schreiben selbst. Sie kann überall stattfinden, während einer Fahrt, beim Händewaschen. Für Außenstehende sieht das oft so aus, als mache ich "nichts". Aber: Ohne diese Vorarbeit geht absolut nichts.

Dann nähert sich das Zeitfenster. Es ist ein bisschen wie beim Speed-Climbing: Hast du genug gegessen? Bist du ausgeschlafen? Liegt die Ausrüstung bereit: Bleistifte, leere, handgebundene Bücher (ok, ich gebe zu, gewisse Elemente des alten Rituals habe ich beibehalten)? Telefon und Computer aus, Tür zu, Stille, Herzklopfen, Konzentration. Und dann los. Du hast drei Stunden. Stift aufsetzen. Schreiben. Und mit jeder Zeile, jeder Durchstreichung und Überschreibung wachsen Felswände und Vorsprünge, entsteht etwas Massives (das sich manchmal auch nur als ein Haufen Sand herausstellt). Im besten Fall ist der Textabschnitt mit dem Ende des Zeitfensters fertig. Das ist der schönste und tatsächlich romantische Teil der Arbeit.

Ist alles einmal aufgeschrieben, tippe ich es in den Computer. Dann wird es unerfreulich: Ich muss den Text lesen. Regelmäßig kommt der Absturz. Und dann zum Glück, nach ein paar Tagen, genauso verlässlich, das "Ach, so schlecht ist es ja doch nicht." Und es beginnt der zweite Durchgang. Dann der nächste. Und der nächste. Irgendwann, nach Jahren, ist der Tag der Deadline gekommen. Und jedes Mal bei dem Druck auf ENTER, der das Manuskript an den Verlag sendet, habe ich das Gefühl, etwas Wildes, über das ich irgendwann, aber auf jeden Fall schon lange zuvor, die Kontrolle verloren habe, etwas, das eigentlich immer weiterwachsen würde, wenn ich es nur ließe, abgeschnitten, getötet zu haben. In genau dieser Sekunde.

Und dann kommt das nächste Buch.

Foto: imago/Star-Media

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Ann Cotten

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Quelle: Stephan Rumpf

Ann Cotten, geboren 1982, lebt in Wien. Ihr jüngster Erzählband "Der schaudernde Fächer" erschien 2013 bei Suhrkamp.

es ist auf jeden fall besser, nicht zu schreiben • für einen Schriftsteller • also geistig hilfsbedürftige mensch • der an der schrift hängt als am tropf • ist nichtschreiben wie goldkette • gehst du waldspaziergang • bissi vogerl schaun • reh schaun • gut für gesundheit • • • gut ohne dir • • • nix immer gehen straße • wo dich anschau pimpfe die du selbsten anschau • besser weg von die feinde • weg von die denken von die feinde • gut für die kopf • • • hörst du auf freund oder freundin • gesund ernähren • von kraut aus wald auch • wo pisst fux gut schicksal • dann kochen • immer frische gemüse • manxe mal rohe fleisch • • • abends manxemal ausgehen • mit gute hochqualitätsvolle bekannte • mal kurz mal • bis ans ende der nacht • aber nix zu oft! • sonst du kaputt und zu freude nix kraft • dann • leise sein • guten musik hören • in guten sitzuationen • bei die arbeit • 1% schreiben • 99% denken • ist besser für leser • also hören viele musik • machen auch musik selber • maybe funk musik • maybe homerian chants • was du magst • nur nicht den zwei-akkorden-plörre • von weinende dj • • • viel sein auf straßen • sofern du kraft • immer münzen geben • immer paroli geben • aber nix immer selbe straßen • mal SI machen • nix IS • SI situationistische internationale • heißen du gehen in vierteln die wo du nix kennen • aber nix immer tourist • nix immer stipendiat seinen • auch manxe mal nach hause kommen • • • immer frage dir • was ist deine mutter für mensch egtl. • und nutzen gelegentlixe aufträge • als notizblock • sparen papier • • • fortbewegung nix vergessen • geschwindixkeit sehr wichtix • hast du auto oder fahrrad, egal • aber wenn du fahrrad, bist du auch dann keine übermensch • also straßenbahn fahren nicht vergessen • und jede arbeit • machst du so gut wie nur geht • aber nicht sein nervös • vergessen sein selbst und sein nicht bei sich • bei der arbeit • du immer nachdenken • nicht schreiben, nachdenken • und noch 1 tipp • selbsten du hören zu? • heiße badewanne helfen • zu vermeiden unnötigen schriftens • wo nass ist • kann nix schreiben • • • jedenfalls • lieber ficken als schreiben • lieber weinen als schreiben • ebenfalz • wegen die realismus • ABER • lieber schreiben als diskutieren • ABER • lieber schweigen als schreiben • ABER • lieber schreiben als leiden • aber als schrifzsteller • kannstes dir nix immer aussuchen halt • das ist halt das • worum es geht !

Foto: Stephan Rumpf

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David Wagner

Buchmesse Leipzig - David Wagner

Quelle: Jan Woitas/dpa

David Wagner, geboren 1971, lebt in Berlin. Sein jüngstes Buch "Drüben und drüben. Zwei deutsche Kindheiten" erschien 2014 bei Rowohlt.

Wo und wann wie schreiben?

Wo? Gern in der Fremde, im Bett und unterwegs. In großen Städten. Auf einem Hochsitz im Wald. Unter Bäumen. In der Ringbahn, in der Stadtbahn, am See. In Berlin. Auf der Fähre. In Österreich, in der Schweiz. In Bibliotheken. In Helsinki, im ICE, am Meer. In einem Restaurant, während ich warte und während ich esse. In Istanbul, in Venedig. Im Café, am Schreibtisch. In Hotels, zu Hause, in Paris, im Krankenhaus. Auf dem Spielplatz. Da, wo Schiffe fahren.

Wann und wie? Nachts, wenn alles schläft. Frühmorgens, wenn keiner wach ist. Wenn ich träume, wenn das Haus leer ist. Wenn ich allein bin. Wenn ich gehe. Wenn ich keinen Hunger und nicht zu viel gegessen habe, nicht zu müde und nicht zu aufgedreht bin. Mit Füller und Bleistift, mit der Hand auf dem Ausdruck, auf der Tastatur.

Foto: Jan Woitas/dpa

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Iris Hanika

Iris Hanika erhält Preis der LiteraTourNord

Quelle: Arne Dedert/dpa

Iris Hanika, geboren 1962, lebt in Berlin. Ihr jüngster Roman "Wie der Müll geordnet wird" erschien 2015 bei Droschl.

Es gibt Bücher, auf deren Titelblatt ich als Autorin angegeben bin, aber wann und wie die entstanden sind, weiß ich nicht. Ich weiß es wirklich nicht, ich erinnere mich nur an sehr wenige Momente des Schreibens in meinem Leben. Woran ich mich aber in einem fort erinnere und was andauert, woraus alle meine Tage bestehen, ist das Schreibenwollen. Immer will ich schreiben, nichts anderes will ich als schreiben. Darüber schreibe ich allerdings sehr viel, aber natürlich nur in mein Tagebuch, das hauptsächlich aus dieser Mitteilung besteht, also, dass ich heute schon wieder nichts geschrieben habe, genauso wie gestern, und dass ich hoffe, dass es morgen anders sein wird.

Fleißig und täglich gearbeitet habe ich so mit vierzehn, fünfzehn, sechzehn. Damals wollte ich gerne Schriftstellerin werden, habe darum jeden Tag ein Gedicht geschrieben und es jeweils sofort überarbeitet. Entworfen habe ich sie mit Pelikanfüller und lila Pelikantinte auf kariertem Kanzleipapier, das fertige Gedicht habe ich dann in ein liniertes DIN-A-5-Schulheft übertragen; jeweils nachmittags, nach der Schule. Das hat irgendwann aufgehört, seither befinde ich mich in einer Schreibkrise. Immerhin habe ich wieder angefangen, mit der Hand zu schreiben, weil ich vielleicht in Wirklichkeit nur schreiben, ich meine, diese Kulturtechnik pflegen will. Das war von Anfang an so. Tinte auf Papier sehe ich sehr gerne, und mit Tinte, Papier und Füllfederhaltern kenne ich mich inzwischen so gut aus, daaa es mir peinlich ist (Verlagerung der Aufmerksamkeit aufs Gerät, wenn die Arbeit nicht vorangeht).

"Was weiß ich, ich schreibe, weil ich es hübsch finde, so die Zeilen mit zierlichen Buchstaben auszufüllen", steht in Robert Walsers Buch "Fritz Kochers Aufsätze". Genau das ist es, weiter nichts: immer weiterkritzeln; wann, wo und wie genau das geschieht, ist egal.

Foto: Arne Dedert/dpa

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Nora Bossong

Nora Bossong erhält Peter-Huchel-Preis

Quelle: Patrick Seeger/dpa

Nora Bossong, geboren 1982, lebt in Berlin. Ihr jüngster Roman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" erschien 2012 bei Hanser.

Wie ich schreibe? So jedenfalls nicht. Das hier ist kein Schreiben, das hier ist ein Kampf um Konzentration in einem neapolitanischen Internetcafé. In einer Telefonbox spricht ein Mann bis nach Marokko und die Tastatur vor mir ist speckig von unzähligen anonymen Benutzern. Zugegeben, meine Tastatur zu Hause ist auch nicht besonders sauber, denn ich nehme den Laptop überallhin mit, sogar ins Café am Abend, in dem ich nach der Textarbeit noch eine Kleinigkeit esse.

Nur nach Neapel habe ich ihn nicht mitgenommen. Das hat mich schon auf dem Flug hierher nervös gemacht, und ich habe besorgt auf meinen Begleiter geschaut, der vom drohenden Unheil nur wenig ahnte. A. weiß um meine Besessenheiten, aber er kennt sie nur, solange ich sie ausleben darf. Morgens, mit dem ersten Kaffee, bis zum Mittag, frühen Nachmittag, dann wieder abends, am besten stört man mich dabei nicht, meine Freundlichkeit, die ich an den Tag lege, ist nur gespielt und dahinter reißt etwas an seiner Kette. Cave Canem.

Dieser Hund begleitet mich überall hin, er wacht über das, was um uns geschieht, dafür will er Auslauf und gefüttert werden. Ihn für den Urlaub auszuquartieren ist, als hätte ich mich selbst ins Tierheim gebracht.

Jetzt bin ich allein mit A. und Neapel, keine Möglichkeit, die Finger schneller als das Geschehen im Kopf zu bewegen und das schwerfällige Denken anzutreiben. Stattdessen Kettenrasseln. Werde ich bald überhaupt noch denken können? Wenn ja, wuchert es palimpsestartig in meinem Kopf, bis es da drinnen so bunt und laut und konfus ist wie Neapel selbst? Wie lange werden mich die 30 Minuten Tippfrieden, die ich mir für einen Euro im Caffè del Generale erkauft habe, ruhig halten? Ich möchte alle Hunde loshetzen. A. steht in der Tür und nickt mir zu, ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Gehen wir essen.

Foto: Peter Hassiepen

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Doron Rabinovici

Kinder und Jugendbuchpreise Wien, Rathaus, 20. 01. 2010 Doron RABINOVICI

Quelle: imago/SKATA

Doron Rabinovici, geboren 1961, lebt in Wien. Sein jüngster Roman "Andernorts" erschien 2010 bei Suhrkamp.

Sobald meine Tochter auf dem Schulweg ist, suche ich mir einen Platz, an dem ich zur Ruhe komme und in die Sprache eintauchen kann. Bei der einen Prosa braucht es vollkommene Stille, bei einem anderen Kapitel will ich von Hintergrundgeräuschen umspült sein. Die Klangräume helfen mir, mich auf eine Situation einzustimmen. Wird das Schweigen daheim zu laut, werde ich von Anrufen bestürmt, weiche ich aus - etwa in ein Kaffeehaus. Nicht, um andere Menschen zu treffen, sondern weil ich besser allein sein kann, sobald ich mich nicht allzu einsam fühle. Das Gerede im Lokal stört mich nicht, solange mich nur niemand anspricht.

Oft sehne ich mich nach Bibliotheken oder Archiven, weil sie Orte der Sammlung sind. Ich höre das Rascheln von Blättern, das Zuklappen eines Bandes, das Rücken eines Sessels, zuweilen Schritte, und das Arbeiten der anderen im Lesesaal beflügelt mich. Hier finde ich auch jene Literatur, die ich für die Entwicklung meiner Handlung brauche.

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an meinem Laptop sitze, denn auch, wenn ich keinen Buchstaben schreibe, warte ich immer auf den nächsten Satz und gehe immer wieder durch, was ich gestern verfasste. Manchmal wache ich selbst nachts auf, weil ein Satz mich umtreibt und sogleich niedergeschrieben werden will.

Früher, in den Neunzigern, formulierte ich zunächst alles mit der Hand, um es am Abend in den Computer zu übertragen. Es war eine bewusste Entscheidung, mich von diesem Vorgehen zu verabschieden. Ich will das Produktionsmittel der Gegenwart verwenden. Es soll meine Sprache prägen. Das Papier brauche ich, wenn ich mir eine Erzählstruktur ausmalen will. Da hilft es, Skizzen der Geschichte aufzuzeichnen. Das Papier ist auch unersetzbar, wenn es um Verbesserungen geht. Erst im Ausdruck erkenne ich oft, wo es sich spießt.

Foto: imago/Skata

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Eva Menasse

Eva Menasse, österreichische Autorin; Eva Menasse

Quelle: Ekko von Schwichow

Eva Menasse, geboren 1970, lebt in Berlin. Ihr Essayband "Lieber aufgeregt als abgeklärt" erschien 2015 bei Kiepenheuer & Witsch.

Idealerweise schreibe ich jeden Tag zur selben Zeit und am selben Ort, in Berlin in der herrlich hässlichen, seit Jahren baufälligen Stabi, wo ich um neun Uhr morgens den immergleichen Schreibtisch beziehe, es sei denn, das Dach darüber ist undicht. Zurzeit bin ich in Rom, in der Villa Massimo, aber hier, wie der Komponist von Nummer vier gestern so treffend sagte, ist es ja fast zu schön zum Arbeiten.

Nach meiner Erfahrung hängt das Schreiben von Romanen genauso von Disziplin, Handwerk und sturem Durcharbeiten ab wie die Form der Musiker von Fingerübungen und die der Maler von Skizzen. Üben, üben, üben. Joyce Carol Oates hat einmal gesagt: "Die Leute glauben, ich schreibe den ganzen Tag, dabei schreibe ich den ganzen Tag nur um." Genauso ist es. Wer kein solipsistisches Vergnügen daran findet, jeden Satz oder Absatz unzählige Male zu prüfen, zu verändern, damit zu spielen wie mit einem Sucht-Objekt, der wird mit dem Schreiben nicht glücklich werden. Ich bin beim Schreiben oft sehr unglücklich, dann aber wiederum so unerwartet glücklich, dass ich das Unglück gern auf mich nehme, Tag für Tag.

Mein größtes Problem ist, dass ich nicht aufhören kann. Wenn es nicht läuft, gehen die Selbstgeißelungsrituale bis in die Nacht, lassen nicht schlafen, folgen in die Träume. Aber wenn es gut läuft, ist es fast schlimmer, wie in dem Märchen mit dem süßen Brei. Man kann schon nicht mehr, will der quellenden Massen aber Herr werden, den Reichtum an sich raffen bis zuletzt. Die Uhr, die befiehlt, wann die Kinder geholt werden müssen, ist ein Hassobjekt. Das Wochenende eine Zumutung. Die in immer kürzeren Abständen wie biblische Plagen hereinbrechenden Schulferien sind sowieso eine kunstfeindliche Katastrophe. Das Liebesobjekt ist der Text; scheu und fluchtbereit der Geist, der ihm das Leben einhaucht. Allerdings halte ich diesen ganz intensiven Wahnsinn höchstens ein paar Wochen lang durch, dann geht das Hirn einfach in Streik, manchmal mitten im Satz. Danach dauert es wieder quälend lange, bis man zurück in den Fluss kommt: korrigieren, streichen, warten, lesen, hoffen. Deshalb vergehen zwischen den Büchern manchmal Jahre. Ich mag Lesereisen, weil sie einen verlässlich-sanft vom letzten Buch abschneiden. Ich glaube ja nicht, dass es sich beim Schreiben von Romanen insgesamt um einen sozial verträglichen Beruf handelt. Aber welcher Beruf, den man wirklich liebt, wäre das denn?

Foto: Ekko von Schwichow

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Lutz Seiler

Lutz Seiler

Quelle: Arne Dedert/dpa

Lutz Seiler, geboren 1963, lebt in Wilhelmshorst/Berlin und in Stockholm. Sein jüngster Roman "Kruso" erschien 2014 bei Suhrkamp.

Der perfekte Tag: am Vormittag schreiben, am Nachmittag leichte Gartenarbeit. "Leichte Gartenarbeit" heißt Recherche, Lektüre, Mails. Mails möglichst erst ab 17 Uhr. Läuft es gut, habe ich bereits eine Stunde geschrieben, wenn die erste Kindergartenkompanie den Spielplatz vor meinem Stockholmer Arbeitszimmer erobert.

Bis heute ist der handgeschriebene Text das wichtigste Medium meiner Schreibarbeit. Die erste Fassung meines Romans "Kruso" habe ich mit Bleistift in linierte, randlose Ringblöcke geschrieben. Bei der Schreibarbeit versuche ich, mich so lange wie möglich im Schriftbild dieser Bleistiftfassung aufzuhalten , mit Durchstreichungen, Ergänzungen, Marginalien, jedenfalls so lange, bis mich das Chaos auf dem Blatt zum nächsten Schritt zwingt.

Beim Schreiben muss ich immerzu sprechen, im Grunde ist jeder Satz ersprochen. Das Ohr kontrolliert, die Hand mit dem Bleistift begleitet. Der irgendwann unvermeidliche Computerausdruck hingegen entwickelt eine eigene Autorität - er tut so, als wäre er schon etwas, ist störrisch in der weiteren Überarbeitung. In der Regel schreibe und überarbeite ich also so lange wie möglich mit dem Bleistift. Ich benutze die schwarz-gelben Exemplare der Firma Staedtler Mars GmbH aus Nürnberg, mittlere Härte HB 2, namens Noris. Noris muss immer sehr spitz und möglichst frisch sein - sind zwei, drei Zentimeter heruntergeschrieben, liegt er schon nicht mehr so gut in der Hand. Hat Noris etwa ein Drittel seiner ursprünglichen Größe eingebüßt, ist die Grenze erreicht. Mein Verschleiß ist beachtlich. Nicht, weil ich viel schreibe, mehr, weil ich viel spitze. Am allerbesten ist der lange, bis zum Äußersten angespitzte Bleistift - so spitz, dass gleich beim ersten Wort ein wenig vom Grafit wegsplittert und eine winzige Explosionsspur übers Blatt zieht. Der Ausdruck "überspitzt" leuchtet mir vollkommen ein.

Foto: Arne Dedert/dpa

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Sibylle Berg

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Quelle: imago/Hoffmann

Sibylle Berg, geboren 1962, lebt in Zürich. Ihr jüngster Roman "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" erschien 2015 bei Hanser.

Der Text Körper. Das Wort gewordene Wort. Das sind meine Themen in der Nacht, die ich an einem Stehpult verbracht habe, um nicht nachlässig zu werden, um eine Spannung zu erhalten, aus der ich im Geworfensein Kunst werden lasse. Mein Leben ist geborgt. Eine Leihgabe der Worte, die durch mich fließen wie sämiger Brei. Den ich ausspucke, hart werden lasse und dann mit einem Meißel bearbeite. Die Worte. Tagelang kann ich auf der Suche nach dem einen richtigen Wort zubringen. Ich esse dann nicht. Trete nicht aus. Lese ein paar Klassiker, um mich von anderen Störgeräuschen zu befreien. Manchmal hilft eine Geißelung. In Maßen. Menschenkontakt habe ich nicht. Wer will schon einen Kontakt mit mir, die ich glasig durch die anderen blicke, immer am Formulieren, getrieben. Ich muss. Ja was denn eigentlich, frage ich mich an dem einen Tag Urlaub im Jahr, den ich mir mit dem Lesen von Huchel-Gedichten zubillige. Es geht mir nicht um Verständlichkeit. Verstehen kann jeder. Im Bergbau meiner Textkörper entstehen Wortskulpturen, die sich, am Gipfel des Universums angelangt, in Kaskaden reinsten Glückes auflösen, die Lebenden der wenigen Leser, die meine Reise ins Nirwana mit mir unternehmen, umspülend wie Nektar. Ab und zu nehme ich an Talkshows teil, um Volksnähe zu spüren. Mit anderen sitze ich, rauche eine stille Pfeife und versuche, über meine Arbeit zu berichten. Das interessiert die Leute. Ich beziehe Stellungen zu Zeitproblemen, Nahostkonflikt, Ukrainekrise, Ebola. Kann ich. Mach ich. Alles in mir ist auf Unsterblichkeit angelegt. Meine Worte, mein Körper, mein Tun. Transhumanismus, Robotik, selbstlenkende Autos, Atomprogramme - albern. Lächerlich. Die Geschicke der Welt liegen in den Händen der Dichterinnen.

Der Stein auf dem Friedhof, unter dem ich einstmals mit meinen Werken ruhen werde, steht schon.

Foto: imago/Hoffmann

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Hans Pleschinski

Hans Pleschinski in München, 2014

Quelle: Stephan Rumpf

Hans Pleschinski, geboren 1956, lebt in München. Sein jüngster Roman "Königsallee" erschien 2013 bei C.H. Beck.

Wann schreibe ich dies? Und Anderes? Wenn ich mich nach dem Frühstück mit dem Zweitkaffee stöhnend vor den PC setze. Meine sukzessive Selbstauflösung wandelt sich dann im Laufe eines Vormittags in eine bis zu sechs Seiten diverser Texte. Romane entwickeln sich langsam, ruckhaft; journalistische Arbeiten müssen oft in einem Zug bewältigt werden.

Woher das gerne diagnostizierte Heitere in meinen Schriften stammt, weiß ich nicht. Am zermürbendsten bleibt aber das Korrigiergefummel an bereits geborenen Wortfolgen. Zuspitzen, Klären, Polieren! Gegen Mittag bin ich unterzuckert, und ich eile zu einer guten Suppe im Imbiss der Münchner Metzgerei Schlagbauer. Hernach folgt die frühe Krönung des Tages, der pure Luxus, die Rebellion gegen die Leistungsgesellschaft, der Mittagsschlaf. Der Schlummer ist der Cordon sanitaire zwischen der Literaturplackerei und diffusen Resttagen aus Spaziergang, Grübeln und Volleyball beim amüsanten Verein Bavaria Rosé. So geht es seit dreißig Jahren.

Zur Arbeit brauche ich die Zimmerecke mit meinem Schreibtisch. Stipendien an anderen, verlockenden Orten habe ich stets gefürchtet. Gefördert in Florenz, in Los Angeles weilen und an deutscher Literatur werkeln? . . . Das schien mir immer widernatürlich. In Florenz arbeitet man nicht. Florenz genießt man. So bleibt mein Apple-Winkel neben dem Fenster My private Weimar, irgendwo in Zeit und Kosmos.

Foto: Stephan Rumpf

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Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Quelle: Tobias Bohm/S. Fischer Verlag

Felicitas Hoppe, geboren 1960, lebt in Berlin. Ihr jüngster Roman "Hoppe" erschien 2012 bei S. Fischer.

Als der weltweit berühmte amerikanische Kinderbuchautor Dr. Seuss einmal auf einer Party von der nicht minder berühmten Jackie Onassis nach Wann, Wie und Wo seines Schreibens gefragt wurde, antwortete er: "Ich besorge mir alle meine Ideen in der Schweiz, unweit des Furka-Passes. Dort gibt es eine kleine Stadt mit Namen Gletsch, und zweitausend Fuß oberhalb von Gletsch gibt es eine noch kleinere Stadt, ein Dorf namens Übergletsch. Dahin fahre ich jeden Sommer, um meine Kuckucksuhr reparieren zu lassen. Während der Kuckuck im Krankenhaus ist, laufe ich herum und rede mit den Leuten auf der Straße. Es sind ziemlich komische Leute, und von ihnen bekomme ich meine Ideen." Genauso mach' ich es auch.

Foto: Tobias Bohm

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Kathrin Röggla

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Quelle: imago/DRAMA-Berlin.de

Kathrin Röggla, geboren 1971, lebt in Berlin. Ihr jüngstes Buch "Die falsche Frage. Theater, Politik und die Kunst... " erschien 2014 im Theater der Zeit Verlag.

Es gibt kein Anfangsmuster und kein Abschlussmuster für mein Schreiben, das vielleicht nicht so sehr meines ist, wie ich gerne hätte. Es hängt davon ab, wie die stoffliche Situation gelagert ist. Ein Roman, der sich mit dem Ökonomischen beschäftigt, braucht andere Sitzpositionen als ein Theaterstück der Postdemokratie. Beide scheinen sich derzeit auszuschließen, deswegen betreibe ich beides und versuche Verbindungen herzustellen, wo sie mir dringlich erscheinen.

Das einzige charakteristische Merkmal meiner Arbeit ist der Wechsel und der Widerspruch. Der Wechsel zwischen Stehen und Sitzen und Hin- und Herlaufen, zwischen Schreiben, Telefonieren, Reden, Hören, Lesen, Lachen, Wütend werden, es mit der Angst zu tun bekommen, Nachdenken, vor allem der Wechsel von Fragen und Antworten, bis die Positionen nicht mehr klar sind - Bälle zuschießen, hat man das früher genannt, aber das trifft es nicht, genauso wenig wie Ping-Pong. Schreiben ist kein Sport, auch wenn wir uns lange an diesen Gedanken gewöhnt haben, und schon gar kein Leistungssport wie oft nahegelegt. Außerdem: Der Ball hüpft mehr oder weniger dahin, wohin er will und er braucht dazu Zeit. Eine Zeit, die nur schlecht eine ökonomisierbare ist.

Das zweite Charakteristikum, der Widerspruch ist nicht beliebig, er taucht an einem anstrengenden Zeitpunkt der Textproduktion auf, wird dringlicher und ist doch nicht einfach zu lösen. Das heißt, ich muss mir widersprechen, und das ist keine unkomplizierte Angelegenheit (wie wir uns vorzustellen angewöhnt haben). Deswegen sind Korrekturen der eigentliche Schwerpunkt meiner Arbeit, die einzelnen Entwürfe schreibe ich oft bis zu fünf Mal neu.

Foto: imago/Drama

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Clemens Setz

Clemens J. Setz

Quelle: Arno Burgi/dpa

Clemens Setz, geboren 1982, lebt in Graz. Sein jüngster Gedichtband "Die Vogelstraußtrompete" erschien 2014 bei Suhrkamp.

Ich arbeite mit allen möglichen Arbeitsgeräten: Notizbuch und Bleistift, Google Docs, Microsoft Word auf Laptop. Selten nehme ich auch Einfälle als Sprachnotiz auf oder lasse Siri was transkribieren, die iPhone-Spracherkennung funktioniert inzwischen phänomenal gut. Sinngemäß verstehen tut sie kaum was, aber Gehörtes in Schrift umzuwandeln, das beherrscht sie.

Wie viele Stunden am Tag ich an einem Buch oder einem Text arbeite, hängt von der Phase ab, in der ein Projekt steckt. Gerade jetzt bin ich eher in einer Spielphase, ich beschäftige mich mit mehreren Sachen gleichzeitig und warte, bis ich bei einer davon den charakteristischen Ruck an der Leine spüre. Außerdem kann ich im Augenblick aus gesundheitlichen Gründen (Wirbelsäulenprobleme, Augenkrankheit) nicht lange an einem Schreibtisch sitzen und arbeiten. Ich verwende für die Arbeit manchmal "artificial silence", d.h. weißes Rauschen, das ich über einen In-Ear-Kopfhörer anhöre. Nur die Stimme meiner Katze dringt durch dieses Rauschen, Telefon und Türklingel werden ausgefiltert.

Wenn etwas fertig wird, zeige ich es als Erstes meiner Lektorin. Ich gebe dann immer das fertige Werk ab, nie Teile oder Ausschnitte daraus. Sonst belästige ich eigentlich niemanden mit längeren Texten.

Foto: Arno Burgi/dpa

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Kathrin Passig

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Quelle: imago/Hoffmann

Kathrin Passig, geboren 1970, lebt in Berlin. Ihr jüngstes Buch "Weniger schlecht programmieren", erschien 2013 bei O'Reilly.

Eine der Fragen, zu deren Beantwortung wir hier eingeladen sind, lautet: "Schreiben Sie auf einem Rechner mit Internetzugang (i.e. Wie viel Ablenkung während des Schreibens ist erlaubt?)" Die Frage höre ich öfter, und immer spielt das Internet darin die Rolle des Störenden, des Gegenpols zur eigentlichen Arbeit. Ich brauche das Netz aber zum Schreiben. Ohne Netz produziere ich erstens Texte, in denen statt Namen, Daten, Zitaten und Sachverhalten nur TODO NACHSEHEN steht. Zweitens schreibe ich seit vielen Jahren alles in Google Docs, ein Online-Textverarbeitungswerkzeug, das zwar zur Not auch offline funktioniert, seine Stärken aber erst entfaltet, wenn es Netz gibt. Dann kann man mit Anderen am selben Text schreiben. Manchmal möchte ich beim Schreiben lieber allein sein oder finde keine Co-Autoren. Später lade ich dann Testleser, Lektoren oder Redakteure ins Dokument ein. Auch das Veröffentlichen des Textes ist nur eine weitere Auswahlmöglichkeit auf derselben Skala, die von "nur ich" über "ich und ausgewählte andere Leute" bis zu "jeder mit dem Link" und "alle, auch Suchmaschinen" reicht. Dieser Beitrag ist so entstanden. Das mit der Ablenkung ist natürlich auch nicht ganz falsch. Ich spreche mit André Spiegel über die Frage, der unter flfnd.tumblr.com schreibt. Beim Bloggen ist die Anwesenheit von Internet ja generell nützlich. Er sagt: "Das Internet hat auch den Vorteil, dass es mich ablenkt, damit ich das, was sowieso nicht geschrieben werden muss, auch nicht schreibe." Ich habe noch viele Meinungen zu diesem Thema, aber davon ein andermal mehr. Das Internet ruft.

Foto: imago/Hoffmann

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Juli Zeh

Juli Zeh

Quelle: picture alliance / dpa

Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, lebt in Barnewitz, Brandenburg. Ihr jüngstes Buch "Nachts sind das Tiere" erschien 2014 bei Schöffling.

Ich bin dann ein glücklicher Mensch, wenn ich jeden Tag schreiben kann, wobei zwei Stunden absolut ausreichend und drei Stunden richtig viel sind. Am liebsten entweder abends spät oder in den sehr frühen Morgenstunden. Im Grunde sind Ort und Zeit aber egal, es sollte nur einigermaßen ruhig sein, aber selbst das lässt sich zur Not mit Kopfhörern und laut aufgedrehter Musik ausgleichen (im ICE oder wenn eines der Kinder nach Leibeskräften brüllt). Während ich an einem Text arbeite, gebe ich ihn niemandem zu lesen und spreche auch ungern darüber. Wenn eine erste Fassung fertig ist, ändert sich das komplett. Zuerst liest mein Mann, der auch mein liebster und bester Lektor ist, den neuen Text und gibt ein erstes Urteil ab. Danach versuche ich, die Meinungen und Korrekturen von vielen anderen Menschen zu bekommen - der Verlagslektor, aber auch befreundete Schriftsteller. Auf dieser Grundlage überarbeite ich so lange, bis sich das Abgabedatum nicht länger hinauszögern lässt. Was Ablenkung betrifft: Als sehr effektiv hat es sich erwiesen, wenn der Rechner nicht am Netz ist, ich aber gelegentlich übers Handy etwas nachgucken kann.

Foto: oh

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Thomas Melle

Deutscher Buchpreis 2014 - Thomas Melle

Quelle: Arne Dedert/dpa

Thomas Melle, geboren 1975, lebt in Berlin. Sein jüngster Roman "3000 Euro" erschien 2014 bei C.H. Beck.

Ich schreibe die meiste Zeit gar nicht, jedenfalls nicht Prosa, oder eben doch: denn man ist ja, auch ohne zu schreiben, schreibend unterwegs, rezeptiv, halbbewusst sammelnd, und die Konzeption hört noch in den bedrückendsten Schreibblockaden nicht auf.

Die Sachen müssen zwanglos reifen, sich legen, von Ideen hochhysterisiert werden, sich wieder legen, fermentieren. Einzelne Sätze schießen hoch und setzen Markierungen. Plötzlich ist vielleicht eine Situation da, die bleibt. Es geht ja viel eher um Situationen als um Figuren, habe ich inzwischen verstanden. Die Situationen sind aber verwickelt und lassen bisweilen auf sich warten.

Und wenn es dann so weit ist, wenn klar ist, jetzt muss es losgehen, jetzt bin ich reif, dann ist asoziales, tägliches Schreiben erste Pflicht, und zwar ab neun Uhr morgens. Dann wird das monatelang durchgezogen, immer zu Hause, selten woanders, nie im Café, bis in den späten Nachmittag hinein. Und es macht mir endlich auch wieder Spaß.

Deshalb sind diese Lesungsphasen auch so scheußlich unproduktiv, zumal, wenn die Termine einen über Monate zutröpfeln. Stete Lesung höhlt nämlich das Schreiben, dauernd wird man wo herausgerissen, und was man gestern Abend auf der Bühne sagte, lähmt einen weit über den nächsten Morgen hinaus, weil es nie ganz zusammenpasst.

Reisen ist ohnehin tödlich, und eine einzige Buchmesse kann eine halbjährige Verwirrung nach sich ziehen. In die Uckermark zu ziehen ist aber auch keine Lösung. Dann lieber Formatwechsel: Übersetzungen, ein Drehbuchentwurf, das Theaterstück. Bringt Auflockerung, Horizontverschiebung, Luftzufuhr - nutzt sich aber auch ab. Dann wird es langsam wieder dunkel. Der Frühling möge kommen.

Foto: Arne Dedert/dpa

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Jan Wagner

Jan Wagner

Quelle: Villa Massimo, A. Novelli/dpa

Jan Wagner, geboren 1971, lebt in Berlin. Sein jüngster Gedichtband "Regentonnenvariationen" erschien 2014 bei Hanser Berlin.

Gelegentlich beneide ich Maler und Bildhauer, die das Atelier nach ihrem Tagwerk staubbedeckt und mit Farbe bekleckst verlassen, denen man also ansieht, dass sie ihrer Kunst, aber auch einem Handwerk nachgegangen sind. Ich selbst benutze einen Kugelschreiber und bin überglücklich, wenn nach einigen Stunden schwarze Schlieren und Flecken an den Fingern zurückbleiben und nicht nur am Papier, sondern auch an der Haut abzulesen ist, dass nicht nur geschaffen, sondern geschafft wurde. Beim Schreiben von Gedichten handelt es sich ja nicht um einen magischen Akt, eher um eine Magie zweiter Ordnung, und ein Gedicht entsteht weder beim Gang übers Moor noch beim Ritt im Mondschein. Dennoch sieht es so aus, als gehörten magische Rituale dazu, ertappt man sich bei Handlungen, die nur mit einem tiefverwurzelten Aberglauben erklärt werden können - sei es, dass es immer ein bestimmtes Modell eines schwarzen Kugelschreibers sein muss, sei es, dass ich an einer Art von liniertem Notizbuch nicht nur hänge, sondern geradezu von diesem Din-A-5-Heft abhängig bin.

Viel wichtiger als diese Rituale ist aber die Tatsache, dass ich stets mit der Hand schreibe; es scheint mir entscheidend zu sein, die Textgestalt so lange wie möglich als Provisorium zu erhalten, das Gedicht unfertig und den Stoff, die Sprache formbar zu lassen, nicht zu früh auf eine Gestalt festzulegen - was durch ein makelloses Druckbild zwangsläufig geschieht. Erst in einem späten Stadium des Gedichts tippe ich es ab, trete damit gleichsam einen Schritt zurück und betrachte aus größerer Distanz und mit kritischem Auge, was da rein und gleichförmig steht und in dieser starren und sozusagen objektiven Form Feinarbeiten am Text erlaubt. Am liebsten schreibe ich abends, sobald es dunkel wird, der Verkehr in Neukölln abebbt, wenn es still und schwarz genug ist, um mich abzukapseln in meiner Funzelhöhle, im Arbeitszimmer also, zwischen den Büchern, aber keinesfalls am Schreibtisch - sondern in einem riesigen Ledersessel, einem Trumm, der schwerer als jeder Kleinwagen ist, mich jedoch, wenn ich nur ein bißchen Glück habe, sehr viel weiter trägt.

Foto: Villa Massimo/Alberto Novelli/Hanser Berlin/dpa

© Süddeutsche Zeitung vom 11.03.2015/pak
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