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Pianist Igor Levit:Wichtig ist, was außerhalb des Saals passiert

Igor Levit

In Russland geboren, kam Igor Levit achtjährig mit seiner jüdischen Familie nach Hannover. Heute lebt er in Berlin.

(Foto: Robbie Lawrence)
  • Wie offen politisch sich Igor Levit auf Twitter äußert, ist für einen Klassikmusiker ungewöhnlich.
  • In seinen Stücken spiegelt sich die linke Haltung des in Russland geborenen Pianisten wieder. Viele seiner Kollegen würden diese nie spielen.
  • Aber für Levit gehören Musik und Politik zusammen.

Klavierspielen und Twitter sind nicht von Natur aus siamesische Zwillinge. Doch bei Igor Levit sind sie längst diese untrennbare Symbiose eingegangen. Es vergeht kein Tag, an dem sich der 31-jährige Klassikpianist nicht gleich mehrmals in Wort, Bild und mit einem jüdischen Witz melden würde. Wobei es ihm oft gar nicht um Klassikmusikthemen geht. Levit macht aus seiner politischen Überzeugung keinen Hehl: "So eine richtige linke Partei in Deutschland ... hm ... Das wär's ..." Mal geht es um sein Lieblingshassobjekt Donald Trump, mal um das Foto von Markus Söder mit Kreuz in der Hand. Er kommentiert: "Erika Steinbach hat sich echt verändert."

Derzeit aber geht es Levit vor allem um den von der Schallplattenbranche vergebenen Echo-Preis, der nach einem Skandal gerade abgeschafft wurde. Weil da zwei Rapper ausgezeichnet wurden, deren Texte, so Levit, mit "antisemitischen, rassistischen, frauenfeindlichen, homophoben Ausfällen" Gift versprüht haben.

Levit steht mit seiner Kritik nicht allein. Er hat wie etliche andere Musiker seinen Echo-Preis zurückgegeben. Und er setzt nach der Abschaffung noch einen drauf. Er findet es feige, dass der Skandal durch die Abschaffung einfach aus der Welt und aus der gesellschaftlichen Diskussion geräumt wird. "Das ist zu wenig."

Immer wieder wird er gefragt, ob er Kommunist sei. Er lacht belustigt

Solch ein offen politisches Engagement ist für die Großmeister der Klassik untypisch. Nur Daniel Barenboim äußert sich regelmäßig und dezidiert, bis vor einiger Zeit fielen die Sopranistin Anna Netrebko und der Dirigent Valery Gergiev durch ihre Putin-Begeisterung auf, Gabriela Montero kämpft gegen Morde und Korruption daheim in Venezuela. Doch während sich diese Musiker mit dem Standardprogramm zufriedengeben, spiegelt sich Levits linke Haltung immer wieder auch im Repertoire.

Levit, der in Russland geboren wurde, achtjährig mit seiner jüdischen Familie nach Hannover kam und jetzt in Berlin lebt, spielt Stücke, die die meisten seiner Kollegen nie öffentlich aufführen würden. So ist es unvorstellbar, dass Daniil Trifonov, Hélène Grimaud, Murray Perahia oder Grigorij Sokolov mit Frederic Rzewskis grandios einstündigen Variationen über das chilenische Revolutionslied "The People United Will Never Be Defeated!" auftreten würden. Aber Levit macht das. Dieses überschäumende Virtuosenstück des von ihm verehrten US-Pianisten und Komponisten Rzewski, ironischerweise für die 200-Jahr-Feiern der Vereinigten Staaten komponiert, ist zu seinem Markenzeichen geworden. Er hat es zusammen mit Bachs Goldberg- sowie Beethovens Diabelli-Variationen aufgenommen (Sony). Frech behauptet Levit damit, dass dies die drei größten Klavierstücke der letzten 300 Jahre sind.

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Er schließt sich damit Musikern wie dem Pianisten Igor Levit an und protestiert gegen die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang. Der Veranstalter räumt öffentlich ein, einen Fehler gemacht zu haben.

Das Gespräch mit ihm beginnt um halb sieben in der Früh auf einer Autofahrt von Regensburg zum Münchner Flughafen. Levit hat am Vortag im betonnüchternen Audimax der Regensburger Uni ein ungewöhnliches Programm mit Bearbeitungen, Fugen und Variationen von Bach, Schostakowitsch, Schumann, Wagner, Meyerbeer, Brahms, Busoni und Liszt gespielt. Jetzt sitzt er allein und in bester Laune in einem Altstadthotel, springt auf und saust zum Wagen.

Sofort beginnt er seinen Lieblingsdiskurs, der Ästhetik und Alltag als Einheit betrachtet. Es sei leicht, sich im Konzertsaal auf höhere Werte zu berufen. "Aber was passiert außerhalb des Saals? Wenn man das nicht in sein tägliches Leben übersetzt, dann ist das Heuchelei. Wenn ich mich als Künstler höheren Werten verpflichtet fühle, dann kann ich nicht beim Klavier aufhören."

Levit sieht mit seinem schwarzen Bart und dem ovalen Gesicht aus wie einer der stolzen spanischen Hidalgos, die El Greco gemalt hat. Seine Stimme ist lebhaft dunkel, sie folgt den Gedankenkapriolen Levits bis in die feinsten Verästelungen. Immer stürmisch voran und immer bereit das Gesagte zu ironisieren, entkommt Levit schnell ein kicheriges Lachen. Genauso schnell aber wird er versonnen, zieht sich zurück, wird nachdenklich.

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Am Ende des Gesprächs in der Limousine kommt er auf ein anderes linkes Stück seines Repertoires zu sprechen, auf die "Thälmann-Variations" von Cornelius Cardew, in denen "Der heimliche Aufmarsch" von Erich Weinert in der Vertonung von Hanns Eisler zitiert wird. Es hat schon einen besonderen Reiz, wenn Levit in der Luxuslimousine samt Fahrer den Refrain zu singen beginnt: "Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre, für das proletarische Vaterland. Zerschlagt die faschistischen Räuberheere, setzt alle Herzen in Brand! Pflanzt eure roten Fahnen des Sieges auf jede Schanze, auf jede Fabrik. Dann blüht aus der Asche des letzten Krieges die sozialistische Weltrepublik!" Kein Wunder, dass er immer wieder mal gefragt wird, ob er Kommunist sei. Er lacht wieder mal belustigt.

Doch Levit ist alles andere als ein versponnener linker Kampflieder-Pianist, der sich auf Repertoire-Außenseiter spezialisieren würde. Natürlich spielt er auch und häufig Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, Felix Mendelssohns Klavierkonzerte und Ludwig van Beethovens 32 Klaviersonaten, die er gerade als Zyklus in München absolviert, die dritte Matinee steht diesen Sonntag an.