"Passenger" im Kino:Tröstlicher Raumschiffsex: Kann das gutgehen?

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Die ersten Tage ist Jim entsetzt und sucht nach einer Lösung für seine Einsamkeitshölle. In den darauffolgenden Wochen muss er einsehen, dass es keine Lösung gibt, und fängt an zu verwahrlosen. Der Bart wächst, der Bauch wächst, er säuft sich jeden Abend bei Roboter Arthur in einen whiskeyvernebelten Schlaf, bis er aussieht wie Jim Morrison im Endstadium. Ein knappes Jahr vegetiert er so vor sich hin, und dem Autor Spaihts gelingt es, dieses Jahr in wenigen pointierten Szenen so zusammenzufassen, dass danach kaum eine halbe Stunde Film rum ist, aber man trotzdem schon das Gefühl hat, mit auf dieser Reise durchs All gefangen zu sein.

Dann konstruiert er für seinen Protagonisten ein moralisches Dilemma nach allen Regeln der Dramaturgenkunst. Jim ist kurz vorm Suizid, als er erkennt, dass er dem Wahnsinn nur entgehen wird, wenn er sich einen Gefährten aus dem Tiefschlaf holt. Was seine Rettung sein könnte, würde natürlich zum Fluch für seinen neuen Kompagnon, der genau wie er das Ziel der Reise niemals erreichen würde. Soll er oder soll er nicht? Und wäre es, wenn er es denn schon tut, nicht sinnvoll, hierbei auch an sein sexuelles Gleichgewicht zu denken?

Aurora tobt, Aurora weint, Aurora resigniert

Jim entschließt sich nach ein paar weiteren Zaudernächten, unter all den Mitreisenden die hübsche Aurora (Jennifer Lawrence) aufzutauen, die in ihrer gläsernen Kiste an ein blondes Schneewittchen erinnert. Er redet ihr mit den Manipulationskünsten eines Mannes, der nach dem allerletzten Strohhalm greift, ein, dass auch sie nur durch einen Unfall aus dem Reiseschlaf gerissen wurde. Aurora tobt, Aurora weint, Aurora resigniert, und Jim sieht ihr dabei zu, wie sie all die Phasen durchläuft, die er schon hinter sich hat, bis die beiden aus der Not heraus eine Liebelei eingehen und sich zumindest eine Weile lang mit Raumschiffsex gegenseitig trösten.

Aus der perversen Robinson-Crusoe-Geschichte des Anfangs wird eine perverse Liebesgeschichte. Die beiden gehen gemeinsam essen, tanzen und im Weltraum spazieren, klammern sich aneinander, ohne dass die existenzielle Einsamkeit, die an ihnen nagt, je ganz verschwinden würde. Kann das gutgehen? Eine Beziehung, die auf einer Lüge basiert, ein Paar, bis in den Tod abgeschnitten von jeglichem anderen Kontakt? Wir erfahren es leider nicht.

Ein plötzlich vollkommen fantasiebefreiter Produzent

So raffiniert John Spaihts diesen Versuchsaufbau auch konstruiert hat, in der zweiten Hälfte des Films scheint ihn plötzlich eine große Lustlosigkeit an seinem eigenen Experiment ergriffen zu haben. Und sieht man, was dann kommt, muss man sich wirklich die Frage stellen, ob all die Menschen, die ihn in Hollywood für dieses Skript feierten, es vielleicht nur halb gelesen haben.

Als hätte plötzlich ein vollkommen fantasiebefreiter Produzent verordnet, die Story auf Kosten jeglicher dramaturgischen Logik auf ein Happy End hinzudichten, unterwandert Spaihts genau jene Aspekte, die seine Geschichte ursprünglich spannend gemacht haben, indem er die Amour fou in einen reinen Actionfilm von der Stange umschreibt.

Plötzlich droht der Totalausfall des Bordcomputers und dadurch die Explosion des gesamten Raumschiffs, außerdem taucht aus dem Nichts eine weitere Figur auf, sodass alle Fragen, die bislang aufgeworfen wurden, unter dem tosenden Lärm eines standardisierten dritten Hollywoodakts erdrückt werden, der wie ein komplett anderer Film anmutet. Also müssen Jennifer Lawrence und Chris Pratt den Rest der Zeit in engem Top und Muscle-Shirt durch eine unmotivierte Explosionsszene nach der anderen schwitzen, während denen man viel Zeit hat, dem Wunder hinterherzutrauern, der dieser Film hätte sein können und auch kurz zu sein schien.

Passengers, USA 2016 - Regie: Morten Tyldum. Buch: John Spaihts. Kamera: Rodrigo Prieto. Mit: Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne, Andy Garcia. Sony, 116 Minuten.

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