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Roman "Frühling auf dem Mond":Alltag hinter dem Eisernen Vorhang

Ihre Mutter beschreibt Kissina als eine Schönheit, die sich neben der Arbeit als Lehrerin immer neue Aufgaben sucht und nie entspannen kann. Sie kümmert sich zum Beispiel um Alte im Irrenhaus, umsorgt eine Tante Vera und vernachlässigt dabei ihre eigene Familie. "Für Vera wurde zarte Kalbsleber gebraten, für sie wurden glasig schimmernde Kohlwickel mit schwarzen Pfefferkörnern bereitet."

Zu Kissinas Alltag hinter dem Eisernen Vorhang gehören Menschen, die heimlich an geschmuggeltem Salz aus England lecken, als wäre es eine Droge, und dann für die Wanzen sagen, das Sowjetsalz sei noch besser. Man liest von Asthmatikern, die in Pferdeställe gehen, weil der Geruch von Pferdemist bei Lungenleiden helfe. Und von Lehrerinnen, die bis in alle Ewigkeit in den Kosmonauten Jurij Gagarin verliebt sind.

Kissina erzählt auch von den Spuren des Krieges. Ihre Mutter kam am 22. Juni 1941 zur Welt, dem Tag, an dem die deutsche Luftwaffe die ersten Bomben auf Kiew abwarf. Eine der Bomben traf die Geburtsklinik, als einziges Bett blieb das der Großmutter unversehrt. Zu Hause, auf dem Flanierboulevard Kreschtschatik, fand die Großmutter später ihren ältesten Sohn, ebenfalls unversehrt. Er war dabei, wie früher Wasserbomben aus Papier zu basteln. "Nur dass es diesmal niemanden mehr gab, den er hätte bewerfen können - die Passanten waren alle tot."

Im Zustand des Lunatismus´

Es gibt Sätze in diesem Buch, die nur ein Mensch formulieren kann, der die eigene Kindheit sehr ernst nimmt. Kissina erinnert sich etwa an ihre damalige Vorstellung von Sibirien, wo sie nie war und wo Schamanen leben mit Hörnern auf dem Kopf. "Sie kreisen um ein Lagerfeuer und schlagen afrikanische Trommeln. Aus ihren Kehlen bricht das Polarlicht hervor, und ihre Leber sondert Leere ab." Natürlich formuliert kein Kind solche Sätze, sie formulieren nur Erwachsene, die Jahrzehnte später auf das Kind in sich hören.

Die titelgebenden Worte "Frühling auf dem Mond" sind eine Zeile aus einem fröhlich-mystischen Gedicht, das Julia Kissina ihrer ersten Liebe widmete. Diese Liebe beschreibt sie mit derselben ergreifenden Nostalgie, mit der sie fast alles in diesem Buch beschreibt.

Diese Nostalgie entsteht nicht dadurch, dass die Erinnerung Ereignisse in der Vergangenheit in ein milderes Licht taucht. Kissina geht es vielmehr um die Fähigkeit, in manchen Abschnitten des Lebens mehr wahrzunehmen als die alltägliche Realität. Als Kind habe sie im Zustand des "Lunatismus" gelebt, einem "Zustand, in dem du das jenseitige Licht siehst, ein Zustand, in dem es keine Grenze zwischen dieser und jener Welt gibt, ein Zustand, in dem es unmöglich ist zu sterben."

Mit der Zeit habe sie dieses Gefühl verloren, und es werde wohl nie zurückkehren. Aber in anderen Menschen überdauere dieses Gefühl. Man könnte vermuten, Kissina empfinde ein wenig Neid auf diese anderen Menschen. Aber man spürt nichts davon. Dafür fühlt sie sich zu wohl in ihren eigenen Erinnerungen.

Julia Kissina: Frühling auf dem Mond. Roman. Aus dem Russischen von Valerie Engler. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 252 Seiten, 18,95 Euro.