Prince posthum Im zärtlichsten Falsett

Kieksen, röcheln, croonen: Cover von „Piano & A Microphone“.

(Foto: Warner)

Auf seinem ersten posthumen Album "Piano & A Microphone" beweist der verschnupfte Prince noch einmal, was für ein Pop-Genie er war.

Von Jan Kedves

Was wünscht man sich vom ersten posthumen Album einer verstorbenen Pop-Legende? Maximale Vitalwerte, natürlich. Und dass es bitte nicht so wirkt, als hätte irgendwer, der jetzt eben mal fürs Archiv zuständig ist, halb fertige Aufnahmen von irgendwem schnell "fertig" produzieren lassen, nur für ein paar weitere Dollars. Beide Wünsche erfüllt zur großen Erleichterung das neue Album von Prince, "Piano & A Microphone" (Warner). Es dokumentiert eine 35-minütige Probesession, die Prince Rogers Nelson, damals 25, in seinem Heimstudio im September 1983 aufnehmen ließ. Er macht sich hier schon unter Aufbietung seiner maximalen Princehaftigkeit - aber ohne Kostüm, Video und ohne seine Band The Revolution - bereit für den Weltruhm, der sich ein Jahr später mit seinem Film und Album "Purple Rain" dann einstellte.

Es ist nichts zu hören außer Klavier, seiner Stimme und dem Rauschen des Studios - damals noch das Kiowa Trail Home Studio und noch nicht die Paisley Park Studios. Prince schnauft, croont, kiekst, röchelt und rauscht mit seiner superwandelbaren Stimme ins zärtlichste Falsett hinauf und, an der krächzenden Mitte vorbei, wieder in den wärmsten Soul-Bariton runter. Die Tasten beklimpert und behämmert er mit Blues und Jazz, und weil weder Schlagzeug noch Drum-Computer dabei sind, tritt er den Rhythmus mit dem Fuß selbst oder klopft ihn mit der Hand in den Rahmen rein. Das Hockerchen, auf dem er sich hin und her wirft und das ganz hoch gedreht gewesen sein muss, weil Prince doch eher klein war, quietscht ins Mikro. Wäre sogar dieses Quietschen rhythmisch synchron, wäre Prince kein Mensch mehr gewesen, sondern Gott, und nicht nur ein Genie. So quietscht es etwas unrhythmisch, aber man kriegt das im Ohr schon auseinander.

Es ist sehr wichtig, dass Prince hier "nackt" zu hören ist - denn die Alben, die er selbst noch herausbrachte, legten leider den Schluss nahe, dass er gegen Ende seines Schaffens eher hilflos Anschluss an einen zeitgenössischen Pop-Sound suchte. Nun also wieder bloß Klavier, Stimme, und sonst nichts: Zeitloser oder vielmehr der Zeit enthobener geht es nicht.

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Nach diesem Prinzip trat Prince auch auf seiner letzten Tour auf, die ebenfalls "Piano & A Microphone" hieß. Es gab Termine in Australien und Amerika. Nach allem, was man hört, war er sensationell gut.

Auf dem Mitschnitt von 1983 singt er neun Songs, sie gehen nahtlos ineinander über. "Purple Rain" ist eine Skizze von einer Minute und 27 Sekunden. Die erste Strophe ist schon da, der Refrain wohl noch in Entwicklung, aber man hört Genies ja sogar beim Trial and Error gerne zu, weil die Fehler gar nicht nach Fehlern klingen. "Mary Don't You Weep" ist ein Spiritual aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, hochchristlich. Die Intimität ist fast unerträglich. Sie wird noch dadurch gesteigert, dass an manchen Stellen die Materialität des Bandes, das diesen wertvollen Prince im Archiv 35 Jahre lang gespeichert hat, in den Vordergrund tritt.

Der Sound suppt seltsam. Man hätte das mit den neuesten digitalen Studiotricks bestimmt herausgefiltert bekommen. Zum Glück wurde es nicht versucht. Es gehört dahin, weil die Materialität des Bandes Prince etwas von der Körperlichkeit zurückgibt, die er nicht mehr hat. Es klingt nun so, als habe jemand aus Versehen Kaugummi aufs Band gespuckt und die Reste nicht ganz abbekommen oder als sei vom Koks etwas heruntergerieselt und habe das Band verätzt.

Koks? Zumindest schnieft Prince in der Aufnahme auffällig oft. Vielleicht war er auch bloß erkältet. In "Cold Coffee & Cocaine" singt er darüber, dass Kaffee und Kokain alles sei, was eine bestimmte Frau ihm anbiete, und dass er das aber gar nicht wolle, sondern lieber mal ein richtiges Frühstück! Er klingt hier noch aufgestachelter als der aufgestachelte Prince. Informierte Fans im Netz sind sich sicher, dass dies die "Jamie Starr"-Stimme von Prince ist, mit der er Morris Day, den Sänger der Band The Time, imitierte. Herrlich! Und die Frau, die in der Ballade "Wednesday" singt, ist wohl auch keine Frau, sondern Prince selbst, der nur klingen wollte wie seine Background-Sängerin Jill Jones.

So gesehen könnte man sagen: Am 21. April 2016 ist nicht nur ein Prince gestorben, sondern mehrere. Das Anhören von "Piano & A Microphone 1983" kann das zu einer umso traurigeren Erfahrung machen. Aber dass dieses Album ein irre gutes ist, an dem sich alle weiteren posthumen Pop-Legenden-Alben ein Beispiel nehmen sollten, steht außer Frage.

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