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Prozess der "Cardigans" gegen die "Hives":Die Strickjacken schlagen zurück

MEMBERS OF THE SWEDISH POP GROUP THE CARDIGANS POSE WITH THEIR PLATINIUM EUROPE MUSIC AWARDS IN BRUSSELS

"The Cardigans" bei den Europe Music Awards 2000 in Brüssel. Die Band war als Kreditgeber für ihre Kollegen tätig.

(Foto: REUTERS)

Es geht um mehr als zwanzig Millionen Euro: in sieben laufenden Gerichtsverfahren kämpfen im schwedischen Pop-Dschungel Musiker gegen Musiker und Studio, gegen Anwälte und Wirtschaftsprüfer, die "Cardigans" gegen die "Hives". Am Dienstag dieser Woche fällt das erste Urteil.

Von Thomas Steinfeld

Die Cardigans stammen aus Jönköping, einer Stadt von knapp hunderttausend Einwohnern im Norden Smålands, deren Kulturleben von Freikirchen geprägt wird. Die Hives sind auch eine schwedische Band. Sie kommen aus Fagersta, einem kleinen Ort in den tiefen Wäldern hundert Kilometer nordwestlich von Stockholm. Beide Bands gehören zu einer Gruppe von fünf, sechs Rockbands - dazu zählen etwa noch die Weeping Willows und The Ark -, die in den neunziger Jahren auch diesseits der schwedischen Grenzen berühmt wurden.

Und sie alle waren, auf die eine oder andere Art, gebunden an ein- und dasselbe Aufnahmestudio: die "Tambourine Studios", die seit 1991 in einem alten Fabrikgebäude in der Innenstadt von Malmö zu Hause sind, gleich neben einem irakischen Frauenverein und einem Fitness-Studio.

So zerstritten sind nun alle Beteiligten an dieser Geschichte, dass sie sich seit Jahren nur noch in Gestalt von Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Gerichtsvollziehern begegnen. Sieben Verfahren laufen noch. Am Dienstag dieser Woche fällt das erste Urteil: Die Cardigans verlangen in diesem Verfahren rund zwei Millionen Euro von den Hives - die Rückzahlung eines Kredits, den nicht sie selber, sondern das Aufnahmestudio vergeben hatte.

Denn als diese Bands plötzlich berühmt geworden waren, lauter sehr junge Leute aus der schwedischen Provinz, hatten sie weder gewusst, wie man mit Geld umgeht, noch wie Firmen oder das Steuerwesen funktionieren. Das Studio nahm deswegen bald nicht nur ihre Musik auf, sondern verwaltete auch das Geld der Musiker: Spätestens ab Ende der neunziger Jahre trug die "Wirtschaftsabteilung" der "Tambourine Studios" mehr zu den ökonomischen Resultaten des Unternehmens bei als das Tonstudio.

"Habe in Japan etwas Schönes gefunden"

Was dann geschah, scheint heute kaum mehr zu entwirren zu sein: Der eine Musiker erwarb einen Ferrari, der andere ein Dutzend historischer Gitarren, der dritte kaufte teure Uhren. "Habe in Japan etwas Schönes gefunden", lautet eine Mail des Sängers der Hives an das Studio, "kostet ungefähr eine Million. Wie sieht es in der Kasse aus?" - es muss sich glücklicherweise um Schwedische Kronen gehandelt haben. Danach hagelt es Inkassobriefe, gesperrte Kreditkarten - zwei Musiker der Hives sollen ihre Häuser verloren, einer zumindest zeitweilig nah dem Existenzminimum gelebt haben.

Wenn eine Band erfolgreich war, wurden die Einnahmen auch benutzt, um anderen Gruppen Geld zu leihen: Die Cardigans, so heißt es in der schwedischen Berichterstattung, seien, mit einem Zinssatz von fünf Prozent, als Kreditgeber noch erfolgreicher gewesen denn als Musiker. Alle erfolgreicheren Bands, die in diesem Studio arbeiteten, waren Teil dieses Durcheinanders, sogar der Rapper Timbuktu und die viel älteren Kollegen aus der Rockband "Europe". Gestritten wird nun insgesamt um mehr als zwanzig Millionen Euro, und irgendwann muss fast jeder jeden verklagt haben: die Musiker das Studio und die anderen Musiker, die Anwälte, die Wirtschaftsprüfer. Und noch befinden sich alle juristischen Verfahren in der ersten Instanz.

© SZ vom 15.04.2013/kath

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