Süddeutsche Zeitung

Replik auf die Kritik an Buchverlagen:Der Lektor schreibt das Ende und holt das Bier

Arbeiten Lektorate und Buchverlage heute schlechter als früher? Im Gegenteil: Sie leisten mehr denn je! Ein Einwurf.

Von Tom Kraushaar

Das Geraune über den Sitten- und Qualitätsverfall gehört seit jeher zum guten Ton in der Verlagsbranche. Schon Johann Friedrich Cotta, der Verleger Goethes und Schillers, musste sich rechtfertigen, als Jean Paul ihm schrieb: "Nur wirft der Teufel - nicht der Setzer - mir in meine Freude wieder verdammte Druckfehler wie Fliegen in eine Brautsuppe." Und warum auch nicht? Ein bisschen Kulturpessimismus schmückt jeden Literaturliebhaber.

Am vergangenen Samstag berichtete der Leiter des Hamburger Literaturhauses und ehemalige Verlegerkollege Rainer Moritz in der Neuen Zürcher Zeitung vom Qualitätsverlust der Lektoratsarbeit in deutschen Buchverlagen. Man könnte meinen, aus den guten alten Lektoren, die einst in holzvertäfelten Kämmerchen ohne Telefonanschluss konzentriert ihr Handwerk verrichteten, seien "Projektmanager" geworden, gestresste Ausgeburten der "Sparnot" ihrer Arbeitgeber. Das schockierende Ergebnis seien Bücher mit Rechtschreibfehlern.

Moritz führt einige Beispiele an, unter anderem einen bei Klett-Cotta erschienenen Erzählungsband, in dem er drei vermeintliche Rechtschreibfehler gefunden hat, von denen allerdings zwei bewusst vom Autor gewählte lautmalerische Abweichungen von der Rechtschreibung sind. Übrig bleibt also ein Fehler. Über den (und gegebenenfalls auch über weitere) sollte man sich gewiss ärgern und Besserung versprechen. Doch die mahnenden Worte von Moritz sind der (Gegen-)Rede wert - gerade heute.

Denn der Klageton über den schleichenden und unaufhaltsamen Niedergang der Verlagskultur hallte zwar immer schon dumpf durch die Welt, aber er schien bisher zumindest keinen Schaden angerichtet zu haben. Tatsächlich nicht?

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs in diesem Jahr sollen Verlage nicht mehr an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden. Einige wissenschaftliche und kleinere Verlage sind dadurch in ihrer Existenz bedroht. Eine Novelle des Urheberrechts hatte vorgesehen, Verlage gegenüber den Autoren deutlich schlechter zu stellen. Und bereits im Jahr 2013 wurden ebenfalls vom BGH die Vergütungsregeln für Übersetzer wesentlich zuungunsten der Verlage verändert. Auf die Spezifika dieser Fälle muss hier nicht eingegangen werden, denn ihnen liegt ein gemeinsames Problem zugrunde.

Die Autoren wissen genau, was die Verlage für sie tun

Es sind nun ausgerechnet die Autoren, also die scheinbar Begünstigten der Urheberechtsänderungen, die sich seitdem verstärkt für die Belange der Buchverlage einsetzen. Das liegt nicht etwa daran, dass sie Angst vor dem Zorn ihrer übermächtigen Verlage hätten, vielmehr wissen gerade sie, welche Arbeit dort geleistet wird. Die anderen Menschen, ob Juristen des Bundesgerichtshofs oder eben auch ganz normale Leute, sehen diese Leistung nicht, die Buchverlage heute erbringen.

Las man so manchen Kommentar zu den Debatten um die oben genannten Fälle, musste man glauben, Buchverlage seien einst biedere Handels- und Druckdienstleister gewesen, die im Kapitalismus zu gierigen Verwertern der Autorenrechte mutiert sind. Wer dann auch noch meint, man könne die Qualität von Lektoratsarbeit allein an der Quote der Rechtschreibfehler ablesen, der muss sich in der Tat fragen, warum diese Verlage eigentlich bisher überhaupt bei Buchveröffentlichungen mitverdienen durften. Dann sollen die Autoren doch einfach ihre Bücher schreiben, sich die "Dienstleistungen" hier und da einkaufen und dann mit Word, Print-On-Demand und Twitter selber publizieren.

Alles aus Liebe zum Buch

Aber so ist es eben nicht. Gerade der gegenwärtige Lektorentypus, den Rainer Moritz vermutlich pejorativ als "Projektmanager" beschreibt, ist eben mehr als der gute, alte Textdoktor, der aus fehlerhaften Manuskripten fehlerfreie Bücher macht. Er ist Ideengeber und Geburtshelfer, Pate und Beschützer des Werks. Er korrigiert, berät, ermutigt, ermahnt, tröstet, kürzt, schreibt das Ende, holt das Bier und passt auf die Kinder auf (alles schon passiert). Er tut dies auch am Abend und am Wochenende, er tut es aus Liebe zum Buch. Dieser Typus verkörpert den Publikumsverlag, wie ich ihn seit über zwanzig Jahren im Literaturbetrieb ausnahmslos kennengelernt habe.

Die Buchbranche im deutschsprachigen Raum steht heute insgesamt gut da

Ein Buchverlag ist heute ebenso wenig Dienstleister für seine Autoren, wie die Autoren Dienstleister für ihre Verlage sind. Mit dem Verlagsvertrag beginnt eine Partnerschaft, in der Rechte und Pflichten, Chancen und Risiken verteilt werden. Der Verlag lässt drucken und verkauft, aber er kümmert sich auch für seine Autoren um Preise und Stipendien, er organisiert Lesungen und pflegt das Werk im In- und Ausland. Er versucht, sie alle zu überzeugen, die Buchhändler, die Kritiker, die Blogger, die ausländischen Verleger. Manchmal gelingt es, manchmal nicht - er macht trotzdem weiter. Er tut dies übrigens über den Tod des Autors hinaus, wenn die Verträge es ihm erlauben.

Und ja, Buchverlage sind seit jeher Wirtschaftsunternehmen, die sogenannten ökonomischen Zwängen unterliegen, aber das war und ist kein Problem, sondern eine Bedingung dafür, dass sie das tun, wofür es sie gibt: dafür zu sorgen, dass die Werke ihrer Autoren in die Hände möglichst vieler Leser geraten.

Es wundert nicht, dass die Buchbranche im deutschsprachigen Raum heute insgesamt gut dasteht, gerade im Vergleich zu anderen europäischen Märkten. Es erscheinen Jahr für Jahr zahlreiche gute Bücher, und die Stimmung auf den Buchmessen ist meistens eher heiter. Der Medienwandel hin zur Ergänzung des klassischen Buches durch das E-Book ist geglückt. Die Buchbranche leistet einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben und kommt dabei, anders als etwa der Kunst- oder Theaterbetrieb, weitgehend ohne direkte Subventionen aus.

Viel Geld für ein fehlerbehaftetes Thomas-Mann-Buch

Die Verlage, auch Rowohlt, S. Fischer oder Kiepenheuer und Witsch, die Rainer Moritz in seinem Artikel exemplarisch erwähnt, sind keine Schwundstufen ihrer Vorbilder aus dem goldenen Zeitalter des Verlagswesens (wann immer das gewesen sein soll). Sie sind ihre Weiterentwicklung. Sie leisten heute mehr als das, was Verlage in der Vergangenheit geleistet haben. Und sie lassen nicht einmal mehr Rechtschreibfehler zu als früher.

So erzielt die Erstausgabe der ersten Druckquote von Thomas Manns "Lotte" heute im antiquarischen Handel hohe Preise. Die Ausgabe enthält unzählige Fehler, wie auch die folgenden Ausgaben. Nur ein einziger Fehler auf Seite 222, der für die zweite Druckquote korrigiert wurde, macht den Unterschied.

Tom Kraushaar, geboren 1975 in Düsseldorf, ist seit 2005 als Verleger tätig. Seit 2007 ist er Gesellschafter und verlegerischer Geschäftsführer des Verlages Klett-Cotta in Stuttgart.

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Quelle:
SZ vom 03.06.2016/jobr
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