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Peter Kambers "Fritz und Alfred Rotter":Entführung in Liechtenstein

International bekannt: Charlie Chaplin und Alfred Rotter bei einer Vorstellung von "Veilchen von Montmartre" im Metropol-Theater.

(Foto: Peter Kamber/Archiv Peter Kamber/Henschel Verlag)

Peter Kamber hat das erste Buch über das so spektakuläre wie tragische Leben der jüdischen Theaterunternehmer Fritz und Alfred Rotter geschrieben, den Operetten-Königen im Berlin der Zwanziger.

Von Hans-Peter Kunisch

Einer der ersten Skandale im frisch etablierten Nazireich ist eine mit Toten endende Entführung in Liechtenstein. Anstifter ist der 53-jährige Architekt Franz Roeckle, ein nicht unbekannter Protagonist des "Neuen Bauens". Ausgerechnet Roeckle hatte 1924 das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das Zentrum der Kritischen Theorie, und 1908 die Synagoge im Frankfurter Westend gebaut. Doch am 5. Februar 1933 meldet er der Lindauer Polizei, dass sich "die Gebrüder Rotter" in Vaduz aufhielten. Sie, 1931 in Liechtenstein eingebürgert, durften dort von deutschen Gerichten nicht belangt werden: "Ich frage deshalb an, ob es nicht möglich wäre, dass ein Lindauer Detektiv nach Vaduz kommt und die Gebrüder Rotter außerhalb des Landes festnimmt. Die Sache wäre schon zu drehen."

Alfred und Fritz Rotter machten seit Jahren Schlagzeilen als Theaterunternehmer. Mal, weil ihr Geschäft florierte, mal, weil sie sich, wie jetzt, vor Gläubigern über die Grenze abgesetzt hatten. Sie betrieben den neben den Reinhardt-Bühnen wichtigsten Theaterkonzern Berlins. Zu den Spielstätten, die sie besaßen oder mieteten, zählten 1932 das Metropol-Theater, das Theater des Westens, das Lessing-Theater, der Admiralspalast, das Lustspielhaus und das Zentraltheater Berlin.

Bald galten die Brüder als Agenten der Amerikanisierung des Theaterbetriebs

Peter Kamber, der jetzt die erste Biografie der Rotters geschrieben hat, hat vor Jahren in seinem schönen Erfolgsbuch "Geschichte zweier Leben", das die Beziehung zwischen Wladimir Rosenbaum und der Konzertpianistin und Schriftstellerin Aline Valangin zum Thema hat, schon am Rande von den Rotters erzählt. Anwalt Rosenbaum vertrat Fritz Rotter im Entführungsprozess nach dem Tod von Alfred und dessen Frau. Jetzt erzählt Kamber ihre Geschichte als materialreiche Mischung aus Krimi und Berliner Theaterhistorie.

Gerade haben die Rotters noch mit Paul Abrahams "Ball im Savoy" - der, am 23. Dezember 1932 uraufgeführt, als letzte Operette der Weimarer Republik gilt - ihren größten Erfolg gefeiert. Aber in der Silvesternacht 1932/33 sind sie von einem Mann hinter den Kulissen über den Tisch gezogen worden. Heinz Hentschke, der für seine "Gesellschaft der Funkfreunde" Karten zu Schleuderpreisen organisiert, hat das Bühnengeschäft Berlins ruiniert. Oft gehen dreißig Prozent der Einnahmen an ihn, der wenig Ausgaben hat und kaum Risiko trägt. Bei Rotters sichert sich Hentschke zur Deckung von Schulden über Mittelsleute alle Einnahmen aus dem "Ball im Savoy", der das Große Schauspielhaus mit 3200 Plätzen jeden Abend füllt. Er schnürt den Brüdern die Luft ab. Doch statt Zahlungsunfähigkeit anzumelden und sich so vor Hentschke zu schützen, sind sie, um Zeit zu gewinnen, geflohen.

Peter Kamber: Fritz und Alfred Rotter - Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil. Henschel Verlag, Leipzig 2020. 503 Seiten, 26 Euro.

Warum waren die spektakulären, international bekannten Rotters lange vergessen? Vielleicht passten sie als Operettenspezialisten nicht in die große Kulturlegende. Ihre Protagonisten sind Richard Tauber, Käthe Dorsch und Gitta Alpár, ihr Komponist, neben Paul Abraham, Franz Lehár. Und die jüdischen Rotters, die, wie Max Goldmann (Reinhardt) ihren Namen Schaie abgelegt hatten, waren gute Feindbilder, galten selbst als Agenten der Amerikanisierung des Theaterbetriebs.

So löst die Meldung, dass sie sich ins "Schieberparadies" Liechtenstein abgesetzt haben, auch in Zeitungen, die ihren Bankrott beklagen, Entrüstung aus. Hitlers Machtübernahme befeuert die Hetze, die "unterschlagenen" Beträge steigern sich mit jedem Artikel. Pünktlich zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April versammeln sich in Konstanz Volkszornige, die den "Fall Rotter" in Selbstjustiz klären wollen. Der Deutsche Franz Roeckle ist ursprünglich Liechtensteiner. Und auch der Roeckle bewundernde Holzkünstler und Hotelbesitzer Rudolf Schädler ist um Liechtensteins Ruf als Fremdenverkehrsort "besorgt". Er bietet Rotters sein "Alphotel Gaflei" als Unterkunft an, lockt sie mit Komplizen dort in den Hinterhalt.

Das Rotter-Thema hat Peter Kamber nicht losgelassen. Über Jahre hat er die Geschichte recherchiert. Was ihn manchmal dazu verführt, zu viele Details anzubieten, statt die größeren Linien der Entwicklung zu betonen. Manche Berichte zu einzelnen Aufführungen der Rotters hätte man, etwa zugunsten eines Überblicks zur Situation der Berliner Theater, nicht vermisst.

Verfolgt werden sie bald auch vom mächtigen nationalistischen Berliner Theaterzensors von Glasenapp

Aber zu den Rotters selbst bringt das Buch Interessantes zutage. Etwa, wenn Kamber aufzeigt, dass die als bloße Unternehmer verschrienen Rotters "Theaterblut" hatten. Schon am Berliner Sophien-Gymnasium widmen sie sich in den zehn Latein-Wochenstunden lieber Reclam-Heftchen mit Dramentexten. Als Studenten gründen sie die Berliner "Akademie-Bühne", für deren Beirat sie den bekannten Germanisten Erich Schmidt gewinnen. Dann sprechen sie bei Otto Brahm vor, dem Direktor des Lessing-Theaters, der an den zwei Strindberg-Bewunderern Gefallen findet. Ausgerechnet die "Geschäftemacher" Rotter stolpern über Buchhaltungsfragen, die sie nie ganz ernst nehmen. Und über ihren Versuch, sich um die Teilnahme am Ersten Weltkrieg zu drücken: Von heute aus gesehen nicht unvernünftig, geraten sie so in den Blick des mächtigen nationalistischen Berliner Theaterzensors von Glasenapp, der sie von da an verfolgt.

Interessant ist auch Kambers Interpretation der Operette als Kitt der Weimarer Republik. Sie sei die einzige Kunstform, die der zerrissenen Gesellschaft Zusammenhalt beschert habe. "Alle" verfolgten den "Ball im Savoy". Allerdings war es wohl doch ein Zusammenhalt in Zeitvergessenheit.

Die Brüder sind sehr verschieden: Alfred Rotter ist der nachdenklichere Chef und auch Regisseur. Ausgerechnet der leichtsinnige Fritz widmet sich Finanzfragen. Nach dem Prozess wird er von Aline Valangin unerkannt durch die Schweiz ins Pariser Exil gebracht und verschwindet als Transvestit in der ersten Nacht. Aber Fritz hat auch den Entführungsversuch überlebt. Während Alfred und Frau flohen und über einen Abgrund in den Tod stürzten, konnte sich Fritz mit einem zu früh geschlossenen Teil seiner Handschellen gegen die dilettantisch-brutalen Entführer wehren. Wegen Scheckbetrugs verurteilt, wird er im Oktober 1939 mit 51 Jahren in einem Colmarer Gefängnis sterben. Ursache unbekannt.

© SZ/crab
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