"The Dinner" im Kino:Egoismus als Gesellschaftsform

Film The Dinner

Sumpf oder solides altes Washington? Richard Gere als Stan Lohman.

(Foto: Verleih)

Krieg um die moralische Oberhoheit: Richard Gere und Steve Coogan begegnen sich als ungleiche Brüder in Oren Movermans Romanverfilmung "The Dinner".

Von Susan Vahabzadeh

Paul Lohman ist die Art von Mensch, denen man sehr schnell vergibt für ihre schlechte Laune, sie ist nämlich nicht ansteckend; am Anfang zumindest. Da kommt er ziemlich klug und schlagfertig rüber.

Er stromert lästernd durchs Haus, in freudloser Vorbereitung seiner Abendgestaltung: Paul (Steve Coogan) und seine Frau Claire (Laura Linney) sind in ein Luxusrestaurant geladen von Stan (Richard Gere), der in Paul allerlei Emotionen hochkochen lässt, bloß keine Bruderliebe.

Stan und Paul, das kapiert man bald, sind seit Kindheitstagen Erzrivalen, und der ältere Stan hat gewonnen: Er ist Kongressabgeordneter, ein Vertreter des Washingtoner Sumpfs.

Paul war Lehrer, hatte aber einen Nervenzusammenbruch. Das aalglatte Establishment ist ihm zutiefst zuwider. Aber seine Miesepetrigkeit ist irgendwie witzig. Tolles Restaurant, sagt seine Frau, das wird heute Abend wie ein Trip nach Frankreich. Ja, sagt Paul schnippisch, während des Krieges.

Paul ist die zentrale Figur von Oren Movermans "The Dinner" - seine Entwicklung dominiert ein Dinner, das auf den ersten Blick nach einer feinen Sache aussieht, dann aber sehr hässlich wird.

Ein Abend mit Menschen, die ein ganzes Leben aus ihnen gemacht hat

Die zwei Lohman-Paare, auch Stans Frau Katelyn ist dabei, wollen über ihre Kinder reden. Die beiden Jungs haben etwas ausgefressen, und der Elternrat tritt nun zusammen, um zu besprechen, wie man damit bitte umgehen soll.

Eine Konstellation also wie in Yasmina Rezas Stück "Der Gott des Gemetzels", von Roman Polanski ziemlich vollkommen fürs Kino inszeniert. In "The Dinner" geht es aber auch um die Biografie der Figuren, sie sind an diesem einen Abend die Menschen, die ein ganzes Leben aus ihnen gemacht hat.

Stan ist Politiker, er will verhandeln. Katelyn will sich raushalten. Und aus Claire macht Laura Linney eine wunderbare Lady Macbeth, liebend, irgendwie, aber unter der Oberfläche diabolisch.

Fassade des zynischen Weltendurchschauers

Moverman hat hier einen Bestseller adaptiert, der gar nicht in Amerika spielt: "Angerichtet" des Niederländers Herman Koch war vor ein paar Jahren ein Bestseller, auch in Amerika. Und ziemlich wegweisend, was Charakterisierungen betrifft, die für all die Gräben, die sich derzeit durch viele Gesellschaften ziehen, eine große Rolle spielen.

Paul, der Underdog, der im Lokal erst einmal die Kellner anzickt wegen all des überteuerten Chichi, lässt einen nämlich bald erschauern. In seiner Erinnerung kramt er den Augenblick heraus, als er in einem Laden eine Fensterscheibe bezahlen musste, die sein Sohn kaputt gemacht hatte. Es tut ihm nicht leid - hinter der Fassade des zynischen Weltendurchschauers blitzt die Fratze eines arroganten Rassisten auf.

"The Dinner" hat nicht viel mit Donald Trump zu tun - aber viel mit den Leuten, die ihn gewählt haben

Plötzlich beginnt man dann, während man noch im Kino sitzt und sich den Film ansieht, noch einmal neu zu bewerten, womit genau Paul uns vorher amüsiert hat: Ist der andere Sohn von Stan, der adoptierte, der zufällig schwarz ist, wirklich so ein verzogenes Früchtchen?

Es hat sich so ergeben, dass "The Dinner" kurz nach Donald Trumps Amtseintritt bei der Berlinale Premiere hatte - als Oren Moverman das Drehbuch schrieb, hat noch keiner sich vorstellen können, dass Trump es auch nur bis zum Kandidaten bringen würde, und die Vorlage, Herman Kochs Roman, ist 2009 in den Niederlanden erschienen.

Da war Donald der Schreckliche noch reines Klatschspaltenfutter. "The Dinner" hat nicht wirklich viel mit Donald Trump zu tun - aber sehr viel mit den Leuten, die ihn gewählt haben.

Die größte Schwäche dieses Films ist seine Struktur - der Israeli Moverman behält die Einteilung der Vorlage in Gänge bei, die Kellner gehen auf und ab, stellen Teller mit überkandidelten Speisen vor den Lohmans ab.

Das Essen wird hier immer wieder zur schiefen Metapher, denn mit der Haute Cuisine, die da aufgetischt wird, hat die Geschichte gar nichts zu tun, es geht dann gar nicht um Klassenunterschiede.

Betrogen von der ganzen Welt

Moverman hat vorher schon zwei Filme über wütende Männer gedreht, "The Messenger" und "Rampart", die sich an den Institutionen abarbeiten, von denen sie sich missbraucht fühlen, dem Militär, der Polizei. Paul fühlt sich gleich von der ganzen Welt betrogen, der arme weiße Mann ist das Opfer einer politischen Korrektheit, die es ihm verboten hat, den Kindern in der Schule einfach zu erzählen,was er will.

Als psychologisches Drama funktioniert "The Dinner" hervorragend, schon deshalb, weil Steve Coogan Paul tatsächlich in allen Schattierungen spielt, den Charme, den Paul zu Beginn des Films hat, langsam aus der Figur entweichen lässt.

Bis dann irgendwann klar ist, wie weit Paul geht, um seinen Sohn davor zu schützen, dass der für eine Gräueltat büßen muss - die er letztlich in genau jenem egozentrischen Überlegenheitswahn begangen hat, den sein Vater ihm vorlebt.

Die verdrehte Logik, sich immer wieder selbst recht zu geben

Pauls ganzes Leben ist von Neid getrieben, erst auf den älteren Bruder, dann bald auf alle. Es zählt für ihn immer nur, wie er selbst dabei wegkommt - er hat den Egoismus zur Gesellschaftsform erklärt, nicht sehend, dass das immer nur für einen funktioniert. Wie kann es jemand wagen, mit irgendwem Mitleid zu haben außer Paul?

So, wie Moverman diese Geschichte erzählt, hat sie ein paar Brüche zu viel. Aber er bringt auch etwas auf den Punkt: die Mechanik jener verdrehten Logik, mit der sich einer wie Paul immer wieder selbst recht geben kann. Auch dann, wenn er schon lange auf dem Holzweg ist.

The Dinner, USA 2017 - Regie: Oren Moverman. Buch: Moverman, basierend auf dem Roman von Herman Koch. Kamera: Bobby Bukowksi. Mit: Richard Gere, Steve Coogan, Rebecca Hall, Laura Linney, Chloë Sevigny, Charlie Plummer. Tobis, 120 Minuten.

© SZ vom 08.06.2017
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