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Pussy Riot in Frankfurt:"Der erste Hungerstreik ist wie die erste Liebe"

'Pussy Riot Theatre' in Frankfurt

Pussy-Riot-Frontfrau Maria Alyokhina in Frankfurt

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Pussy Riot sind mit einem Theaterstück zurück. In Frankfurt trifft geschickt kalkulierte Pop-Inszenierung auf eine brutale politische Realität.

Maria Alyokhina lächelt nicht zurück, wenn man ihr zulächelt, zumindest nicht heute. Die Proben für ihre Performance "Riot Days" sind gerade vorbei, anderthalb Stunden später als geplant. Sie sitzt in einem Zimmer des Mousonturms, ganz in schwarz, eine Pelzmütze auf dem Kopf, und trinkt Kaffee. Neben ihr ihre Mitstreiterin Olga Borisova.

In knapp einer Stunde steht die erste von zwei Vorstellungen des Pussy Riot Theatres in Frankfurt am Main an. Das Stück beruht auf Marias Buch, "Tage des Aufstands", das wiederum beruht auf der Geschichte Pussy Riots, und die glaubt man eigentlich zu kennen. Wenn man die Aufführung gesehen hat, begreift man: Man kennt sie nicht.

Das Haus ist ausverkauft, die Gäste unterhalten sich, "Schade, die Hübsche ist heute gar nicht dabei" sagt einer von ihnen, er meint Nadezhda Tolokonnikova, und es sagt leider viel darüber, wie die Welt Pussy Riot sieht. ("Wie heißen die noch? "Reit ne Pussy?"" fragt ein anderer. Feminismus, du hast da noch einiges vor dir.) Maxim Ionov und Anastasia Ashitkova, die Musiker, kommen auf die Bühne. Kurz darauf Kiryl Masheka und Maria Alyokhina. Sie trägt kurz eine bunte Sturmhaube, das Pussy-Riot-Markenzeichen, dann zieht sie die ab. Es ist schon lange müßig geworden, ihr Gesicht zu verstecken. Mit Videobildern im Rücken skandieren die vier den Text ins Publikum:

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Die Begründerin von Pussy Riot stellt in Berlin ihr neues Buch vor - und liefert den Gästen hochprofessionellen Nonkonformismus.

"Der Sommer war vorbei. Es wurde immer früher dunkel. Putin gab bekannt, er wolle zum dritten Mal kandidieren." Sie sprechen Russisch, die Übersetzung läuft hinter ihnen auf der Leinwand. Die Sätze sind kurz und hart, das Saxophon brüllt. Ab und an kippt das Sprechen ins Singen. Wie schon das Buch fügt sich das Stück aus Erinnerungsfetzen zusammen, ein vitaler Bastard aus Wut und Weisheit. In dieser Aufführung wird daraus eine Beschwörung, ein Trip in die Tage der Festnahme in Moskau 2012, zum Auftritt in der Erlöser-Kirche.

Als würden die Frauen sich über ihre eigene frühere Naivität lustig machen

Obwohl die Akteure nur dastehen, zieht die Dynamik ihres Sprechens den Zuschauer in die Ereignisse: Er liegt mit Maria wach in der Nacht, bevor sie in die Kirche geht. Er schmuggelt die Gitarre mit an den Wachen vorbei. Er tanzt mit ihr auf dem Altar und wird mit ihr aus dem Gebäude gezerrt. Er geht mit ihr nach Hause zu ihrem Sohn. "Am nächsten Morgen schaute Philipp "Wilde Schwäne" im Fernsehen. "Ich bin bald wieder da", sagte ich. Er war damals vier, es waren noch drei Monate bis zu seinem fünften Geburtstag. Ich (...) zog die Tür hinter mir zu. Und kam zwei Jahre lang nicht zurück."

Die Maria auf der Bühne trägt ein Kreuz um den Hals. Sie nimmt es ab, als sie in der Mitte des Stückes nochmal ihre Sturmhaube aufsetzt, und legt es danach wieder an. Kiryl beginnt zu tanzen, sie starrt unbewegt ins Publikum. In der anderen Wirklichkeit, im Untersuchungsgefängnis, verweigert sie aufgrund menschenunwürdiger Behandlung die Nahrung. "Der erste Hungerstreik ist wie die erste Liebe." Die Realitäten überlappen. Zwischen der ersten Aktion und der Verurteilung liegen 25 Minuten.