Süddeutsche Zeitung

Plattenkabinett:Hauptsache, der Beat stampft

Das "People's Magazine" kürte Adam Levine von Maroon 5 zum "Sexiest Man Alive" 2013. Dummerweise fehlt dem Frauentraum aber die sexy Stimme. Neue Alben im Plattenkabinett.

Nicht einmal eine Sekunde gönnen Maroon 5 dem Zuhörer. Schon ist sie da, diese schrille, quäkige Stimme von Adam Levine. Laut "People's Magazine" der "Sexiest Man Alive" des vergangenen Jahres. Der aber dummerweise nicht die "Sexiest Stimme Alive" besitzt. Ein paar Sekunden später im gleichen Song, der gleichzeitig die erste Single ist, klauen Maroon 5 bereits hemmungslos bei Police, Bruno Mars und Rihanna. Und da ist "Maps" gerade einmal eine Minute alt.

Mit dem College-Rock von Kara's Flowers, der Band mit der Levine in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begann, hat das schon lange nichts mehr zu tun. Dort sang der begehrte Frontmann, der seine Freundinnen gerne aus der Modelbranche rekrutiert, noch tief und kraftvoll. Nachdem die Band Elemente aus R'n'B und Pop integrierte, änderte sich auch die Stimme Levines - Maroon 5 waren geboren. Der Wechsel zahlte sich aus: Die Band landete Hits wie "This Love" und "Moves Like Jagger". Immer im Vordergrund: der hohe Gesang Levines.

Für die Großraumdisse

Das scheint auch zu erklären, warum man von den restlichen Musikern auf "V" nur wenig hört. Mit Pop, Rock oder was auch immer hat das nur noch wenig zu tun. Das aktuelle Album von Maroon 5 ist vor allem für die Großraumdisse entworfen: Hauptsache, der Beat stampft. Im besten Fall kommt dabei ein moderner Aufguss des 80er-Jahre-Stadionsounds von Duran Duran oder den Simple Minds heraus ("It Was Always You"), oder Adam Levines Version von Justin Timberlike, mit diesen hohen Tönen, die klingen, als habe ihm gerade jemand kräftig in die Kronjuwelen gekniffen ("Sugar"). Im schlimmsten Fall hat man die Songs schon während des Hörens wieder vergessen. Was aber auch das Beste am ganzen Album ist. Denn die Texte sind vernachlässigungswürdig. Es dreht sich immer nur um die Dreifaltigkeit des Pop: kennenlernen, lieben, verlassen.

Was Maroon 5 wirklich können, bleibt den meisten Zuhörern verborgen. Die besten Songs hat die Plattenfirma als Bonustracks auf die "Deluxe"-Variante des Albums verbannt. "Sex And Candy" etwa, eine Coverversion des 90er-Jahre Hits von Marcy Playground, den Maroon 5 als schmierigen Soul spielen, bei dem auch Adam Levines spezielle Stimme endlich Sinn macht. Al Green hätte seine wahre Freude gehabt. Oder "Lost Stars" vom "Begin Again"-Soundtrack, eine zurückgenommene Ballade im Stil von U2s "One". Dummerweise muss man dazu das komplette Album durchhören. Und das möchte man nun wirklich niemanden zumuten.

Wäre das Album ein Auto, welches Auto wäre es? Eine Corvette. Sieht spektakulär aus, andere sind aber besser.

Was würde Ozzy Osbourne sagen? Sharon??? Bring mir den Whisky! Aber schnell!

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es... Brad Pitt. Der ist auch am besten, wenn er hässliche Rollen spielt.

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Mark Lanegan Band - No Bells On Sunday

Zuerst ist da nur das Wabern eines Synthesizers. Eine verhallte Gitarre stößt hinzu, und dann diese Stimme. So sonor und abgründig, als käme sie ganz tief unten aus einem vergessenen Whiskyfass. Mark Lanegan, der große Grantler, ist wieder da.

1990 erschien sein erstes Soloalbum auf Sub Pop, dem Label, das die Grunge-Welle lostrat. Mit den "Screaming Trees" formte der Sänger den Trend, konnte aber nie den großen Erfolg befreundeter Bands wie Nirvana oder Soundgarden einfahren. Nebenbei veröffentlichte er unermüdlich Soloalben, stieg zeitweilig bei den Queens Of The Stone Age ein und sang, wo immer man ihn ließ.

Unter dem Namen "Mark Lanegan Band" bewegte er sich dann 2003 weg von altbekannten Pfaden, dem Folk und Country, der die meisten seiner Soloalben dominierte. Elektronische Elemente fanden den Weg in seine Musik. Das ist auch auf der neuen EP "No Bells On Sunday" so, dass ein Vorbote auf das im Oktober folgende Album ist. Dopplungen soll es aber nicht geben - die fünf Songs passten einfach nicht zum Rest, sagt der Sänger.

Das passende Album zum nahenden Herbst

Ausschuss war von Lanegan sowieso nicht zu erwarten, aber so zwingend wie auf "No Bells On Sunday" hat er die elektronischen Elemente bisher noch nie präsentiert. Musikalisch ist das oft zurückgenommen und erinnert an den New-Wave-Soundtrack von Nicolas Winding Refns Film "Drive" (2011), getragen von Lanegans Brummelstimme, die wohl auch das Vorlesen eines Telefonbuchs spannend klingen lassen würde. Die Beats der Titel programmierte er kurzerhand selbst. Mit "Funk Box", einer iPhone-App für etwas mehr als fünf Euro. Der Rest der spärlichen Instrumente folgte auf herkömmliche Weise.

Gerade einmal etwas mehr als 20 Minuten dauert das Vergnügen, doch das reicht, um die ganze Bandbreite von Lanegans Schaffen zu vereinen. Ein Mal stampfender Elektrorock ("Sad Lover"), drei Mal New-Wave Blues ("Dry Iced") und eine Folkballade ("Jonas Pop"), fertig ist das passende Album zum nahenden Herbst. Da legt Lanegan dann kurz vor seinem 50. Geburtstag mit einem kompletten Longplayer nach. Am 10. Oktober erscheint "Phantom Radio". Wenigstens ein Grund, sich auf das Ende des Sommers zu freuen.

Wäre das Album ein Auto, welches Auto wäre es? Natürlich ein Muscle Car. Mit zu viel Sprit im Tank.

Was würde Ozzy Osbourne sagen? Sharon??? Weißt du was? Bring mir zwei Flaschen Whisky!

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es... Sean Penn. Der wird mit den Jahren auch immer besser.

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Die Sterne - Flucht in die Flucht

Von der "Hamburger Schule" ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Der Bewegung aus Bands Anfang der 1990er Jahre, die deutsche Texte mit Indie-Haltung verband. Tocotronic machen mittlerweile irgendwas mit Kunst. Und haben fast jeglichen Witz verloren. Blumfeld sind mit ihrem besten Album "L'etat et moi" (1994) auf Tour. Normalerweise das sichere Zeichen dafür, dass man nichts Vergleichbares mehr nachlegen kann. Die Sterne aus Hamburg haben nie diesen Popularitätsgrad erreicht und waren auch nicht so hübsch anzusehen wie die Jungs von Tocotronic. Vielleicht hat sie das bevor bewahrt, in Hyperintellektualität oder Schlager abzudriften.

Der Gesang ist immer noch nachlässig dahingeschlunzt, schiefe Töne sind durchaus erwünscht. "Flucht in die Flucht" ist das zehnte Album der Hamburger und die Musik bedient sich entspannt aus dem Fundus der Musikgeschichte, vor allem Psychedelia, Garagenrock und ein wenig Elektronik. "Menschenverachtend verliebt" ist ein schwerer Blues mit Fuzz-Gitarren, der zäh vor sich hin stapft. "Ihr wollt mich töten", ein Duett mit Einstürzende Neubauten Bassist Alexander Hacke, beginnt wie ein Kinderreim und entwickelt sich dann zu einer Mörderballade im Stil von Nick Cave.

Vorgelesene Wohnungsanzeige

Dass Die Sterne ihren Witz nicht verloren haben, zeigen Stücke wie "Innenstadtillusionen". Das klingt erst wie eine vorgelesene Wohnungsanzeige, entpuppt sich dann aber als Beschreibung eines Gangs durch die Großstadt. Mit überraschenden Erkenntnissen: "Kein Punk ist in der Lage, seinen Deckel zu bezahlen. Wenn alles schief geht, machen wir eben ein Benefiz." Währenddessen singt im Hintergrund der Chor unablässig: "Innenstadtillusionen ... uuuuh!". Herrlich! Ähnlich entspannt geht man auch in anderen Songs zu Werke. Da lautet der Refrain dann einfach mal: "Uh hu hu uh ... Hirnfick, Hirnfick".

Wem das zu banal ist oder einfach zu blöde, für den haben Die Sterne die passende Antwort parat: "Dies war nicht mein erster Shitstorm, vielleicht wird es nicht mein letzter sein, doch mein Sonnenschirm umspannt die Welt." Die "Hamburger Schule" lebt also doch noch. Sie ist nur älter geworden.

Wäre das Album ein Auto, welches Auto wäre es? Ein VW Bulli. Zeitlos gut.

Was würde Ozzy Osbourne sagen? Sharon??? Gottverdammich! Jetzt ist es auch egal!

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es... Steve Buscemi. Nicht schön, aber immer eine sichere Bank.

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Hier finden Sie Platten, die in dieser Rubrik kürzlich besprochen wurden.

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