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Sandra Hüller & FARN. collective:Auf du und du mit der Natur

Pressebilder: The Shape of Trouble to Come (UA)

Symbiotisches Flatterwesen: Sandra Hüller als Schmetterlingsmensch in "The Shape of Trouble to Come".

(Foto: Andreas Schlager)

Sandra Hüller spricht in "The Shape of Trouble to Come" mit Pflanzen und entwirft eine biodiverse Utopie - eine Naturkunst-Performance mit ihrer eigenen Theatergruppe.

Von Christine Dössel

Dass auch Pflanzen kommunizieren, ist wissenschaftlich erwiesen. Sie tun es über Duftstoffe in der Luft, aber auch unterirdisch über ihre Wurzeln. An diesem Theaterabend melden sie sich sogar akustisch zu Wort, kieksend, quäkend und brabbelnd. Mit Quieklauten wie von Comicfiguren. Aufgereiht in kleinen Töpfen auf einem Gestell wie auf einem Opferkerzenaltar in der Kirche haben sie nicht nur die besten Tribünenplätze, sondern sind wohl auch die eigentlichen Adressaten, ein zukünftiges Publikum. Die Töpfchen sind untereinander verdrahtet, das suggeriert einen wissenschaftlichen Lauschangriff. Am Anfang werden sie, wie wir alle, mit klassischer Klaviermusik von einem alten Tonband beschallt. Am Ende, nachdem auf der Bühne mehrere Vernichtungs- und Verwandlungsstadien durchlaufen wurden, spricht Sandra Hüller die Pflanzen persönlich an, wendet sich ihnen liebevoll zu. Die Kultur auf du und du mit der Natur.

Die Schauspielerin Sandra Hüller, geliebt und gefeiert im Theater wie im Film, ist so etwas wie die Hohepriesterin und gute Fee und überhaupt: die einzige Frau in dem "posthumanen Ritual", das sie mit sechs künstlerischen Komplizen vollzieht, um eine mögliche Zukunft anzudenken. "The Shape of Trouble to Come" heißt das Stück, das sie mit ihrem 2016 gegründeten Theaterkollektiv FARN.collective im Sinne einer biodiversen Utopie ausgeheckt hat. Dass Hüller, die zuletzt am Schauspielhaus Bochum den Hamlet spielte, sich nicht fest ans Stadttheater bindet und ihre eigenen Ideen spinnt, ehrt sie. Sie kann es sich aber auch erlauben.

Es geht auch mal der Punk ab, wozu hat man Live-Musiker?

Mit FARN.collective macht sie ihr freies Ding. Die erste Produktion war 2016 die musikalische Performance "Bilder deiner großen Liebe" nach Wolfgang Herrndorf (als Koproduktion mit dem Neumarkt Zürich) - gleich ein viel beachteter Erfolg, eingeladen an zahlreiche Theater. Das zweite Projekt, "Die Hydra" nach Texten von Heiner Müller, kam dann 2019 in Bochum heraus. Und auch "The Shape of Trouble to Come", das jetzt am Schauspiel Leipzig an zwei Abenden hintereinander erst als Live-Stream und dann analog Premiere hatte, ist mit Bochum koproduziert.

FARN.collective sind neben der Titania der Compagnie Sandra Hüller der Regisseur Tom Schneider, der Dramaturg Tobias Staab, der Bühnenbildner Michael Graessner und die Musiker Sandro Tajouri und Moritz Bossmann. Bei "The Shape of Trouble to Come" ist noch der Schauspieler Christoph Müller vom Leipziger Ensemble dabei, der quasi den weißen alten Mann vertritt, den Protagonisten jener "Heldengeschichten" vom Aufstieg des Menschen, wie sie seit jeher als männliche erzählt wurden - die Erzählung vom Jäger, der aufbricht, das Mammut zu töten. Ein Narrativ, das an diesem Abend unterlaufen werden soll. Weshalb sich Hüller in ihrem impulsiven Eingangsreferat gleich mal über das "lange, harte Ding" des Mannes in seiner angeblich kulturbegründenden Bedeutung als Waffe und Werkzeug mokiert (gemeint sind in ihrer ganzen Phallussymbolhaftigkeit Speer und Keule). Ihre Patinnen im Geiste sind die feministische Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway und die 2018 gestorbene Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin. Mit ihnen feiert Hüller als Werkzeug der ersten Stunde das Behältnis, den Korb, den Beutel: Da kann man etwas Nützliches und Schönes hineintun und auch wieder herausholen. Samen zum Beispiel. Etwas säen statt töten.

Die Antwort auf das Anthropozän ist ein "Mit-Werden" mit anderen Arten

Und dann stiefelt sie mit ihren Kumpanen los - tatsächlich in Gummistiefeln -, um das utopistische Feld dieser Performance zu bestellen, mit "wildem Hafer", wie es heißt, Gedankenschösslingen zu einem neuen Umgang mit der Natur. Dafür geht der rote Vorhang nun auf wie für ein Konzert. Doch das Klavier, das da einsam steht, wird nicht gespielt, sondern von Hüllers männlichen Mitstreitern ab- und kurios umgebaut. Es ist ein bisschen wie bei Marthaler, nur handfester, handwerkslärmiger. Dann ziehen sich alle weiße, lange Hemden wie Arztkittel über und schütten aus Körben und alten PC-Gehäusen Erde aus. Bodenscheinwerfer verströmen ein lila Licht. Laboratmosphäre. Die Bühne ein Waste Land aus flimmernden Monitoren, Leuchtzeichen, Zivilisationsschrott. Wie ein Billboard ragt ein riesiges Handy-Display auf, auf dem es später zum optischen Overkill kommt. Auch der Soundtrack gibt nie Ruhe, es herrscht ein Sirren und Surren. Es geht auch mal der Punk ab, wozu hat man Live-Musiker?

Sandra Hüller erscheint schließlich als königliches Flatterwesen in einem langen weißen Flügelkleid, jenes symbiontische Zukunftswesen Camille verkörpernd, das Donna Haraway in ihrem Buch "Unruhig bleiben" beschreibt: ein Wesen, halb Mensch, halb Insekt, das sich über mehrere Generationen und Mutationen hinweg mit einem Schmetterling "verwandt macht". Denn das ist Haraways Antwort auf das Anthropozän: ein "Mit-Werden" mit anderen Arten. René Pollesch hat Haraways - im Theater derzeit sehr populären - Thesen mal einen Abend gewidmet. Ob Sandra Hüller deshalb schnell auch noch den Pollesch-Turbo-Diskursstil imitiert? Man weiß es nicht. Zu viel ist disparat und schwammpilzig in dieser vollgepackten Naturkunst-Performance.

Am schönsten ist es, wenn Christoph Müller zwischendrin mal sehr ruhig und sehr, sehr langsam den Song "I want to know what love is" von Foreigner sprechsingt. Ja, wir müssen alle Phyto- und Geolinguisten werden, müssen die Sprache der Pflanzen und Felsen lernen, eingehen auf oder in die Natur. Aber ohne Liebe geht es nicht.

© SZ/eye
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