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Replik auf die Kritik an Buchverlagen:Alles aus Liebe zum Buch

Aber so ist es eben nicht. Gerade der gegenwärtige Lektorentypus, den Rainer Moritz vermutlich pejorativ als "Projektmanager" beschreibt, ist eben mehr als der gute, alte Textdoktor, der aus fehlerhaften Manuskripten fehlerfreie Bücher macht. Er ist Ideengeber und Geburtshelfer, Pate und Beschützer des Werks. Er korrigiert, berät, ermutigt, ermahnt, tröstet, kürzt, schreibt das Ende, holt das Bier und passt auf die Kinder auf (alles schon passiert). Er tut dies auch am Abend und am Wochenende, er tut es aus Liebe zum Buch. Dieser Typus verkörpert den Publikumsverlag, wie ich ihn seit über zwanzig Jahren im Literaturbetrieb ausnahmslos kennengelernt habe.

Die Buchbranche im deutschsprachigen Raum steht heute insgesamt gut da

Ein Buchverlag ist heute ebenso wenig Dienstleister für seine Autoren, wie die Autoren Dienstleister für ihre Verlage sind. Mit dem Verlagsvertrag beginnt eine Partnerschaft, in der Rechte und Pflichten, Chancen und Risiken verteilt werden. Der Verlag lässt drucken und verkauft, aber er kümmert sich auch für seine Autoren um Preise und Stipendien, er organisiert Lesungen und pflegt das Werk im In- und Ausland. Er versucht, sie alle zu überzeugen, die Buchhändler, die Kritiker, die Blogger, die ausländischen Verleger. Manchmal gelingt es, manchmal nicht - er macht trotzdem weiter. Er tut dies übrigens über den Tod des Autors hinaus, wenn die Verträge es ihm erlauben.

Und ja, Buchverlage sind seit jeher Wirtschaftsunternehmen, die sogenannten ökonomischen Zwängen unterliegen, aber das war und ist kein Problem, sondern eine Bedingung dafür, dass sie das tun, wofür es sie gibt: dafür zu sorgen, dass die Werke ihrer Autoren in die Hände möglichst vieler Leser geraten.

Es wundert nicht, dass die Buchbranche im deutschsprachigen Raum heute insgesamt gut dasteht, gerade im Vergleich zu anderen europäischen Märkten. Es erscheinen Jahr für Jahr zahlreiche gute Bücher, und die Stimmung auf den Buchmessen ist meistens eher heiter. Der Medienwandel hin zur Ergänzung des klassischen Buches durch das E-Book ist geglückt. Die Buchbranche leistet einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben und kommt dabei, anders als etwa der Kunst- oder Theaterbetrieb, weitgehend ohne direkte Subventionen aus.

Viel Geld für ein fehlerbehaftetes Thomas-Mann-Buch

Die Verlage, auch Rowohlt, S. Fischer oder Kiepenheuer und Witsch, die Rainer Moritz in seinem Artikel exemplarisch erwähnt, sind keine Schwundstufen ihrer Vorbilder aus dem goldenen Zeitalter des Verlagswesens (wann immer das gewesen sein soll). Sie sind ihre Weiterentwicklung. Sie leisten heute mehr als das, was Verlage in der Vergangenheit geleistet haben. Und sie lassen nicht einmal mehr Rechtschreibfehler zu als früher.

So erzielt die Erstausgabe der ersten Druckquote von Thomas Manns "Lotte" heute im antiquarischen Handel hohe Preise. Die Ausgabe enthält unzählige Fehler, wie auch die folgenden Ausgaben. Nur ein einziger Fehler auf Seite 222, der für die zweite Druckquote korrigiert wurde, macht den Unterschied.

Tom Kraushaar, geboren 1975 in Düsseldorf, ist seit 2005 als Verleger tätig. Seit 2007 ist er Gesellschafter und verlegerischer Geschäftsführer des Verlages Klett-Cotta in Stuttgart.

© SZ vom 03.06.2016/jobr
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