Roman "Sechs Koffer" Verdammte Verwandte

Der Schriftsteller, Kolumnist und Kritiker Maxim Biller in seiner Wohnung in Berlin.

(Foto: Regina Schmeken)
  • Der dramaturgische Angelpunkt von "Sechs Koffer" ist ein tödlicher Verrat an Billers Großvater Schmil.
  • Die Frage, wer ihn an die Sowjets verraten hat, ist das Familiengeheimnis, das der Erzähler Maxim Biller zu lösen versucht.
  • Das eigentlich zentrale Thema des Buchs ist jedoch nicht der Verrat, sondern sein Gegenteil: das Vertrauen.
Von Jens-Christian Rabe

Der neue Roman "Sechs Koffer" von Maxim Biller ist, bevor man auch nur eine Zeile gelesen hat, nicht einfach nur der nächste Roman im Werk dieses streitbaren Schriftstellers, Essayisten, Fernseh-Literaturkritikers und Polemikers. Es ist sein erster Roman nach dem 2016 veröffentlichten, fast 900 Seiten langen, grellen, schnellen, komischen und bisschen sexbesessenen Biller-Memoir "Biografie". So umfangreich war bis dahin nicht annähernd eines der Bücher Billers gewesen, er gilt eher als Großmeister der kleineren erzählenden Form. Acht lange Jahre hatte er am Ende daran gesessen, allein die vorangestellte Liste der wichtigsten Figuren umfasste fünf Seiten, alles an "Biografie" war unübersehbar als krasses, wüstes Opus magnum angelegt - aber dann war es so hart kritisiert worden, dass Biller tat, was man natürlich bitte, bitte, bitte nicht tun soll.

Er schrieb in der Zeit ein Jahr später eine riesige, zornige Kritik seiner Kritiker - und erklärte sie allesamt zu verkappten Antisemiten, tief geprägt von ihren alten Nazi-Lehrern, oder von Lehrern, die ihrerseits von alten Nazi-Lehrern geprägt worden waren. Im Juni dieses Jahres folgte dann im Rahmen seiner Heidelberger Poetik-Dozentur mit dem Vortrag "Wer nicht glaubt, schreibt" noch das ganz große, allerdings fast überraschend stille Zeugnis davon, was es für ihn hieß und heißt, ein Schriftsteller in Deutschland zu sein, aber eben einer, der doch nicht von denen abstammt, die "am Rand des polnischen oder ukrainischen Massengrabs" standen und "immer weiter auf die darin liegenden Toten und Halbtoten" feuerten, sondern "von den wenigen, die es geschafft haben, wieder herauszukriechen und zu fliehen".

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Die Rede strahlt die lakonische Trauer dessen aus, der in dieser Welt so mittendrin wie nur möglich (Star-Autor, Star-Kritiker) und doch nie ganz dabei ist. Diese Trauer über die ewig unüberwindbare Fremdheit im scheinbar Vertrauten treibt die Kunst Maxim Billers an, der 1970 als Kind jüdischer Eltern mit zehn Jahren nach Deutschland kam; nicht der heftige und oft als extrem ungerecht wahrgenommene Zorn, der mehr trotzige Notwehrübung auf verlorenem Posten ist als selbstgewisse Angriffslust des mächtigen Diskursdompteurs. Es ist die Reaktion von einem, der - wie Biller mal in einem Interview mit der Berliner Tageszeitung taz erzählte - in den Siebzigern und Achtzigern in Deutschland viel "stillen Rassismus" erlebt hat und sich irgendwann dachte: "Ihr verallgemeinert mich, und wisst ihr was? Ihr habt recht! Ich würde mich zwar anders verallgemeinern, als ihr mich verallgemeinert, aber bitte, und darum werde ich euch ab jetzt auch verallgemeinern."

Die Trauer über die ewige Fremdheit im scheinbar Vertrauten treibt Billers Kunst an

"Sechs Koffer" ist innerhalb dieser psychosozialen Situation nun das zugleich unwahrscheinlichste und das wahrscheinlichste neue Buch. Das unwahrscheinlichste, weil es als Bohrung ins Innenleben einer von Osteuropa in den Westen fliehenden russisch-jüdischen Familie, deren Vorlage natürlich Billers eigene ist, vergleichsweise unkämpferisch daherkommt. Es ist weniger eine Provokation als eine Introspektion.

Das wahrscheinlichste ist es, weil die Familie als primäre Quelle der Identität in Zeiten der Unsicherheit natürlich der Ort der Selbstversicherung ist. Ein Brecht-Zitat steht in "Sechs Koffer" allem voran: "Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen." Da steht für alle Schwarz auf Weiß drin, wo man zu Hause sein darf und wer man ist. Oder gerade genau überhaupt nicht mehr? Und deshalb dann doch wieder umso mehr?

Maxim Biller wäre nicht Maxim Biller, wenn die Identitätssuche glatt abginge - und vor allem: wenn seine eigene Sehnsucht nach Identität dabei ungebrochen dargestellt würde. Das ist ja gerade der Witz, der bittersüße jüdische Witz, der in "Sechs Koffer" nur nicht so unverschämt extrovertiert und ausladend verpackt wie in "Biografie", sondern wieder etwas ernster, existenzieller und zahmer (also für Deutsche bequemer) erzählt wird, und das auch noch auf gerade einmal 198 Seiten.

Maxim Biller: Sechs Koffer. Roman. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2018. 208 Seiten, 19 Euro.

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Der dramaturgische Angelpunkt von "Sechs Koffer" ist ein tödlicher Verrat am Großvater Schmil Biller, genannt "der Tate" (was im Jiddischen schlicht Vater bedeutet), dem es als jüdischem Schwarzmarkthändler in Tschechien in den Jahren nach dem Krieg gelingt, zu so wertvollem wie verbotenen Westgeld zu kommen. Im Frühjahr 1960 wird er am Flughafen in Moskau mit ein paar hundert Dollar als Devisenschmuggler verhaftet, auf dem Weg nach Prag, wo er mit dem Geld seinem Sohn Sjoma und dessen Frau Rada zur Geburt des "Sechs Koffer"-Erzählers Maxim Biller ein neues Auto kaufen wollte. Drei Monate später wird er in Moskau hingerichtet.

Die Frage, wer den Taten an die Sowjets verraten hat, ist fortan das Familiengeheimnis, das der - am Anfang fünf Jahre, am Ende 56 Jahre alte - Erzähler Maxim Biller zu lösen versucht. Nicht brav chronologisch, sondern in sechs Kapiteln, von denen fünf je einem verdächtigen Familienmitglied und seiner Geschichte gewidmet sind.

War es einer von Schmils vier Söhnen? Der freundliche Schwächling Dima womöglich, der im Sommer 1960 in Prag mit Devisen von der Staatssicherheit festgenommen wird, aber wieder freikommt? Oder seine schöne Frau, die Regisseurin Natalia, die sich, um ihrem Beruf nachgehen zu können, die Gunst so mancher Funktionäre erkämpfen muss? Oder gar Onkel Lev, der als erster in den Westen flieht und reich wird? Und spielt das wirklich eine Rolle?

Natürlich nicht. Dieses Buch ist ja keine Ermittlung, keine Kolportage des Verrats. Wenn schon geht es in Billers verwinkelter und verwackelter Roman-Version der kosmopolitischen Geschichte seiner Familie, die zuvor sowohl seine Mutter Rada als auch seine Schwester Elena Lappin schon literarisiert haben, um das schleichende Gift des Verdächtigens und ewigen Aushaltens eines Verrats. Also um alles, was sich auf halben Weg zwischen dem Verdacht und der Wahrheit unter Menschen, die sich nah sind oder einmal waren, ein Leben lang so ereignen kann.

Seit bald 30 Jahren versucht er energisch, bloß kein fader Moralist zu sein

Das eigentlich zentrale Thema dieses Buchs ist deshalb auch nicht der Verrat, sondern sein Gegenteil, die Bedingung der Möglichkeit des Verrats: das Vertrauen. Viel mehr als die Unausweichlichkeit des Verrats, beschäftigt ihn, dass gerade die ums Vertrauen gar nicht herumkommen, denen die Gnade - oder die Qual - erspart geblieben ist, irgendwo wirklich ankommen zu dürfen. Was bleibt ihnen sonst?

So energisch Maxim Biller dies in seinen Romanen und Essays in den vergangenen bald 30 Jahren erforscht hat, so energisch hat er dabei versucht, bloß kein fader Moralist zu sein. Daher die stilistische Eleganz, daher aber auch die oft karge Figurenzeichnung, die ihm oft vorgeworfen wird. Aber Biller war nie ein klassischer Fabulierer und Sprach-Parfümierer, er konnte es gar nicht sein. Seine Erzählungen sind eher erzählte Essays, die die Kostbarkeit des Vertrauens als Selbstverständlichkeit inszenieren gegen den blutleeren Common Sense, weshalb der Vertrauensbruch dann ein umso monströsere, unausweichliche Angelegenheit ist.

David Foster Wallace hat einmal geschrieben, dass man den Witz Kafkas nur verstehen kann, wenn man verstehe, dass die schreckliche Plackerei, die nötig ist, um eine menschliche Identität auszubilden, zu einer Identität führt, deren Menschlichkeit untrennbar mit der schrecklichen Plackerei verbunden ist. Genau so ist es auch bei Maxim Biller. Dass er mit "Sechs Koffer" nun erstmals auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis steht, geht wirklich sehr in Ordnung.

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