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Sancaklar-Moschee in Istanbul:Der Architekt kann kein Türke sein

SALACAKLAR Moschee

Die Sancaklar-Moschee: So viel Understatement wie Emre Arolat hat noch kein Architekt eines modernen Sakralbaus in Istanbul gewagt.

(Foto: Sibel Bulay)

Keine bunten Kacheln, kein bunter Teppichboden - so viel Understatement traut sich in Istanbul keiner: Jetzt hat der Architekt Emre Arolat eine Moschee gebaut, die fast komplett unter der Erde liegt. Der Bau ist nicht nur ein Gegenbeispiel zur üblichen Prunkarchitektur. Er ist auch ein Wagnis.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan wünscht sich eine neue Moschee in Istanbul, die man von allen Seiten sehen kann. Deshalb soll sie, dem Himmel so nah wie möglich, auf dem höchsten Hügel an den Ufern des Bosporus entstehen. Emre Arolat hat dagegen eine Moschee gebaut, die man erst einmal gar nicht sieht, weil sie sich fast komplett unter der Erde befindet. So viel Understatement hat noch kein Architekt eines modernen Sakralbaus in Istanbul gewagt, weshalb Besucher des ungewöhnlichen Gebetshauses meist annehmen, dessen Schöpfer könne unmöglich ein Türke sein.

Um die Sancaklar-Moschee zu finden, muss man vom Istanbuler Zentrum bis an den äußersten westlichen Stadtrand reisen, nach Büyükçekmece. Je nach Verkehrsmittel und Staulage dauert das zweieinhalb bis vier Stunden. Die letzten Kilometer fährt man durch Gewerbegebiete, Restweideflächen und Zonen kamerabewehrter umzäunter Villen und Apartmentanlagen. In diesen Refugien mit Phantasienamen wie "Toskana Vadisi" (Toskana Tal) lebt eine wohlhabende Mittelschicht.

Der viereckige Turm aus grauem Stein fällt erst gar nicht auf, weil er an Industriearchitektur erinnert. Auch bei der ersten Annäherung ist der schlanke Campanile nicht als Minarett zu erkennen. Nur wer direkt davor steht und nach oben blickt, entdeckt den arabischen Schriftzug: Allahu akbar. Gott ist groß. Mehrfach gestaffelte Mauern schirmen das Moschee-Gelände von der Straße ab. Diese wirken aber nicht wie eine Abgrenzung, sondern eher wie eine Einladung zu entdecken, was sich hinter den grauen Natursteinwällen befindet.

Erst dort wird deutlich, dass man sich auf der Kuppe eines Hügels befindet. Der Weg führt nun hinab über Steinstufen durch Blumen- und Kräuterwiesen. Das erinnert an die terrassierten Hänge, auf denen andernorts am Mittelmeer Obst und Oliven gedeihen, zumal auch hier ein einsamer, sehr alter Ölbaum wächst. Nur lieblich ist in diesem Ambiente nichts, der graue Stein sorgt für Strenge, ohne kalt zu wirken. Steinbecken mit fließendem Wasser schaffen die Illusion einer Gebirgslandschaft, ohne jeden Anflug von Kitsch.

Türkische Gebetshäuser sind wenig frauenfreundlich

Die größte Überraschung zeigt sich dann unter der Erde. Der Moschee-Raum ist von bestechender Schlichtheit und Eleganz. Es gibt keine bunten Kacheln, keinen gemusterten Teppich, keine Lüster und auch sonst keine Dekoration. Einziger Schmuck ist eine hell leuchtende Sure auf einer Seitenwand aus schwarzem Glas. "Sei glücklich mit wenig", liest der Imam der Sancaklar Camii, Ali Elmaçi, aus dem geschwungenen arabischen Schriftzeichen. Es könnte kaum ein besseres Motto für diese Moschee geben. Zentrales Element ist die kahle lange Stirnwand, sie wird nur durch einen Spalt unterbrochen, aus dem von oben natürliches Licht fällt. Das ist der Mihrab, die Gebetsnische, die gen Mekka zeigt.

Der gesamte Raum fällt in Stufen nach unten ab, sodass alle Betenden einen Blick auf den Imam haben. Das gilt auch für die Frauen, die sich sonst in der Türkei meist mit einem abgelegenen Gebetszimmer zufriedengeben müssen. Der Architekt aber hat den Frauen eine Empore gebaut, auf der sie vor den Blicken der Männer geschützt sind, jedoch freie Sicht auf das Geschehen haben.

Ein heller Teppichboden unterstreicht die Schlichtheit des fast 700 Quadratmeter großen Moschee-Raums, der zur Meditation und Versenkung einlädt. Die Decke aus hellem Beton lastet nicht wie ein Deckel obendrauf. Sie wirkt so leicht, als habe jemand mit einer Schere ovale graue Kartonstücke zurechtgeschnitten. Natürliches Licht reicht aus, den ganzen Unter-Tage-Bau zu erhellen. Nachts nutzt man LED.

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