Popkolumne:Alles Schlimme, das mit Bildschirmen zu tun hat

Chvrches - Screen Violence

Anders, als das Outfit vermuten ließe, handelt es sich hier nicht um "Big Red Machine", sondern um "Chvrches".

(Foto: Sebastian Mlynarski, Kevin J Thomson)

"Chvrches" veröffentlichen ein enorm großes Themenalbum, die Supergroup "Big Red Machine" ein kleines Meisterwerk. Jake Bugg erfindet sich neu. Brian Setzer nicht.

Von Jakob Biazza

Ist das jetzt tatsächlich Taylor Swift, die da singt? Schwer zu erkennen. Die Stimme duckt sich sehr hinter dem Rest weg, reiht sich ein, verschmilzt zum Gesamtklang. Angekündigt ist sie aber. Taylor Swift - ungefähr größter weiblicher Popstar des Jahrzehnts, 174 Millionen Follower allein bei Instagram, könnte die Marke von 200 Millionen verkauften Tonträgern in ihrem Leben noch knacken. Und sie singt jetzt oder eben auch nicht, man müsste noch mal ganz, ganz genau hinhören, geschmeidig ein bisschen zweite Stimme auf diesem wunderschönen Song namens "Birch" (und dann noch deutlicher solo auf der Folgenummer "Renegade"). Flankiert also, wahrscheinlich, Aaron Dessner und Justin Vernon fast schon ausgestellt bescheiden. Vernon immerhin ist dabei gut zu erkennen, weil seine Stimme, wie bei seinem Hauptprojekt Bon Iver, effektverändert weiterhin so klingt, als hätte er einen kleinen Mond verschluckt und würde jetzt silbrige Fäden in die Dunkelheit husten.

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Big Red Machine heißt die Formation, in der Vernon und Dessner gerade das zweite Album "How Long Do You Think It's Gonna Last?" (Jagjaguwar/37d03d) veröffentlicht haben. Dessner ist in seinen zwei Hauptberufen Mitglied bei The National und hat als Produzent unter anderem an Alben von - so schließt sich dieser Kreis - Swift und Ben Howard (auch er ein Gast auf dem Album) gearbeitet. Man müsste also wohl eigentlich von einer Supergroup sprechen, wenn dieses Prädikat nicht immer noch so schrecklich mit den Großegos männlicher Superstars verknüpft wäre, die mit anderen Großegos in der Regel ganz groß scheiternde Bands formen. Big Red Machine klingen aber nun eben auch auf dem Nachfolger des selbstbetitelten Debüts erstaunlich egofrei. Die Klaviere tupfen gedimmt und sanft herum, als würden sie sich mit den Gitarren unter eine dicke Filzdecke kuscheln und ihnen noch heimlich mit der Taschenlampe vorlesen. Die Drums patschen dazu verzückt, manchmal fast kindlich, herum. Indie-, Alternativ-, Was-auch-immer-Pop. Und trotzdem, enorm verwirrende Kombination, ist das alles keinen Deut verdruckst, sondern gewinnt eine eigene, sehr bezaubernde Größe. Die Chöre lichtdurchflutet, bauschig - und zahlreich. Himmel, es hängen ja wirklich überall Chöre. Ein Himmel, ach was, eine Stratosphäre voller Chöre. Aber wie schön die alle sind. Toll! Ganz toll.

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Eine ebenfalls sehr eigene Größe, aber eine, die man unbedingt mögen muss, um sie mögen zu können, entwickeln auch Chvrches (gesprochen "churches", also "tschörtsches") auf ihrem neuen Werk. "Screen Violence" (Universal Music), das ebenfalls am Freitag erscheint, ist eine Art Themenalbum über alles Schlimme, das mit Bildschirmen zu tun hat. Also alles. Und man müsste auch hier noch mal ganz genau hinhören, aber Frontfrau Lauren Mayberry und ihre Kollegen Iain Cook und Martin Doherty scheinen die ebenfalls verwirrende Leistung zu vollbringen, dass wirklich jeder Ton, der irgendwo auftaucht, zur absolut maximalen Lautstärke und Intensität hochgezüchtet ist. Was, nun ja, wirklich sehr druckvoll wird.

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Jake Bugg, der jüngste Folkie mit der ältesten Seele, hat sich, Achtung: neu erfunden. Das ist im Genre der handgezupften, gitarren-knarzigen Wahrhaftigkeit, in dem er für sein Alter schon lang unterwegs ist, ein vertrackter (und mit Ende 20 schon auch früher) Schritt. Zumindest der puristische Folk-Fan vergibt ja wenig Innovation. Manch Hörerin, auch Männer, könnte sich also an den erstaunlich wummsigen Stampfbeats stören, die auf "Saturday Night, Sunday Morning" im Weg herumstehen. An den Killers-artigen Achtelbässen, an den Handclaps und den, noch mal Achtung: Disco-Streichern. Ja, doch, Disco-Streicher. Allerdings nicht so viele. Dafür gibt es aber immer wieder Synthie-kalte Pizzicati und ebenfalls sehr großflächiges Druckwabern von sehr vielen Tasteninstrumenten. Und darüber hinaus aber eigentlich kaum Grund zur Sorge. Ein paar der Songs sind so gut, dass ihnen auch eine wirklich schlechte Produktion - und die Produktion hier ist, wenn überhaupt, sehr selten wirklich schlecht - etwas anhaben könnte.

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Und das gilt ja auch für ziemlich alles, was Brian Setzer so geschrieben, produziert oder aufgenommen hat, also auch für "Gotta Have The Rumble" (Surfdog Records), sein am Freitag erscheinendes Album. Wie immer: ganz formidable, entenschwanzige, pomadige Gitarrenlicks, perfekt beschwipster Swing, tiefengeölter Gesang. Man hält den Rockabilly, den Setzer seit seinem Karrierestart mit den Stray Cats Jahrzehnt um Jahrzehnt wieder wie neu auferstehen lässt, ja so leicht für Rüpelmusik. Was er freilich auch ist - allerdings Rüpelmusik, die, letzte Verwirrung für heute, nur funktioniert, wenn sie mit absoluter technischer Perfektion gespielt und gesungen ist. Und trotzdem Exzess ausstellt. Was hier mal wieder im feinsten Sinne der Fall ist, und die einzige Beckmesserei wäre nun womöglich, dass das Album, so wie es ist, auch vor zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren hätte erscheinen können, und keinem wäre es aufgefallen.

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