Rassismus in Brasilien Quote für Farbige in öffentlichen Ämtern

Gilberto Carvalho, Chef des Präsidialamtes in Brasília, beklagte kürzlich: "Die Gewalt gegen schwarze Jugendliche ist stark angestiegen. Das ist, als fiele jede Woche ein Flugzeug mit über dreihundert jungen Leuten vom Himmel". Insgesamt wurden 2010 in Brasilien knapp 35.000 Schwarze getötet. Zum Vergleich - in den USA, deren Bürger im Umgang mit Schusswaffen bekanntermaßen nicht zimperlich sind, starben 2010 knapp 13.000 Menschen gewaltsam.

Der einzige Weg, dieser Misere zu entkommen ist Bildung. 15 Prozent der weißen Schulabgänger schaffen mit einem Studienplatz an einer staatlichen Universität den sozialen Aufstieg. Doch nur knapp fünf Prozent der Afrobrasilianer. Brasiliens öffentliche Schulen sind miserabel, wer sich kein privates Institut leisten kann, ist im Nachteil. So endet für viele Farbige die Schulzeit auch schon nach vier oder fünf Jahren.

"Belindia" nennen viele Brasilianer ihr Land. Wer Geld hat und die richtige Hautfarbe, führt dort ein Leben mitteleuropäischen Standards. Alle anderen kämpfen mit den Problemen eines Entwicklungslandes, wie in Indien. Und der Rassismus ist in Brasilien nicht nur Alltag. Er ist auch institutionalisiert: Von den 513 Abgeordneten im Brasilianischen Nationalkongress bezeichnen sich nur dreißig als dunkelhäutig.

Empregadas, die Rechtlosen des Landes

Trotzdem gibt es auch positive Signale: Ein Durchbruch war die Wahl von Joaquim Barbosa zum ersten farbigen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Brasilien im vergangenen Jahr. Sein Erfolg hat Symbolkraft. Nun plant Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff sogar eine Quote für Farbige in öffentlichen Ämtern. Ein echtes Erfolgsrezept ist das von Ex-Präsident Lula da Silva als Herzstück seiner engagierten Sozialpolitik geschaffene Programm "Bolsa Familia". Ein Stipendium, das Familien unterstützt, wenn sie ihre Kinder regelmäßig zur Schule schicken und impfen.

Nach einer Verfassungsänderung im März haben die meist schwarzen Empregadas, die in den weißen Familien rund um die Uhr putzen, waschen und die Kinder betreuen, die gleichen Rechte wie andere Angestellte. Bisher galten Hausangestellte als quasi Privatbesitz ihrer Arbeitgeber, rechtlos und immer verfügbar, untergebracht in einer Kammer ohne Fenster neben der Küche. In der Debatte im Senat wurde die Bedeutung dieses neuen Gesetzes mit dem zur Abschaffung der Sklaverei 1889 verglichen.

Wie viel erfolgreicher wäre das Schwellenlandwunder Brasilien wohl, wenn es nicht mehr als die Hälfte seiner Bürger zur Menschen zweiter Klasse degradieren würde? Das Motto der diesjährigen Buchmesse lautet: Vielfalt der Stimmen. Schade, dass die Buchbranche im Oktober nur einen Teil der grandiosen Kreativität Brasiliens kennenlernen wird. Das ist, als liefe man durch den Urwald im Amazonas oder die Straßen von Salvador da Bahia und schaltete den Ton ab.

Weltjugendtag in Rio

Papst spricht Suchtkranken Mut zu