Alben der Woche:Neun von zehn Integrationsbambis auf der Deutschrapskala

Xatar artikuliert sich so distinkt, dass man ihn jederzeit als Lehrer für eine Berliner Schule empfehlen würde. Und ein Album aus dem Nachlass von Prince scheitert großartig.

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Xatar - "Alles oder Nix II" (Chapter One)

Xatar

Quelle: Chapter ONE / Universal Music

Xatar, seines Zeichens Rapper, ist hauptsächlich dafür bekannt, mal einen Goldtransporter überfallen zu haben. Er ging dafür ins Gefängnis, das Gold blieb verschollen. Sein neues Album "Alles oder Nix II" (Chapter One) ist der Soundtrack zu den Schießereien und Razzien in Neukölln. Wenn die mafiatechnisch genauso sauber-deutsch sind wie Xatars Produktion, muss sich Andreas Geisel als Senator für Inneres und Sport in Berlin warm anziehen. Denn Xatar redet auf dem Album wie der Dax-Manager unter den Drogendealern. Die Beats sind ohrenschmeichelnd komprimiert und seine Texte so distinkt artikuliert, dass man ihn jederzeit als Quereinsteiger für die nach Lehrern lechzenden Berliner Schulen empfehlen würde. Ein paar Arabismen gibt es dann doch, damit man nicht etwa denkt, er sei Biodeutscher, wo doch sonst alles so wertgearbeitet ist. Stellenweise hat Xatar geradezu hölderlinsche Genitivmetaphern drauf, im ersten Track des Albums dagegen ist er so mit seinem harten Schicksal beschäftigt, dass er beim Rappen ab und zu den Rhythmus und das Reimen vergisst. Insgesamt Top Album, unbedingt zu empfehlen als Soundtrack für eine Zeichentrickadaption von Four Blocks für den Kinderkanal. Kann man auch sofort 9 von 10 Integrationsbambis auf der Deutschrapskala verleihen.

Juliane Liebert

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Beak> - ">>>" (Invada Records)

Beak

Quelle: Invada Records

Beak> (das ">" gehört dahin, weil man es sonst nicht googeln kann) haben es sich mit dem Albumnamen noch einfacher gemacht. Ihr drittes Werk heißt einfach ">>>" (Invada Records). Das Projekt besteht aus Billy Fuller, Will Young und Portishead-Mastermind Geoff Barrow. Ihr erstes Album erschien 2009, es zog sich selbst aus dem Sumpf seiner repetitiven, verschleierten Rhythmen. Ihre Songs sind melodisch, dabei bemüht, sich von der Bluestonleiter fernzuhalten. Das gibt dem Klang des Trios etwas fremdartig Ernsthaftes. Nach eigener Aussage orientieren sie sich eher an europäischer Klassik als traditionellem Rock. Das spürt man auch auf dem neuen Werk: Der Track "Brean Down" schmückt sich mit stoischem Schlagzeug, in hohen Lagen rumgeisterndem Bass, schiefem Gitarrenzirpen, Orgeltinnitus und leicht kiffigen Stimmen, die scheinbar aus dem Nebenraum herüber singen. Krautrocknostalgie, veredelt mit Sonic-Youth-Catchiness, ein paar Noisetupfern und Nöligkeit. Ein Fan hat noch vor Erscheinen des Albums ein Video zu "Birthday Suit" gemacht, das der Band so gut gefiel, dass sie es ihren Hörern weiterempfahl, anstatt den Fan zu verklagen. So kann man auch mit Copyright-Issues umgehen.

Juliane Liebert

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Christine and the Queens - "Chris" (Caroline)

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Quelle: SZ

Das neue Album von Héloïse Letissier aka Christine and the Queens heißt "Chris" (Caroline) und ist astreiner 80s-Shit. Sie hat ihre Songs gleich zweimal aufgenommen - einmal englisch und einmal französisch. Die Märkte wollen eben bedient werden. Deswegen ist "Chris" ein Doppelalbum mit mehr als zwanzig Songs. Letissier produziert rhythmisch akzentuierte Keyboardpatterns, die klingen, als wären alle Imitationen klassischer Tasteninstrumente durch 80s-Synths übereinander gelegt worden. So nach sechs, sieben Songs nervt ihre 80s-Seligkeit dann allerdings doch irgendwann. Zum Teil klingt sie von Stimme und Gesangstechnik her wie Michael Jackson, nur der französische Akzent erzeugt einen Verfremdungseffekt. Prince-Funkiness scheint sowieso das Ding zu sein im Moment - Grüße aus der Zeit, als man den TR 808 noch nicht für verzerrten Techno einsetzte, sondern für die ganz großen Emotionen vor dem Ende des kalten Krieges. Für "Chris" müsste man eigentlich einen großen Hollywoodfilm drehen. Als wäre das Kino noch immer ein riesiges Geschäft und als würden Musiker noch immer Millionen Platten verkaufen. Eine Kreuzung aus "Blade Runner" und "Purple Rain" müsste das sein, in 3D für immer in der Zeit gefangen.

Juliane Liebert

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Prince - "Piano & A Microphone 1983" (Warner)

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Quelle: AP

Man hatte nicht ohne Grund Angst vor diesem Album, denn häufig sind von Nachlassverwaltern posthum zusammengestellte neue Alben von toten Pop-Legenden ja sehr schlimm, siehe Michael Jackson. "Piano & A Microphone 1983", das neue Prince-Album, ist aber zum Glück großartig. Weil die im Archiv gefundene Aufnahme, welche eine 35-minütige Probe-Session von Prince aus dem September 1983 dokumentiert, nicht verändert wurde. Prince Rogers Nelson, gestorben 2016, ist hier im Alter von 25 Jahren zu hören, nur mit sich selbst im Studio, also Klavier und Stimme, ohne The Revolution, ohne Drum-Computer, ohne Kostüm und Highheel-Spagat. Nackt, wenn man so will. Er croont, kiekst, röchelt, kreischt und schnauft mit seiner stimmungs- und genderwandelnden Stimme ins Mikro rein und hämmert und klimpert den Blues und den Jazz in die Tasten. Was für ein Genie er war, wird hier in jeder Sekunde deutlich, selbst wenn die neun Songs teils nicht mehr als Skizzen sind. "Purple Rain" zum Beispiel, ein Jahr später der erste Riesenhit von Prince, ist hier noch ein Stummel von einer Minute und 27 Sekunden. Die erste Strophe ist schon da, der Refrain wohl noch in Entwicklung. Aber man hört Genies sogar gerne beim Trial-and-Error zu, weil die Fehler bei ihnen ja gar nicht nach Fehlern klingen. Sondern eben genial!

Jan Kedves

© SZ.de/doer
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