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"RTJ4" von Run The Jewels:Jagd auf den Löwen namens Rassismus

Run The Jewels

El-P und Killer Mike bei einem Konzert im Orpheum Theater.

(Foto: Daniel Deslover/dpa)

Run The Jewels liefern mit "RTJ4" den Soundtrack zu den Unruhen in den USA. Und ihr bestes Album bislang.

Wenn sich in diesen Zeiten in den USA der Sohn eines schwarzen Polizeioffiziers zu Wort meldet, könnte man vielleicht Worte der Versöhnung erwarten. Nun, Pech gehabt: "Ich habe nichts Positives zu sagen", verkündete Michael Render am 29. Mai bei einer Pressekonferenz in Atlanta, drei Tage nachdem ein weißer Polizist neun Minuten lang sein Knie auf den Hals des kurz darauf verstorbenen George Floyd gestemmt hatte. "Er starb wie ein Zebra in der Umklammerung eines Löwenkiefers", sagte Render weiter, da schon unter Tränen. Er sei "höllisch wütend" und es sei an der Zeit, das "ganze System, das systemischen Rassismus ermöglicht, in Grund und Boden zu brennen".

Nun ist dieser höllisch wütende Michael Render nicht nur Sohn eines Polizisten, sondern unter dem Alias Killer Mike auch eine Hälfte des Rap-Duos Run The Jewels. Ihr Debüt war 2013 noch eher ein wortwitziger-Gegenentwurf zum Rap-Mainstream. Dann starb 2014 in Ferguson ein 18-jähriger Schwarzer durch Schüsse eines Polizisten - und die Band politisierte sich mit dem Folgewerk. Das dritte Album entstand unter der Vorahnung, dass auf Barack Obama ein Präsident folgen würde, der seinen Rassismus als Mittel im Wahlkampf genutzt hatte. Um das zu verhindern zeigte Render sich öffentlich als Unterstützer von Bernie Sanders. Das Ergebnis ist traurige Geschichte. Und politische Wut. Wenn es zur Jagd auf den mordenden Löwen namens Rassismus einen Soundtrack braucht, dann ist es das vierte Album dieser Gruppe.

Das nüchtern mit "RTJ4" betitelte Werkt veröffentlichten Killer Mike und der New Yorker Jaime Meline (Künstlername: El-P) am Mittwoch bereits zwei Tage früher mit den Worten "scheiß drauf, warum länger warten"; wie schon bei anderen Alben als kostenloser Download, versehen mit dem Aufruf zu einer Spende an den "National Lawyers Guild Mass Defend Fund", ein Netzwerk aus Juristen, die politische Aktivisten vertreten.

Das Album ist ein politisches Infernal, das wirken könnte, als sei es eilig auf die aktuellen Unruhen in den USA hingeschrieben. Aber eben das ist der Punkt mit der Relevanz: Wer als Künstler die Welt stetig reflektiert, der ist gedanklich eben schon da, wenn sie sich mal wieder im Kreis gedreht hat. Wenn etwa der Rassismus seine ganze traurige Kontinuität mal wieder in besonders widerwärtiger Gewalt offenbart. Run The Jewels begleiten die Welt nun schon ein paar Jahre beim sich im Kreis drehen.

Sklavenhalter auf Dollarscheinen

"Run The Jewels 4" ist ein entsprechend facettenreiches und geschichtsbewusstes Album geworden. Geschaffen von Menschen jenseits der 40, die die Rap-Musik in all ihren Schattierungen von N.W.A. bis Trap mitverfolgt haben: In "JU$T" trifft Pharell Williams auf den weiterhin zorndurchtränkten Rage-Against-The-Machine-Sänger Zack de la Rocha, die abwechselnd dazu auffordern, sich mal all die Sklavenhalter auf den Dollarscheinen anzusehen. Bei "Ooh lala" schaut zu sehr fein verstaubten MPC-Samplerbeats die Legende DJ Premier vorbei. Und auf "Pulling The Pin" verschmilzt die Gitarre von Stoner-Rocker Josh Homme mit der Soulstimme von Mavis Staples.

Zwischen all diesen Gastauftritten überbieten sich El-P und Killer Mike mit Sprachgewalt, dem alten Eh-schon-alles-egal-Humor der frühen Alben - und einer Menge Wut und Verzweiflung, beide jeweils aus ihrer weißen und schwarzen Perspektive. Man kann das als sehr versöhnlich wahrnehmen.

Auf "Walking In The Snow" regt sich El-P über den weißen Trump-Wähler aus der Unterschicht auf. Und Killer Mike hält ihm dafür den Spiegel vor - auf weiße Liberale wie ihn sei am Ende schließlich auch kein Verlass: "You so numb you watch the cops choke out a man like me / Until my voice goes from a shriek to a whispered 'I can't breathe' / And you sit there, in house, on couch, and watch it on TV / The most you give's a Twitter rant and call it a tragedy."

© SZ
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