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Satire in der Flüchtlingkrise:Und bei der Karikatur ist das nicht so?

Nein, sie bezieht sich zwar auf dieses Bild. Aber es ist eine abstrahierte Zeichnung, bei der man keinen Gesichtsausdruck sieht. Das ist ein großer Unterschied.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man den Tod dieses kleinen Jungen für so eine Botschaft benutzen darf.

Ja, das stimmt. Aber dadurch, dass dieses Bild eine Ikone der Flüchtlingskrise geworden ist, finde ich das in Ordnung. Denn es geht nicht in erster Linie um den Jungen, sondern um den Umgang westlicher Gesellschaften mit der Flüchtlingkrise.

Das Satire-Website "Postillon" hat eine Fake-Meldung über den Lastwagen mit 71 toten Flüchtlingen in Österreich gemacht. Da heißt es: "Alles wieder gut: Österreich versenkt Lastwagen mit toten Flüchtlingen im Mittelmeer." Der erste Satz: "Jetzt hat alles wieder seine Richtigkeit." Darunter sieht man ein Bild von einem Kran, an dem ein Lastwagen überm Meer hängt. Ist das Satire oder einfach nur makaber?

Das ist natürlich starker Tobak. Der Postillon schafft es, die Kritik knallhart auf den Punkt zu bringen: Die Leute regen sich erst dann auf, wenn so ein Lastwagen bei uns in Österreich entdeckt wird. Aber alle Menschen, die im Mittelmeer sterben oder an den Küsten fremder Länder stranden, die gehen uns nichts an, denn das passiert ja weit weg.

Also geht diese satirische Aufarbeitung Ihnen nicht etwas zu weit?

Man muss ja kritisieren, dass Menschen sterben. Als Satiriker muss man die Schrecklichkeit des Todes irgendwie darstellen und ins Bild setzen können. Dieser Lastwagen ist nicht offen. Man sieht die Menschen nicht, die darin gestorben sind, wie es auf einem Bild in der österreichischen Kronen Zeitung abgebildet wurde. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte man noch einmal genauer hinschauen müssen. Aber so kann man das zur Kritik benutzen. Gerade weil es manche Menschen aufrüttelt und zum Nachdenken anregt.

Also darf man Ihrer Meinung nach humorvoll auf das Leid und auch auf den Tod von Menschen in Satire eingehen?

Ich glaube nicht, dass es bei Satire immer humorvoll zugehen muss. Die Charlie-Hebdo-Satire ist in keiner Weise witzig und die ist auch nicht witzig gemeint.

"Der Postillon" hat aber schon einen absurden Humor ...

Ja, aber jeder sieht, dass es eigentlich um ein ernstes Thema geht. Das bewirkt, dass man sich dem Thema zuwendet. Humor steht dem Tod auch nicht immer entgegen. Wenn etwas Schreckliches in der Welt oder sogar in unserer unmittelbaren Umgebung passiert, führt das nicht dazu, dass wir den Lebensmut schlechthin verlieren. Der schrecklichste Tod lässt noch Platz für ein Lachen an einer anderen Stelle.

Wo liegt denn dann die Grenze zu schlechter Satire?

Satire sollte eine Botschaft haben, aus der man etwas lernen kann. In Bezug auf diesen Punkt kann man Satire auch kritisieren. Wenn beispielsweise die kritische Botschaft zu dünn ist. Trotzdem müssen wir lernen, mit aus dem Kontext gerissener Satire umzugehen. Gerade in einer Zeit, in der Kommunikation schneller und schneller wird, müssen Menschen selbst begreifen, wie sie mit Satire umgehen wollen. Dann ist es nämlich auch Moral.