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"Schön doof" zu U2 und Apple:Wie unsichere Zwölfjährige

Apple CEO Tim Cook, Bono, U2, iPhone

Apple CEO Tim Cook und U2-Sänger Bono bei der Präsentation des iPhone 6 in Cupertino, Kalifornien

(Foto: AP)

In seiner Jugend hätte sich unser Autor gerne CDs von U2 gekauft. Ging aber aus Gründen der Coolness nicht. Heute kriegt man den Bono-Sound gratis aufs iPhone. Ein Skandal? Geschenkt!

Ich habe mir noch nie eine U2-Platte gekauft. Nicht, weil ich die Musik der Band nicht mochte. Ich hatte damals, als mir ihre Lieder noch richtig gefielen, einfach nicht genügend Geld (und Mumm), um mir zusätzlich zu all den schweren Pearl-Jam- und Nirvana-Alben auch noch die poppige U2-CD "Achtung Baby" zu kaufen. Zum Glück gab es bereits 1991 Wege, Musik kostenlos zu hören.

Erstens im Radio. Hörte ich aber selten. Über die Senderauswahl im Auto hatte ich nämlich keine Macht, bei uns galt: Gebt den Kindern das Kommando, aber Finger weg vom Autoradio-Knöpfchen; solange du deine Füße in meinen Fußraum, quasi. So hörte ich nie U2, sondern immer B5.

Zweitens auf MTV. Damals sah ich noch klassisch und vor allem exzessiv fern, immer nachmittags, wenn die Eltern in der Arbeit waren (Erklärung siehe Punkt 1). Wenn das Video zu U2s "Even Better Than the Real Thing" kam, musste ich aber wegschalten, weil mir dabei übel wurde. Die Kamera drehte sich da schwindelerregend schnell um die Musiker. Nun könnte man schwadronieren, dass sich damals eben noch die ganze Welt um die Band drehte, oder auch, dass das Video wegweisend war, weil bei U2 später anscheinend allen schlecht wurde. Eigentlich gibt es zu dem Video jedoch nur zu sagen, dass es halt nicht so gut ist wie das Lied.

Lektion fürs Leben

Drittens im Müller-Markt. Ich gab mich kaufinteressiert an diversen CDs, die ich vor dem äußerst wahrscheinlichen Erstehen bitte noch einmal ganz kurz am Tresen prüfen mochte. Die Verkäufer legten verlässlich die CDs in die Player und gaben mir den Kopfhörer. Zum einen stellte ich dabei fest, dass mir die U2-Platte richtig gut gefiel. Zum anderen begriff ich damals, dass Zwölfjährige, wenn sie als potenzielle Konsumenten im Müller-Markt stehen, weit mehr Rechte genießen, als wenn sie als pubertierende Kinder im elterlichen Wagen sitzen. Diese Lektion fürs Leben nahm ich mit, die CD allerdings nicht. Sie war Pop, und in meinem Alter konnte ich es mir unmöglich leisten, neben Grunge noch ein zweites identitätsstiftendes Genre anzupacken. Weder finanziell noch vom Image her.

Mit der Zeit wurden der Kontostand und das Selbst erheblich rüstiger, und heute kann ich hochgelobte Musik sogar auf Verdacht kaufen. Aber wie gesagt: Nie habe ich Alben von U2 gekauft. Weil die immer schwächer wurden. Heißt es zumindest. Genau weiß ich es nicht, weil U2 auf meinem mittlerweile selbst gewählten Sender (B5) nicht läuft, MTV so tot ist wie Kurt Cobain und wie vielleicht auch bald der Müller-Markt, den aufzusuchen ich als Amazon Prime-Mitglied tunlichst meide. Kostenlose Musik höre ich kaum mehr, trotz des legalen und illegalen Überangebots im Netz. U2 sind mir daher fremd geworden. Aber neugierig war ich doch, als die Meldung kam, es gäbe ein neues Album.

Bitte schön, danke schön!

So. Das alles muss man wissen, um zu verstehen, dass ich mich ehrlich gefreut habe, als Apple mir (und 500 Millionen anderen iTunes-Nutzern) kürzlich ebenjenes Album schenkte, in voller Länge und ohne Werbung. Kostenlose Musik, ohne jeglichen Aufwand, bitte schön, danke schön! Erst später habe ich gelesen, diese Reaktion sei angesichts einer Marke wie Apple naiv; angesichts des engen Speicherplatzes auf dem iPhone verrückt; und angesichts einer Band wie U2 eben zum Kotzen.

Das Album heißt "Songs of Innocence" und ist gar nicht mal so gut. Macht aber nix, die Dateien können ruhig herumliegen auf dem iPhone, so wie die anderen, von mir selbst viel ambitionierter draufgeladenen und danach nie gehörten artsy-fartsy Alben. Und wenn mir doch mal der Platz ausgehen sollte, dann lösche ich das U2-Album, Lied für Lied. Sind zwei Wischer pro Nummer, macht 22 Wischer. Da braucht es den nun extra eingerichteten Lösch-Button von Apple gar nicht. Ungeliebte Geschenke habe ich schon mit ärgerem Aufwand entsorgen müssen. Kein großes Ding.

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Aber das kann man auch anders sehen, besser gesagt: anders sehen wollen, besser gesagt: man kann dabei gesehen werden wollen, wie man es anders sieht. Apple eignet sich hervorragend für schnelle Systemkritik (durch iPhone-Nutzer!), und das automatische Laden des Albums eignet sich hervorragend, um Eingriffe in die private Datensammlung anzuprangern. Vor allem aber eignet sich eine angestaubte Riesenband hervorragend als simple Distinktionsmedizin und zur Kritik am Superkommerz (durch Apple-Kunden!). Oder wie der Rapper Tyler the Creator unübersetzbar und im Wissen um billigen Applaus twitterte: "Fuck You Bono You Old fuck i don't want you on my iPhone nigga bitch with stupid glasses fuck Bono".

Man sollte über manche der Kritikpunkte ausgiebig nachdenken. Man kann aber auch mal nur kurz stutzen. Und dann wirken die wütendsten Kritiker doch: wie unsichere Zwölfjährige, die fürchten, sich U2 identitätsmäßig nicht leisten zu können. Und wenn keiner hinschaut, hören sie heimlich "In the Name of Love".