bedeckt München

Roma in Rumänien:Willkommen bei den Unwillkommenen

Wer Roma fotografiert, bewegt sich in einem Minenfeld aus Klischees und Ressentiments. Der Getty-Fotograf Sean Gallup versucht es trotzdem - und will in seinen Reportagen aus Rumänien nicht "die Roma" zeigen, sondern Vielfalt.

Von Irene Helmes

17 Bilder

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

1 / 17

Wer Roma fotografiert, bewegt sich in einem Minenfeld aus Klischees und Ressentiments. Der Getty-Fotograf Sean Gallup versucht es trotzdem - und will in seinen Reportagen aus Rumänien nicht "die Roma" zeigen, sondern Vielfalt.

Rumänien, im September 2013: Zwei Mädchen laufen heim. Ihr Zuhause, ahnt der Betrachter, ähnelt wenig den Ikea-bemöbelten Heimen, an die man sich hierzulande gewöhnt hat. Ihr Zuhause hat möglicherweise nicht einmal ein Dach. Maria-Gianina und Mihaela-Rocsana Erdelyi leben in Ponorata, einem bitterarmen Örtchen in der nordrumänischen Provinz. Sie sind Roma.

"Als ich in Ponorata fotografiert habe, dachte ich, das erfüllt die Vorurteile von jedem Reaktionär in Westeuropa, und die Bilder könnten leicht missbraucht werden", sagt Sean Gallup. Der Fotograf der Agentur Getty reist von Berlin aus immer wieder nach Rumänien, bringt Bilderreportagen über das Leben von Roma zurück - und versucht dabei der Klischeefalle zu entgehen.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

2 / 17

In europäischen Medien, sagt Gallup, würden Roma oft nicht als Menschen dargestellt, sondern auf eine Weise, "die sich auf ihr Anderssein und ihre Armut konzentriert".

Die Fotos, die er aufnimmt, sollen anders sein und zeigen, wie vielfältig das Leben von Roma ist, auch in Rumänien.

Im Bild: Die Schwestern Natalia Varga und Camilia Istvan in Ponorata.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

3 / 17

Die extreme Armut, in der viele Roma leben, beschönigt Gallup dabei nicht. In Ponorata wohnen zwischen 400 und 500 Roma unter verheerenden Bedingungen. Strom haben die Wenigsten, 95 Prozent der Bewohner sind Analphabeten und arbeitslos.

Im Bild: Marina Boldis begrüßt ein paar Hunde, während Randafir Boldis und Sohn Malin vor dem Haus der Familie ein Pferd beschlagen.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

4 / 17

"Ich bemühe mich, das Menschliche in all der Armut zu betonen", sagt Gallup auf die Frage nach seinem persönlichen Zugang.

Für seine Reisen hatte der US-Amerikaner, der selbst weder Rumänisch noch Romani spricht, ortskundige Begleitung. Ohne diese Hilfe hätte er kaum so fotografieren können, glaubt er. Er selbst habe zumindest versucht, auch ohne Worte Vertrauen aufzubauen und seinen Modellen Respekt zu zollen.

Im Bild: Smocina Boldis mit ihrer Tochter Daria und ihrem Mann Romeo Moldovan vor ihrer Einzimmer-Hütte aus Holz, Stroh und Lehm.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

5 / 17

"Die Roma" sind nicht alle gleich, genauso wenig wie die Rumänen, die Deutschen und so fort. Das ist banal und geht doch oft unter im kontroversen Streit um Roma und ihren Platz in der Gesellschaft. Doch es wird in Gallups Fotografien deutlich. "Manche Roma sind wohlhabend, manche sehr gebildet, manche ziemlich assimiliert, während andere sehr traditionsbewusst bleiben, und ja, viele sind sehr arm", so Gallup.

In Ponorata haben ihm Bewohner auch Einblicke in Heime gewährt, die für örtliche Verhältnisse recht komfortabel sind. In diesem liebevoll eingerichteten Zwei-Zimmer-Haus lebt allerdings eine Großfamilie, hier die Schwestern Senorita und Petronela Moldovan, ihr Verwandter Flutor Boldis und dessen Tochter.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

6 / 17

Mehr oder weniger verfallende Häuschen und Hütten prägen das Ortsbild von Ponorata, auch Pferdewagen werden noch benutzt.

Viel wird in Europa diskutiert über Roma, doch ihr Alltag ist kein attraktives Motiv. Folklore und Polemik gibt es viel, Dokumentarisches eher wenig. Auch Filmemacher widmen sich nur selten diesem Thema, wie etwa die Ungarin Diana Groó in ihrem sehenswerten "Vespa" (2010) oder Mira Fornay in dem halbdokumentarischen Drama "My Dog Killer" (2012) über Hass und Vorurteile in der slowakischen Provinz.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

7 / 17

Viele Einwohner von Ponorata haben Rumänien schon einmal verlassen und anderswo in Europa ihr Glück versucht. Marinela Boldis gehört auch dazu. Mit ihrer Familie verbrachte sie acht Monate in Frankreich mit Betteln und etwas staatlichem Kindergeld. Als ihr Mann krank wurde, kehrten sie zurück. Er starb, nun hält seine Witwe ein altes Foto von ihm und den gemeinsamen Kindern in Gallups Kamera.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

8 / 17

Willkommen sind Roma, obwohl sie seit Jahrhunderten in Europa zu Hause sind, meist weder in Ost- noch in Westeuropa. Erst kürzlich forderte Frankreichs Innenminister Manuel Valls, "die Roma sollten in ihre Länder zurückkehren und sich dort integrieren".

Wie das Leben vieler Roma in "ihren Ländern" aussieht, zeigen Gallups schnörkellose Fotos auf teils erschreckende Weise.

Im Bild. Ion Varga holt Wasser vom einzigen Brunnen in Ponorata, bei ihm seine Verwandten Claudia Gianina und Darius.

Kalderash Roma Gather For Annual Fest At Bistrita Monastery

Quelle: Getty Images

9 / 17

Und dann gibt es wieder völlig andere Eindrücke in diesen Bilderserien. Bunt statt grau, festlich statt mühselig.

Rumänien, ebenfalls im September 2013: Die Cousinen Bianca Radu, Scumpa Carpaciu, Rosalinda Radu und Larisa Mihai stehen vor der Kirche von Bistrita. Ihre Familien sind wie in jedem Jahr zum Kloster von Bistrita gekommen, um ihren Heiligen Gregor zu ehren.

Kalderash Roma Gather For Annual Fest At Bistrita Monastery

Quelle: Getty Images

10 / 17

Sie und Tausende weitere Besucher an diesem Festtag gehören zum Volksstamm der Kalderasch. Was von außen für die meisten einfach "die Roma" sind, sind in Wirklichkeit zahlreiche Volksstämme und Gruppen, die unterschiedlichen Traditionen folgen und einst für ihr jeweiliges Handwerk bekannt waren.

Die Kalderasch hatten sich früher einen Ruf als Kupferschmiede erworben. Inzwischen sind sie eher im - mitunter lukrativen - Schrotthandel tätig.

Kalderash Roma Gather For Annual Fest At Bistrita Monastery

Quelle: Getty Images

11 / 17

Das Fest beim Kloster von Bistrita bringt jedes Jahr Tausende von Kalderasch zusammen, zum Tanzen, Essen und Handeln.

Familien wie die von Mihai Istrate bauen große Festtafeln auf, ...

Kalderash Roma Gather For Annual Fest At Bistrita Monastery

Quelle: Getty Images

12 / 17

... Jugendliche wie Marius "Dorinel" Nicola (rechts) und sein Cousin sind ebenso mit dabei ...

Kalderash Roma Gather For Annual Fest At Bistrita Monastery

Quelle: Getty Images

13 / 17

... wie die Allerkleinsten. Das Baby Andrei wurde am Rand der Feierlichkeiten für den Heiligen Gregor in Bistrata getauft. Großvater Mihai Istrate hält ihn stolz in die Kamera von Gallup.

In gelösten Szenen wie diesen scheint zumindest kurz vergessen, was den Alltag der meisten Anwesenden prägt: Die Ablehnung der "Zigeuner" oder "tsigani", wie sie sich teils selbst nennen, durch ihr Umfeld. Eine jahrhundertealte Geschichte von Ausgrenzung und Spannungen, wie sie vor kurzem der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal in seiner preisgekrönten historischen Analyse "Europa erfindet die Zigeuner" für den ganzen Kontinent nachgezeichnet hat.

In Dilga, Rural Roma Struggle For A Better Life

Quelle: Getty Images

14 / 17

Die Menschen, die Gallup in seinen Bildern zeigt, sind von dieser schwierigen Geschichte geprägt. Die Familien im rumänischen Dilga, die der Fotograf im März 2013 besucht hat, gehören zu den Rudari - einer Roma-Gruppe, die einst für ihre Holzhandarbeiten bekannt war.

Während des kommunistischen Regimes arbeiteten die Rudari dann in Fabriken und Landwirtschaftskooperativen, in der Krise nach 1989 verloren die meisten ihren Job. Heute leben 2500 Menschen in Dilga, mehr als zwei Drittel sind arbeitslos, vom sozialen Stigma zu schweigen.

Im Bild: Xenia Costea (rechts) und ihre Verwandten betreiben einen der wenigen kleinen Läden von Dilga.

In Dilga, Rural Roma Struggle For A Better Life

Quelle: Getty Images

15 / 17

Den Kindern der heute in Rumänien lebenden Roma das Schicksal der Arbeitslosigkeit zu ersparen, ist das Ziel diverser Projekte, die von der EU und von NGOs gefördert werden. So wird im Rahmen des "Roma Education Fund" hier in Dilga nachmittags eine Hausaufgabenbetreuung angeboten. Davor gibt es ein gemeinsames warmes Essen für alle Kinder.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

16 / 17

Die rumänische NGO OvidiuRo versucht in Ponorata and 23 weiteren Roma-Gemeinden die schulischen Chancen dieser Kinder zu unterstützen. Radu Ugea unterrichtet eine Vorschulklasse. Um die regelmäßige Teilnahme der Kinder zu fördern, gibt OvidiuRo Essensgutscheine aus.

Roma Communities Struggle Against Abject Poverty

Quelle: Getty Images

17 / 17

Roma wie die in Ponorata seien "gefangen in einem Kreis aus Armut, Analphabetismus und Arbeitslosigkeit, der sich durch Generationen zieht", beschreibt Gallup seine Eindrücke. Oft werde nur über und nicht mit Roma geredet, wie etwa in gut gemeinten deutschen Talkshows zum Thema, in die aber kein einziger Roma eingeladen sei.

Bilder wie die aus Ponorata, Bistrita und Dilga sind da seltene Einblicke. Bleibt zu bedenken, dass selbst Fotos immer wieder aus dem Kontext gerissen und für Roma-feindliche Berichterstattung verwendet werden, wie 2012 durch die Schweizer Weltwoche. Derlei immerhin hat Gallup mit seinen Bildern noch nicht erlebt.

Im Bild: Andrei Lingurar, eines der Kinder in Ponorata.

© Süddeutsche.de/beu/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema