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Restitutionsdebatte:Die Entdeckung der Überforderung

Von den Feuilletons in die Ausschüsse und auch wieder zurück: Was ist eigentlich aus der Restitutionsdebatte um geraubte Kunst aus ehemaligen Kolonien geworden?

Von Jörg Häntzschel

Am 6. Oktober entscheidet das französische Parlament über ein Gesetz, nach dem 26 Objekte, die unter französischer Besatzung aus der heutigen Republik Benin gestohlen wurden und heute im Pariser Musée du Quai Branly liegen, an das afrikanische Land zurückgegeben werden. Für Benin wäre das Gesetz ein Erfolg, auch für die Befürworter von Restitutionen, wenn auch nur ein kleiner: Es geht nur um diese 26 Objekte, der Code du Patrimoine, der Veräußerungen aus dem französischen Kulturerbe verbietet, bleibt bestehen. Vor drei Jahren hatte Emmanuel Macron versprochen, innerhalb von fünf Jahren "die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanisches Erbes an Afrika" zu schaffen. Darauf muss Afrika nun weiter warten.

Die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die im Auftrag von Macron gemeinsam mit Felwine Sarr durch Afrika gereist ist und sich in ihrem gemeinsamem Bericht für großzügige Restitutionen ausgesprochen hat, ist nicht enttäuscht. "Wenn das wirklich verabschiedet wird, bewegt das in Deutschland wieder etwas."

Und etwas Druck kann Deutschland nicht schaden. Der Streit über den Umgang mit der musealen Beute der Kolonialzeit hat sich beruhigt. Teils, weil sich kaum noch jemand öffentlich gegen Restitutionen ausspricht. Teils, weil sich Bund, Länder und Kommunen 2019 mit den "Ersten Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" die Positionen von Savoy zu eigen gemacht haben.

Die Afrika-Liste enthält 62000 Objekte auf 2400 Seiten. Wer wird hier fündig werden?

Was konkret passieren soll, darüber verhandeln jetzt in der "Bund-Länder-AG" Vertreter der Museen, des Kulturstaatsministeriums, des Auswärtigen Amts, des Entwicklungshilfeministeriums, der Länder und der Kommunen. Sie können das Thema dort leise sterben lassen oder helfen, die Intransparenz der Museen zu beenden und Rückgaben möglich zu machen.

Die erste Maßnahme bestand darin, am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, bisher nur mit NS-Raubkunst befasst, nun auch die Forschung des kolonialen Kunstraubs zu fördern. Es sind Projekte wie das des Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, das durch Forschung an antiken Glasobjekten aus Syrien neue Erkenntnisse zum "kolonial geprägten Antikenhandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts" erwartet. Oder das der Universität Rostock, die sich mit 40 Schädeln in ihrer medizinischen Sammlung befasst.

Doch viele finden, dass die Kolonialzeit andere Verfahren erfordert als der NS-Raub. Und fragen sich, wie detaillierte Forschung an 20 Objekten zu rechtfertigen ist, wenn im selben Museum digitale Inventare fehlen. "Das ist reine Simulierung von Aufarbeitung, Klein-klein-Forschung", sagt etwa der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer. Larissa Förster, die Leiterin der Abteilung, verteidigt das Konzept. "Wir machen Tiefenforschung", die auch über die einzelnen Stücke hinaus Erkenntnisse liefere. Doch obwohl sie den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften und die Ermöglichung von Rückgaben als zwei Ziele ihrer Arbeit angibt, ist in den Kurzbeschreibungen der geförderten Projekte nur am Rande die Rede davon. In den "Förderzielen" wird das Thema Restitutionen nicht erwähnt. Mit Savoy sitzt die bekannteste Kritikerin der Museen im Beirat, mit Albert Gouaffo auch ein Wissenschaftler aus Afrika. Dennoch bleibt der Verdacht, dass der deutsche Museums- und Wissenschaftsbetrieb hier zuerst an sich selbst denkt. Ohnehin reichen die 1,5 Millionen Euro, die dafür jährlich zur Verfügung stehen, nicht allzu weit.

Durchbrüche sind daher eher von dem Projekt zu erwarten, das die AG Mitte Oktober vorstellen will. Sie wagt sich endlich an das größte Problem der ethnologischen Museen: Die meisten von ihnen arbeiten noch mit Listen und Inventarbüchern aus dem späten 19. Jahrhundert. Tausende Objekte sind nicht inventarisiert, andere stehen in den Verzeichnissen, sind aber längst verloren gegangen.

Hunderttausende Stücke fotografieren und beschreiben: wie soll das gelingen?

Mit ihrem Aufruf "Öffnet die Inventare" hatten Savoy und viele andere deshalb 2019 an die Museen appelliert, zumindest das, was an Informationen vorhanden ist, ins Netz zu stellen. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, einer der Initiatoren der "Eckpunkte", schließt sich Savoys Forderung an und verweist auf das Beispiel des Hamburger Museums am Rothenbaum: Es hat im Juni etliche Inventarlisten online gestellt. Als simple Tabellen auf endlosen pdfs. Allein die bis 1920 ins Museum gekommenen Afrika-Bestände umfassen 62 000 Objekte auf 2 400 Seiten. Nicht einmal jeder zehnte Eintrag ist mit einem Foto versehen. Zu den meisten Stücken ist nur die elementarste Information verzeichnet. "Gerät aus Eisen, Westafrika, vor 1895", lautet ein Eintrag. Ein Warnhinweis über jeder Seite lautet: "Viele Bezeichnungen in dieser Liste wurden seit der Erstellung des Inventars als fehlerhaft, überholt oder rassistisch identifiziert."

Das Bremer Überseemuseum hat inzwischen nachgezogen, mit Faksimile-Seiten uralter Inventarbücher. Kaum etwas ist zu entziffern, Bilder fehlen ebenfalls. Doch immerhin verheimlichen diese Museen nicht mehr, wie überfordert sie mit ihrer eigenen Sammlung sind und welche Defizite sich über die Jahrzehnte angehäuft haben.

Die meisten Museen schrecken vor so viel Offenheit aber noch zurück, auch weil sie fürchten, sich mit falschen Zuschreibungen oder verletzenden Begriffen neue Probleme einzuhandeln, so Claudia Rose vom Kulturministerium in Baden-Württemberg.

Die Bund-Länder-AG, deren Ko-Vorsitzende sie ist, arbeitet daher mit Hochdruck an einem Verfahren, das den ethnologischen Museum helfen soll, ihre Bestände digital aufzunehmen und online verfügbar zu machen. Sie spricht von "Grunddatenerfassung", von einer "rudimentären Beschreibung der Objekte, die für Dritte aussagekräftig ist". Es geht also genau nicht um reizvolle Provenienzforschung, sondern darum, Objekte nach einheitlichen Vorgaben zu dokumentieren, zu fotografieren und sie über ein zentrales Portal zugänglich zu machen. Das würde nicht nur den Kenntnisaustausch zwischen den Museen radikal erleichtern, sondern eben auch Bitten um Rückgaben.

Mit von der Partie ist Markus Hilgert, der Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, unter dessen Leitung im August die "Kontaktstelle" gegründet wurde, die all jenen helfen soll, die auf der Suche nach Objekten sind und derzeit nicht den Hauch einer Chance haben, in den Museen fündig zu werden. Schon jetzt, sagt er, bekomme er täglich Anfragen.

Auch für Hilgert sind Transparenz und Digitalisierung entscheidend. "Ohne die sind Rückführungen schwer möglich." Geplant ist, dieses neue Verzeichnis bei der Deutschen Digitalen Bibliothek anzusiedeln. Doch wie es gelingen soll, hunderttausende Objekte zu fotografieren, zu beschreiben, und das in Museen, in denen schon gejubelt wird, wenn man die Finanzierung einer halben Stelle für ein paar Monate klarmacht, das kann einem bisher niemand erklären. "Die Politik beginnt zu verstehen, was das für eine große, langfristige Aufgabe das ist", raunt Hilgert dunkel. "Es ist ein langer Weg, den man aber konsequent gehen muss."

Brosda ist dennoch zuversichtlich. Und wie Rose verweist er als Vorbild auf das Hamburger Projekt "Digital Benin", mit dem dokumentiert werden soll, wie die berühmten Benin-Bronzen, die 1897 von den Briten gestohlen wurden, über Europas Sammlungen verstreut wurden. Zimmerer bemerkt dazu trocken: "Warum gibt man nicht schon mal die zurück, von denen man weiß, wo sie sind?"

Zumindest die juristischen Hürden sind dafür teils gefallen. Bis vor kurzem stand Restitutionen aus öffentlichen Museen das Haushaltsrecht entgegen, das schnödere deutsche Pendant des Code Patrimoine. Nur für NS-Raubkunst gab es Ausnahmeregeln. Diese Ausnahmen gelten beim Bund und in einigen Ländern inzwischen auch für koloniales Raubgut.

© SZ vom 30.09.2020
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