"Überredung" bei Netflix:Darauf ein Glas Rotwein

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"Überredung" bei Netflix: Die Schauspielerinnen können nichts dafür: Dakota Johnson, Izuka Hoyle, Nia Towle und Mia McKenna-Bruce in "Persuasion".

Die Schauspielerinnen können nichts dafür: Dakota Johnson, Izuka Hoyle, Nia Towle und Mia McKenna-Bruce in "Persuasion".

(Foto: Nick Wall/Netflix)

Die Netflix-Schnulze "Überredung" frei nach Jane Austen wird gerade zum meistgehassten Film des Internets. Was ist da los?

Von Kathleen Hildebrand

Dass ein Film einen solchen Sturm der Entrüstung auslöst, ist dann doch selten: "Nicht nur die schlimmste Austen-Verfilmung, sondern einer der schlimmsten Filme der jüngeren Geschichte", "enttäuschend schlaff", "mehr falsche Töne als ein betrunkenes Harfen-Ensemble", "desaströs fehlgeleitet", "eine Travestie". Auf Twitter sind die Worte freilich noch härter - "die Verantwortlichen gehören ins Gefängnis" ist da noch das Harmloseste.

Was kann so schlimm sein an einem Film, der einen beliebten Klassiker adaptiert? Flippt jetzt auch noch die Jane-Austen-Fangemeinde aus wie sonst nur enttäuschte "Star Wars"-Fans? Sind hier Literaturkonservative am Werk, die es nicht ertragen, wenn ein Klassiker modernisiert wird?

Die Modernisierungen sind es nämlich, die den meisten schwer aufstoßen. Schon im Trailer, der vor einigen Wochen erschien, war zu sehen, wie Anne Elliot, die Hauptfigur in "Überredung", frech in die Kamera zwinkert. Wie sie ihr wissend zulächelt, wenn jemand etwas Dummes sagt und wie sie aus Liebeskummer in großen Schlucken Rotwein trinkt. Eher eine Bridget Jones oder eine "Fleabag" als die schüchterne Anne aus Austens Buchvorlage.

Erst einmal vorweg: Natürlich ist der Film nicht so schlimm, wie manche Rezensionen glauben machen. Wie könnte er. Die Zutaten stimmen ja: Die Kostüme sind bezaubernd, die Bilder melancholisch schön. Besonders für die Episode in Lyme, einem Städtchen an der südenglischen Küste, haben die Regisseurin Carrie Cracknell und Kameramann Joe Anderson ein paar herrliche Einstellungen von karger Schönheit eingefangen. Die Schauspieler sind sehr gut und so divers, wie es nunmehr in Kostümdramen üblich ist. Ein Star spielt die Hauptrolle - Dakota Johnson, berühmt geworden mit den "Fifty Shades of Grey"-Filmen. Und auch wenn auf Twitter jemand zu Recht schrieb, Johnson habe "ein Gesicht, das weiß, was ein iPhone ist", macht sie ihre Sache sehr charmant und unheimlich Kamera-affin. Kurz: Man kann sich "Überredung" an einem regnerischen Sommertag anschauen, ohne furchtbar leiden zu müssen.

Und doch liegen die wütenden Kritiker nicht ganz falsch. Dass man Jane Austens Romane in die Gegenwart transferieren kann, haben "Clueless" auf der Basis von "Emma" und "Bridget Jones" auf Basis von "Stolz und Vorurteil" bewiesen. Cracknells Version von Austens letztem Roman - "Persuasion" erschien 1817, ein halbes Jahr nach Austens Tod - zeigt hingegen eindrücklich, wann die Modernisierung eines Romans eben nicht funktioniert. Nämlich wenn sie das Verhalten und die Ausdrucksweise der Figuren so verändert, dass der Plot unglaubwürdig wird.

Unter Jane Austens graumäusigen Heldinnen ist Anne Elliot die allergraumäusigste

Genau das passiert hier. Anne Elliot war in ihrer Jugend trotz Standesunterschied mit dem Matrosen Frederick Wentworth verlobt. Weil er auch noch unvermögend war, ließ sie sich überreden (daher der Titel "Überredung"), die Verbindung zu lösen und bereut diese Entscheidung auch acht Jahre später noch. Mit 27 ist sie auf dem allerbesten Weg, eine alte Jungfer zu werden, weil das im frühen 19. Jahrhundert eben leider so war. Dann begegnen sich die beiden Ex-Verlobten wieder. Wentworth ist reich geworden, Anne Elliots Familie hingegen musste gerade downsizen und nach Bath umziehen, weil ihr Vater ein verschwendungssüchtiger Fatzke ist.

"Überredung" bei Netflix: Liebeskrank in Lyme: "Persuasion" sieht immerhin sehr schön aus.

Liebeskrank in Lyme: "Persuasion" sieht immerhin sehr schön aus.

(Foto: Nick Wall/Netflix)

Das Problem: Die ganze Handlung lebt von den Hindernissen, die Annes, nach den Maßstäben der Zeit vorzüglicher Charakter den Liebenden in den Weg wirft. Sie ist extrem zurückhaltend, hat ihre Gefühle jederzeit unter Kontrolle, kümmert sich gern um andere. Sie ist im besten Sinne - ein sehr unmoderner Zug - demütig. Sie weiß, dass sie selbst schuld ist an ihrer Einsamkeit und fügt sich in ihr Schicksal. Unter Jane Austens meist recht graumäusigen Heldinnen ist Anne Elliot die allergraumäusigste. Aber auch die reifste.

Für eine moderne romantische Komödie scheint sie so, zumindest der Einschätzung der Netflix-Leute nach, nicht geeignet. Deshalb lassen die Drehbuchautoren Alice Victoria Winslow und Ron Bass Anne Elliot Rotwein saufen und reden wie eine Millennial. Als sie ihren attraktiven, aber zwielichtigen Cousin William kennenlernt, sagt sie: "Er ist eine 10. Ich vertraue niemals einer 10." Beim festlichen Familiendinner mit Wentworth posaunt sie heraus, dass ihr Schwager, nun verheiratet mit ihrer narzisstischen Schwester Mary, ursprünglich sie, Anne, ehelichen wollte, und so weiter und so fort. Aber ihrem früheren Verlobten kann sie kein Signal geben, dass er ihr noch immer gefällt?

Mit den Dingen, die sie sagt, und der selbstgewissen, absolut modernen Haltung, die Dakota Johnson ihr verleiht, ist Anne Elliot in ihrer Zurückhaltung ihrem Ex gegenüber (ja, so wird Wentworth in diesem Film genannt) nicht nachvollziehbar. Das Hindernis, das zwischen ihnen steht, ist nicht glaubhaft. Die Frage, ob es für die beiden ein Happy End geben wird, ist von Anfang an beantwortet, während im Roman die Spannung bleibt. Und damit wankt die ganze schöne, subtile, stille Geschichte, die "Persuasion" eigentlich ist. Das ist nicht nur schade, es zeugt von einer Herablassung der Vorlage gegenüber, als müsste man sie aufmotzen, cool machen und ihrer Essenz berauben, damit die Menschen von heute, die "Bridgerton" mögen und "Fleabag", sich für sie interessieren. Und das wiederum ist herablassend dem Publikum gegenüber, das vielleicht vom Feminismus mehr gelernt hat, als dass alle Frauen "frech" zu sein haben.

Persuasion, USA 2022. Regie: Carrie Cracknell, Buch: Alice Victoria Winslow, Ron Bass. Kamera: Joe Anderson. Mit: Dakota Johnson, Cosmo Jarvis, Richard E. Grant, Henry Golding. Netflix, 107 Minuten.

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