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Samra zu Missbrauchsvorwürfen:"Du kriegst deine Strafe, nicht nur vom Richter"

09.10.2019, xlakx, Promi Fussball Event , KISS CUP 2019 emspor, v.l.Samra ( Hussein Akkouche) beim Kiss Cup 2019 am Mitt

"Ich liebe Frauen und Frauen lieben mich. Ich muss so etwas nicht tun": Rapper Samra.

(Foto: Jan Huebner/Lakomski/www.imago-images.de)

Eine Influencerin wirft Samra Vergewaltigung vor. Es folgt: große Stille. Dann tauchen sehr unterschiedliche Posts des Rappers auf. Über eine Szene, die ihr Problem nicht in den Griff bekommt.

Von Jakob Biazza

Der Instagram-Account von Universal Music ist ein harmloser Ort. Lena Meyer-Landrut präsentiert dort ihr neues Video, in dem fröhlich getanzt wird. Schmetterlinge fliegen herum. In einem anderen Clip wünscht man Sarah Connor "Happy Cee-Day", mit Hasenohren, Konzertszenen und einem Pferd. Die Sängerin hatte gerade Geburtstag. Die aktuellsten Posts sind Textkacheln, weißer Hintergrund, schwarze Schrift: "Aufgrund der Schwere der Anschuldigungen haben wir uns dazu entschlossen, die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Künstler bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen zu lassen." Der Schritt diene "dem Schutz aller Beteiligten" und sei "keine Vorverurteilung". Man behalte sich aber vor, in Abhängigkeit von weiteren Erkenntnissen "weitreichende Konsequenzen zu ziehen". Relativ klares Statement.

Zumindest im Vergleich zum Post vom Vortag: "Universal Music verurteilt auf das Schärfste jede Form von Gewalt. Wir stehen für eine offene, tolerante, vielfältige und friedliche Gesellschaft und begegnen allen Menschen ohne Vorurteile und mit Respekt." Beide Posts kommen ohne Schmetterlinge aus.

Und ohne Namen. Der Hintergrund ist trotzdem klar. Die Influencerin Nika Irani, die sich auf Instagram "playgirlnikaaaaa" nennt, erhebt schwere Vorwürfe gegen Rapper Samra. Hussein Akkouche, wie er bürgerlich heißt, soll Irani demnach vergewaltigt haben. In vier Postings beschreibt die 22-Jährige, wie sie zwei Tage mit dem Berliner verbracht hat. "Samra hat mich am ersten Tag mit seinem SUV lambo abgeholt, eine Runde mit mir gedreht (vertrauen aufgebaut)." Am nächsten Tag seien sie in sein Tonstudio in Brandenburg gefahren. Dort habe Samra ihr angeblich zeigen wollen, wo er aufnimmt. Stattdessen sei man aber "ins Schlafzimmer des Studios, er hat die Tür zu geknallt und mich auf das Bett geschmissen und mich gewürgt". Sie habe "bestimmt 20 Mal" Nein gesagt, schreibt Irani weiter, "dann hat er meine Unterhose aufgerissen und zerfetzt und ich habe es einfach über mich ergehen lassen".

Samra ist bei Universal Music unter Vertrag. Genauer: bei Universal Urban, einem Sub-Label vor allem für Rap und R'n'B. Das Programm reicht von Cro über Haiyti bis Haftbefehl, Luciano oder Capital Bra. Der Instagram-Account von Universal Urban ist also kein ganz so harmloser Ort. Die Gesichter der Künstler sind hier etwas grimmiger, die Ausschnitte tiefer, die Uhren dicker, von Lena und Sarah keine Spur. Auf den Bildern und in den Videos wird viel geraucht, manchmal mit Waffen gewedelt.

Schwierige Lage: Die Vorwürfe von Irani sind da, bewiesen ist nichts. Sie hat Samra bislang nicht angezeigt. Samra selbst hatte zunächst geschwiegen. Genau wie sein Umfeld. Genau wie Universal. Am Freitag trudelten dann die ersten Statements herein. Das oben zitierte von Universal. Auf dem Instagram-Account von Samra ist inzwischen dies zu lesen: Er habe "niemanden vergewaltigt, weder die Person, die mich dessen beschuldigt, noch andere Menschen!" Außerdem kündigte er an, die Behörden einzuschalten: "Da sich diejenige, die mich beschuldigt, weigert, die Angelegenheit zur Anzeige zu bringen, sehe ich mich gezwungen, den Sachverhalt von der Staatsanwaltschaft klären zu lassen." Er wolle damit eine "unabhängige Aufklärung durch die Staatsanwaltschaft und Polizei herbeiführen". Am Ende spricht er seine Fans direkt an: "Ich bitte euch, diejenige, die mich beschuldigt, nicht mehr als ,Prostituierte' und ähnliches zu beleidigen oder gar zu bedrohen." Klingt besonnen.

Allerdings gibt es auch ein Video des Rappers. Samra filmt sich darin selbst und richtet seine Worte direkt an Irani, an "die Presse", an sein Label. Hohes Erregungsniveau. Stierer Blick. Er schreit viel. Unter anderem dies: "Du kriegst deine Strafe, nicht nur vom Richter. Du kriegst auch deine Strafe von Gott. Weil du lügst. (...) Unterstützt nicht solche Frauen, die lügen. Also geh und schäm dich!" Und an seine Fans: "Geht raus und zeigt der ganzen Welt, dass diese kleine ...", hier macht er eine winzige Pause, "... süße Maus lügt." Dann reckt er erneut den Mittelfinger: "Ihr kriegt mich nicht kaputt. Fick die Presse, fick diese ganze Universal, fickt doch euch alle. Ich bin kein Vergewaltiger. (...) Ich liebe Frauen und Frauen lieben mich. Ich muss so etwas nicht tun. Niemals."

Vergewaltigungsfantasien dienen in dieser Szene immer wieder auch als Marketing-Tool

Das alles bringt natürlich wieder die alten Diskussionen über Texte und Gebaren in der Gangsta-Rap-Szene mit sich. Es kracht ja, mal wieder, in eine Szene hinein, die ihren Frauenhass in vielen Songs noch immer prächtig in die Auslage stellt: "Baller der Alten die Drogen ins Glas / Hauptsache Joe hat sein'n Spaß." Nur zum Beispiel. Ist aus "Lebenslauf" von Bonez MC & Gzuz, zwei der erfolgreichsten hier gerade (wer mehr Beispiele will: Die Initiative #unhatewomen hat das anschaulich gesammelt). Vergewaltigungsfantasien als Marketing-Tool.

In ihrem klugen Text "How Hip-Hop Rewards Rappers for Abusing Women" (Wie der Hip-Hop seine Rapper dafür belohnt, dass sie Frauen missbrauchen) hat die Autorin Amy Zimmerman vor ein paar Jahren für die USA zusammengetragen, dass auffallend oft die Künstler besonders erfolgreich sind, die wegen Gewaltdelikten vor Gericht standen, auch und vor allem wegen solcher gegen Frauen.

Was auch deshalb so gut funktionierte, weil die Szene sehr lang sehr still blieb. Auch diesmal zunächst. Die Rapper 3Plusss und LGoony äußerten sich kritisch über Samra und sein Label. Danach wurde es dünner. Die einschlägigen Hip-Hop-Medien, die sonst jede neue Uhr an Rapper-Handgelenken frenetisch und detailliert kartographieren, waren zunächst auffallend zurückhaltend im Fall Samra (einige berichteten dann allerdings doch, einige auch ausgewogen). Die größeren Rap-Kollegen schwiegen ohnehin.

Ein paar Samra-Enthusiasten betreiben auf Fan-Accounts Victim Blaming

Nebendran dann natürlich auch noch die üblichen Social-Media-Reaktionen: Samra-Enthusiasten betreiben auf Fan-Accounts Victim Blaming. Fragen, was Irani wohl anhatte. Diskutieren Erotik-Fotos von ihr. Werfen ihr vor, nur Aufmerksamkeit zu suchen: "Wenn es vor langer zeit passiert ist warum sagst du es erst jetzt? Was man nicht alles für fame tut." Auf der anderen Seite sind sie dafür mit den Vorverurteilungen von Samra schon sehr weit.

Shirin David

Sehr nüchtern, sehr stark: Rapperin Shirin David.

(Foto: Universal Music)

Und mittendrin nun Shirin David. Die Rapperin, ebenfalls bei Universal, nennt Samra in einem langen Post an keiner Stelle namentlich, schreibt aber: "Das Beschissene ist zudem, dass ich den Künstler, der aktuell unter diesen Vorwürfen steht (...), in meiner kommenden, zweiten Single in einem positiven Zusammenhang erwähnt habe." Sie wolle die Textzeile deshalb streichen und nicht veröffentlichen, heißt es weiter. Der Song erscheint nun eine Woche später. Dazu postete sie Statistiken: Wie viele Frauen werden missbraucht. In wie vielen Fällen handelt es sich um Falschbeschuldigungen.

Keine namentliche Nennung, ein bisschen Aufklärung, eine klare Konsequenz. Gutes Konzept womöglich. Weniger als eine Vorverurteilung. Und deutlich mehr als "wir begegnen allen Menschen ohne Vorurteile und mit Respekt". Samra hat übrigens, wie Universal zeitweise, die Kommentarfunktion auf Instagram abgeschaltet.

Dafür veröffentlichte das Label, noch während es die "offene, tolerante, vielfältige und friedliche Gesellschaft" beschrieb, einen neuen Song: "Komm Mit" von Rapper Nimo. Textzeile: "Deine Ex-Freundin ist aus der Fassung / Ich fick' sie fast tot, sie liegt im Wachkoma".

Das brachte, man ahnt es, eine neue Textkachel auf Instagram, diesmal auf dem Account von Universal Urban. Man entschuldige sich "aufrichtig" für die Veröffentlichung und distanziere sich "von diesem Inhalt." Der Track hätte "weder heute noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt erscheinen dürfen. (...) Unser Diskurs zu inakzeptablen Inhalten hat hier versagt." Betreff des Posts: "In eigener Sache!"

© SZ/mob
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