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Die Favoriten der Woche:Allein im Leuchtturm

Kaninchen auf Wohnungssuche

(Foto: Disney/Pixar)

Ein Filmfestival für nur einen Besucher, Opern aus irischen Wohnzimmern, die Penn Station mit neuem Dach, ein Kurzfilm und endlich wieder was zu lesen von der großen Lästerzunge Fran Lebowitz

Von Andrian Kreye, Helmut Mauró, Peter Richter und David Steinitz

Pixar-Kurzfilm "Burrow"

Kaninchen sind sympathische Kleinbürger, lernen wir in diesem Kurzfilm des Animationsstudios Pixar. Sie wollen nicht mehr als ein eigenes Heim, am besten mit Partykeller. Wie ihre Höhle aussehen soll, hat sich die Kaninchenheldin dieses Films schon genau auf einem Bauplan aufgemalt, inklusive Diskokugel. Nur, sobald sie in der Erde zu graben beginnt, um den Traum Wirklichkeit werden zu lassen, stößt sie auf ein sehr menschliches Problem: Wohnungsmangel! Überall haben bereits Maulwürfe, Dachse oder Würmer Quartier bezogen! "Burrow" hätte, wenn denn die Kinos offen wären, vor dem aktuellen Pixar-Langfilm "Soul" im Kino laufen sollen. So findet sich dieser sehr kurze, sechsminütige Spaß beim Streamingdienst Disney Plus. Aber zurzeit ist man ja über jede Minute froh, in der man die Kinder ablenken kann. David Steinitz

Ein-Personen-Filmfestival im Leuchtturm

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Ein Gast, eine Woche, ein Leuchtturm - und 60 Filme. So soll das Göteborger Festival 2021 funktionieren.

(Foto: LOIC VENANCE/AFP)

Wer jemals um acht Uhr morgens schwer verkatert im Berlinale-Palast saß und sich fast übergeben hätte, weil der Sitznachbar fröhlich sein Eierbrot vom Vortag auspackte, wird von der Corona-Idee des Göteborger Filmfestivals begeistert sein. Unter dem Titel "Das isolierte Kino" laden die Organisatoren für die Pandemie-Ausgabe ihres Festivals nur einen einzigen Filmfan ein. Der darf sich dann ganz allein eine Woche lang in einem Leuchtturm auf der sonst komplett verlassenen Insel Pater Noster an der schwedischen Westküste 60 Filme des Festivals anschauen. Der künstlerische Leiter des Festivals, Jonas Holmberg, erklärte dazu im Hollywood Reporter: "Sie werden alles haben, was Sie brauchen. Tolles Essen, tolle Getränke, ein bequemes Bett" - der Leuchtturm ist mittlerweile ein Hotel. "Aber Sie dürfen nichts mitbringen: kein Handy, keinen Computer, nicht mal ein Buch. Sie können sich die Wellen und die Filme anschauen." Bewerben könne sich im Prinzip jeder, aber ein "Filmenthusiast" solle man schon sein, und außerdem müsse man sich verpflichten, ein tägliches Videotagebuch zu führen. Außerdem brauche man natürlich die entsprechende psychische Konstitution für die Woche in kompletter Einsamkeit. Natürlich werden die Macher auch eine Online-Ausgabe ihres Festivals kuratieren, aber in diesem Corona-Jahr interessiert sie besonders das einsame Filmeschauen, zu dem man ja nicht nur auf der Insel, sondern auch sonst durch das Virus verdammt ist. Deshalb wird es zusätzlich zum Leuchtturm-Projekt auch noch Ein-Personen-Vorstellungen im Draken-Kino in Göteborg geben, das sonst 707 Zuschauer fasst, sowie in der Scandinavium Arena, in der sonst vor 12 000 Menschen Eishockey gespielt wird. Die Zuschauer, die jeweils allein in den riesigen Hallen sitzen werden, sollen neben dem Film auch exklusive Einführungen von den Filmemachern bekommen. "Es wird eine merkwürdige Erfahrung sein, eine Galavorstellung für eine einzige Person", sagt Jonas Holmberg. "Aber das ist Teil der neuen Welt in der wir jetzt leben, in der Orte, die sonst berühmt dafür sind, überfüllt zu sein, plötzlich leer sind." Das Göteborger Filmfestival findet vom 29. Januar bis 8. Februar statt. David Steinitz

Gute-Laune-Oper aus dem irischen Lockdown

Irish National Opera

"Erth upon erth" von Andrew Hamilton mit der Sopranistin Sinéad Campbell Wallace.

(Foto: INA)

"20 shots", das sind 20 Schnappschüsse oder 20 Schnäpse, also etwas Kleines, Konzentriertes mit einem Ah oder Oh am Ende. "20 Shots of Opera" sind 20 Opernschnäpse, die gute Laune machen. Die Irish National Opera (INA) hat nicht nur Mozarts "Entführung" in die Wohnzimmer der Musiker verlegt, sondern sie hat mit den Shots nun auch eine eigene Form dafür geschaffen. Zehn Frauen und zehn Männer haben Kurzopern geliefert, jede nur ein paar Minuten lang, immer überraschend, einfallsreich. Und außer vereinsamtem Sängerpersonal vor stabiler Kamera gibt es auch bewegte und bewegende Bilder, auch aufwändige Zeichentrick-Inszenierungen, die den engen Zeitrahmen so eines Sechsminüters allein durch ihre Vielschichtigkeit sprengen. Helmut Mauró

Bahnhofshalle für die Penn Station

Public unveil of the Penn Station's new Moynihan Train Hall in New York City

Die neue helle Halle

(Foto: JEENAH MOON/REUTERS)

Die Pennsylvania Station hat wieder eine Bahnhofshalle und ist kein Kriechkeller mehr. Auf New Yorks Fernbahnhof musste man sich ja bisher vorkommen wie eins der Tierchen, die auf dem Boden herumhuschen, wenn im Garten ein Stein hochgehoben wird. Der Stein heißt in diesem Fall Madison Square Garden. Die Arena wurde nach dem Abriss des alten Bahnhofsbaus 1963 über die Gleiszugänge gewuchtet, und alle Bitten, sie wieder wegzuräumen, scheiterten an den Eignern. Nun wurde auf ein Postamt auf der anderen Straßenseite ausgewichen, dessen Jahrhundertwendeprunk stammt sogar von denselben Baumeistern wie die historische Penn Station, und über den Hof hat die Architekturfirma SOM eine Glasdecke gespannt, die sogar fast ein bisschen so aussieht wie einst das Tuten von Dampflokomotiven klang. Peter Richter

Fran Lebowitz

Fran Lebowitz and Francesco Scavullo 1982

(Foto: John Barrett/John Barrett/MediaPunch/IPx)

Es gehört zur höchsten Kunst des Schreibens, schlechte Laune und Misanthropie in Witz und Charme zu verwandeln. Lange vor den 100 Zeilen Hass von Maxim Biller, vor Sybille Bergs Kolumnen, A.L. Kennedys Tiraden und Louis C.K.s Stand-up-Grenzgängen gab es die Texte von Fran Lebowitz. An diesem Wochenende geht eine Miniserie mit dem Titel "Pretend It's a City" bei Netflix ins Netz, die vor allem daraus besteht, dass Lebowitz mit dem Regisseur Martin Scorsese (vor der Pandemie) durch New York läuft und sich die beiden unterhalten. Was vor allem heißt, dass Scorsese ein paar Fragen stellt und Fran Lebowitz mit einer Bissigkeit und Eloquenz über ihre Stadt, ihre Mitbürger und die Welt an sich herzieht, dass es eine wahre Freude ist.

Als durchschnittlicher Westeuropäer wird man sich wundern, warum der Hollywood-Gigant der 70-jährigen Dame eine ganze Serie widmet. Was vor allem daran liegt, dass sie seit vierzig Jahren eine der legendärsten Schreibblockaden der amerikanischen Literaturgeschichte pflegt, seit J.D. Salinger aus Manhattan in die Provinz flüchtete. Es lohnt sich aber, sich den kleinen Sammelband "The Fran Lebowitz Reader" (Vintage Books, New York) zu besorgen, der nie übersetzt wurde, in dem man aber die Texte findet, die ihren Ruhm begründeten. Die meisten sind aus den späten Siebzigerjahren und haben sich erstaunlich gut gehalten. Vor allem ihre Abrechnungen mit der Selbstgefälligkeit des New Yorker Literaturbetriebes. "In der Schule unbeliebt gewesen zu sein, ist kein ausreichender Grund, ein Buch zu veröffentlichen", schreibt sie da. Und: "Sollten sie den brennenden Drang verspüren, zu schreiben oder zu malen, essen Sie einfach was Süßes, dann geht das schon wieder vorbei."

Lebowitz' Sprache ist ein wunderbar altmodisches Englisch, das so elegant und klug über die Zeilen federt, dass ihre Seiten- und Frontalhiebe auf Kinder, Topfpflanzen, Schwätzer und Widrigkeiten der Moderne nie boshaft sind. Was auch daran liegt, dass sie wie alle guten Humoristen ein zutiefst moralisches Weltbild hat. Und es gibt natürlich auch Dinge, die sie liebt. Partys, Zigaretten und: "Mein Lieblingstier ist das Steak."

Seit sie nicht mehr schreibt, lebt Fran Lebowitz davon, auf Podien und in Fernsehsendungen ihre Sperrfeuer an wohlformulierter, grandios lustiger schlechter Laune abzufeuern und sich dabei als wunderbar anachronistische Figur eines New Yorks des 20. Jahrhunderts zu inszenieren. Der Titel der Miniserie "Tu so, als sei es seine Stadt" ist übrigens der Rüffel, den sie auf den Straßen von Manhattan all jenen zuruft, die ihr aufs Handy starrend im Weg stehen. Andrian Kreye

© SZ/mau
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