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Plattenkabinett:Die Sterne - Flucht in die Flucht

Von der "Hamburger Schule" ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Der Bewegung aus Bands Anfang der 1990er Jahre, die deutsche Texte mit Indie-Haltung verband. Tocotronic machen mittlerweile irgendwas mit Kunst. Und haben fast jeglichen Witz verloren. Blumfeld sind mit ihrem besten Album "L'etat et moi" (1994) auf Tour. Normalerweise das sichere Zeichen dafür, dass man nichts Vergleichbares mehr nachlegen kann. Die Sterne aus Hamburg haben nie diesen Popularitätsgrad erreicht und waren auch nicht so hübsch anzusehen wie die Jungs von Tocotronic. Vielleicht hat sie das bevor bewahrt, in Hyperintellektualität oder Schlager abzudriften.

Der Gesang ist immer noch nachlässig dahingeschlunzt, schiefe Töne sind durchaus erwünscht. "Flucht in die Flucht" ist das zehnte Album der Hamburger und die Musik bedient sich entspannt aus dem Fundus der Musikgeschichte, vor allem Psychedelia, Garagenrock und ein wenig Elektronik. "Menschenverachtend verliebt" ist ein schwerer Blues mit Fuzz-Gitarren, der zäh vor sich hin stapft. "Ihr wollt mich töten", ein Duett mit Einstürzende Neubauten Bassist Alexander Hacke, beginnt wie ein Kinderreim und entwickelt sich dann zu einer Mörderballade im Stil von Nick Cave.

Vorgelesene Wohnungsanzeige

Dass Die Sterne ihren Witz nicht verloren haben, zeigen Stücke wie "Innenstadtillusionen". Das klingt erst wie eine vorgelesene Wohnungsanzeige, entpuppt sich dann aber als Beschreibung eines Gangs durch die Großstadt. Mit überraschenden Erkenntnissen: "Kein Punk ist in der Lage, seinen Deckel zu bezahlen. Wenn alles schief geht, machen wir eben ein Benefiz." Währenddessen singt im Hintergrund der Chor unablässig: "Innenstadtillusionen ... uuuuh!". Herrlich! Ähnlich entspannt geht man auch in anderen Songs zu Werke. Da lautet der Refrain dann einfach mal: "Uh hu hu uh ... Hirnfick, Hirnfick".

Wem das zu banal ist oder einfach zu blöde, für den haben Die Sterne die passende Antwort parat: "Dies war nicht mein erster Shitstorm, vielleicht wird es nicht mein letzter sein, doch mein Sonnenschirm umspannt die Welt." Die "Hamburger Schule" lebt also doch noch. Sie ist nur älter geworden.

Die Sterne Flucht und Flüchtchen
Interview
"Die Sterne" im Interview

Flucht und Flüchtchen

Unangepasst. Rebellisch. Die Sterne legen mit "Flucht in die Flucht" ihr zehntes Album vor - psychedelisch und voller existenzieller Fragen. Im Interview erklärt Songwriter Frank Spilker, wie er mit Druck umgeht und weshalb keine Zeit für Proben bleibt.   Von Martin Pfnür

Wäre das Album ein Auto, welches Auto wäre es? Ein VW Bulli. Zeitlos gut.

Was würde Ozzy Osbourne sagen? Sharon??? Gottverdammich! Jetzt ist es auch egal!

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es... Steve Buscemi. Nicht schön, aber immer eine sichere Bank.

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