Sat 1: "Anna und die Liebe":Psychopathentum de luxe

Lesezeit: 4 min

Jeanette Biedermann spielt die Hauptrolle, ihr Traummann ist ein verkitschter Märchenprinz - diese Telenovela müsste furchtbar sein. Ist sie aber nicht. Vom Fernsehen gegen die eigenen Vorurteile.

R. Schneeberger

Ja, diese Sendung ist süß wie Schokoladenpudding, bisweilen auch genauso schleimig. Jeanette Biedermann spielt die Hauptrolle, DSDS-Alexander Klaws wurde hier in Lohn und Brot gebracht - und der männliche Hauptdarsteller mit seinem hündchenhaft verträumten Blick heißt in der Sendung Jonas und hört im wirklichen Leben auf den Namen Roy (Roy Peter Link). Das spräche alles für schlechten Stil. Aber für eine Sendung dieser Gattung ist sie die De-luxe-Version mit Chili-Note: Sie hat Feuer und sogar so etwas wie Geschmack. Ein seltener kleiner Glücksmoment im deutschen Vorabend-Programm

Sat 1: "Anna und die Liebe": Spaß am Schauspiel: Das falsche ...

Spaß am Schauspiel: Das falsche ...

(Foto: ScrSh: sde)

Orientiert an der Sat1-Telenovela "Verliebt in Berlin" geht es auch hier um eine Berufsanfängerin, die sich in ihren Chef verliebt - allerdings mit der glaubwürdigeren Storyline, dem besseren Spannungsbogen - und der geeigneteren Hauptdarstellerin. Damit ist "Anna und die Liebe" besser als der Vorgänger - und das liegt ausgerechnet an Jeanette Biedermann. Im Gegensatz zu Alexandra Neldel, die schon vor "Verliebt in Berlin" schauspielerisches Talent bewiesen hatte, zeigt Biedermann mehr und nicht weniger Können als sonst, was der Serie echten Auftrieb gibt.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Serie nach anfänglichen Startschwierigkeiten inzwischen richtig gut läuft und bis zu 15 Prozent Marktanteile in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen einheimst: Hier kommt es eben nicht auf die möglichst glitzernde Oberfläche einer Werbeagentur an, um die sich die Handlung dreht, sondern um das Gegenteil: die menschlichen Verfehlungen, die großen und kleinen Schwächen im Miteinander, im Berufs- wie im Familienleben und im Freundeskreis.

Konkurrenz und Eifersucht unter Geschwistern, peinliche Sprachstörungen, entstellende Hautkrankheiten, sich steigerndes Psychopathentum, unerwiderte Liebe und Beziehungen aus Bequemlichkeit, fehlende Intelligenz und gesteigertes Geltungsbedürfnis - abgesehen von ein paar Ausreißern darf sich getrost an sein eigenes Umfeld erinnert fühlen, wer wochentags um 18.30 Uhr oder samstags von 11 bis 14 Uhr Sat1 einschaltet.

Hier sind es nicht die gestylten Großstadt-Yuppies, die ihr Glamourleben offenbaren, oder die netten Menschen aus einfachen Verhältnissen, die ihr Herz zeigen sollen, wie sonst in Vorabend-Serien üblich. Und wenn doch, ist immer noch genügend Ironie darin versteckt. Hier sind die großen Themen Liebe, Tod und Eifersucht einmal ganz konsequent authentisch und doch hübsch spannend verdichtet ausgebreitet. Hier haben Menschen Fehler, das bietet enormes Potenzial.

Außerdem haben wir es bei dieser Serie mal mit einem richtig guten Casting zu tun. Das ist selten im deutschen Fernsehen und wird in Bezug auf die Glaubwürdigkeit einer Handlung und die Ästhetik einer Sendung, zumal in diesem Genre, völlig unterschätzt.

Mag sein, dass sich das demjenigen, der nur mal kurz reinzappt, nicht so recht erschließen mag. Aber wer von Anfang an dabei war, um sich das vermeintliche Elend anzuschauen, der wurde jedes Mal überrascht - bisher.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Sendung plötzlich kippt.

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