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Russland vor der Wahl:Völkerrechtsbruch mit Humor

Die Ironie ist längst Teil der Propaganda. Das Muster trifft nicht nur auf die Person des Präsidenten zu, es gilt auch in den Staatsmedien und beim Militär. Immer geht es um ein Spiel damit, was eigentlich gemeint und was wahr ist. Den Spezialkommandos der russischen Armee, die im Februar 2014 als "örtliche Selbstverteidigungskräfte" getarnt die Krim besetzten, werden in zynischem Stolz "höfliche Leute" genannt - Völkerrechtsbruch mit Humor. Dass der Westen ernst macht mit Sanktionen - die verstehen echt keinen Spaß und verderben allen die Laune! Ironie ist gespielte Grenzüberschreitung, und konkrete Grenzüberschreitungen lassen sich so hervorragend verharmlosen.

Seit der Westen grübelt, wie er Manipulation und Desinformation aus Moskau begegnen kann, wirbt der russische Auslandssender RT mit dem Slogan "Blame it on us" - schieb die Schuld auf uns. In der Tat hat die Suche nach russischer Einmischung in Washington stellenweise durchaus Züge von Hysterie angenommen. Aber es gibt eben auch ernst zu nehmende Indizien für russische Versuche, die Wahl in Amerika zu beeinflussen. Der Slogan zieht jede Untersuchung ins Lächerliche.

Die russische Journalistin Masha Gessen, die 2013 in die USA emigrierte, hat nach der Wahl von Donald Trump in einem hellsichtigen Essay für die New York Review of Books Regeln für das Leben in Autokratien aufgestellt. Die erste Regel lautet: Nimm den Autokraten beim Wort! Genau dies wird mit dem ironischen Spiel unterlaufen: Er wird es schon nicht so gemeint haben. Was regt ihr euch auf? Er hat nur gescherzt. Wenn dann Büros von Menschenrechtsorganisationen angezündet werden, Leute unter absurden Vorwänden festgenommen und auf Jahre ins Lager geschickt werden, tut man das ab als vereinzelt übers Ziel hinausgeschossen. Dabei ist es angekündigt und umgesetzt. Gezielte Repression, die leichter geschluckt wird, wenn man ihr einen Scherz beimischt.

Ironische Herrschaft ist der gute und der böse Polizist in einem. Diese Befragungsmethode hebelt bekanntlich systematisch die psychologischen Schutzmechanismen aus, die bei Gewalt eigentlich zu Widerstand oder Flucht führen müssten. Aber der gute Polizist verspricht noch einen Rest Hoffnung, selbst wenn der Verstand warnt: Achtung Falle!

Wer Menschen manipulieren will, nutzt diese Mechanismen aus. In dieser Disziplin hat der KGB seine Leute über Jahrzehnte ausgebildet, seine Nachfolger hüten und pflegen dieses Wissen liebevoll. Fast für jedes Zitat Putins lässt sich, wenn man ein bisschen kramt, ein anderes Zitat finden, indem er das Gegenteil gesagt hat. Aber in der Angst neigen die Menschen dazu, sich vom winzigsten Lichtblick blenden zu lassen. Es kann immer noch gut gehen!

Menschenrechte, Toleranz - alles ist dem Spott unterworfen. Nur die Kirche und die Fahne nicht

Macht bedeutet, die Grenzen zwischen Spaß und Ernst zu bestimmen. Willkürlich entscheiden zu können, wann man den guten Polizisten schickt und wann den bösen. Denn Selbstironie heißt ja noch lange nicht, dass andere über den Mächtigen lachen dürfen, wenn ihnen danach ist. Als einen seiner ersten Schritte bei der Beseitigung der freien Medien hat Putin in seiner ersten Amtszeit dafür gesorgt, dass die Satire-Sendung "Kukly" abgesetzt wird, eine gelungene und in der Jelzin-Zeit sehr beliebte Kopie der britischen Sendung "Spitting Image".

Am Vorabend von Putins vierter Amtszeit werden wieder heilige Werte gepredigt und die Verletzung religiöser Gefühle unter Strafe gestellt, was sich als vorzügliches Mittel erwiesen hat, allzu freie Künstler zum Schweigen zu bringen. Alles ist dem ironischen Spott unterworfen: die vermeintlich so verlogenen Menschenrechte, die Toleranz, mit der die Europäer ihren Kontinent angeblich zugrunde richten. Sakrosankt sind: die Nationalfahne und die Kirche.

Die Sowjetunion meinte es ernst, oft todernst. Aber schon während der Perestroika wurden ihre Symbole verramscht und im Westen als ironische Anspielungen getragen. Die Komsomol-Orden vom Flohmarkt, die Soldatengürtel mit Hammer und Sichel auf der Koppel. Inzwischen werden Putin-Schmuckteller und Action-Figuren speziell für diesen Markt produziert. Faszination der Macht und leichter Grusel spielen ineinander. Auf T-Shirts beliebt ist jenes Foto von Putin am Schießstand: Schallschutz, Pistole im Anschlag, ein Auge zugedrückt. Ein Killer? Ach was. Höchstens einer mit Augenzwinkern.

© SZ vom 12.02.2018/doer

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