"Passenger" im Kino:Hundert Jahre Zweisamkeit

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Selbst in den Weiten des Weltalls ist man nicht sicher vor Action-Quatsch: Der Film "Passengers" beginnt als großartig perverse Robinson-Crusoe-Parabel. Dann fangen die Explosionen an.

Filmkritik von David Steinitz

Wer in Hollywood auf der Suche nach einem tollen Filmstoff ist, der nichts mit Superhelden oder "Star Wars" zu tun hat, der wartet jedes Jahr auf die sogenannte "Black List". Diese schwarze Liste wird seit 2005 immer im Dezember vom Produzenten Franklin Leonard herausgegeben und ist das Ergebnis einer Umfrage unter 600 Branchenprofis, die ihre liebsten Drehbücher aufzählen, die noch nicht verfilmt worden sind, denen sie aber ein großes Hitpotenzial zutrauen. Autoren, die es mit ihrem Skript in die Endauswahl schaffen, haben beste Chancen, bald einen Käufer für ihre Geschichte zu finden. Auf der Black List standen zum Beispiel "The Wolf of Wall Street", "Hangover" und "Django Unchained", alles Filme, die nach ihrer Adaption quasi direkt Filmgeschichte geschrieben haben.

Auch der Science-Fiction-Film "Passengers" des New Yorker Drehbuchautors Jon Spaihts stand 2007 auf der Black List und löste so viele Begehrlichkeiten aus, dass das Projekt erst mal jahrelang zwischen den Filmstudios hin und her gekauft wurde. Aber selbst als "Passengers" nur in Skriptform durch Hollywood geisterte, steigerte es den Marktwert seines Schöpfers, der über Nacht zum Blockbuster-Star aufstieg. Er schrieb für Ridley Scott an "Prometheus" mit und war einer der Autoren des Marvel-Erfolgs "Doctor Strange".

"Passengers" ist der Blockbusterjahresauftakt

Nun startet in dieser Woche die Verfilmung von "Passengers", sozusagen als Blockbusterjahresauftakt, und man kann im Kino überprüfen, ob man es hier tatsächlich mit einem Drehbuchwunderkind zu tun hat. Adaptiert wurde die Geschichte vom norwegischen Regisseur Morten Tyldum, der zuletzt das Codeknacker-Drama "The Imitation Game" gedreht hat.

Die Geschichte spielt auf einer Art Raumkreuzfahrtschiff mit dem Namen Avalon, das gut 5000 Passagiere transportiert und wie eine interstellare Titanic organisiert ist. Weil es auf der Erde zu voll geworden ist, können die Kunden der Avalon unterschiedlich teure Tickets für verschiedene Klassen kaufen und werden dann zu einem paradiesisch grünen Ausweichplaneten geflogen, wo eine alternative Menschenkolonie errichtet wird. Einziger Nachteil: Dieser Ort namens Homestead II ist wirklich verdammt weit von der Erde entfernt, die Reise dauert über hundert Jahre, und deshalb müssen die Gäste in einen künstlichen Tiefkühlschlaf versetzt werden, der sie jung und frisch hält und aus dem sie erst ein paar Monate vor der Ankunft geholt werden sollen. Eigentlich.

Denn ein Asteroid streift das Raumschiff, es gibt einen großen Ruck, ein lautes Zischen und einen kurzen Aussetzer im Bordcomputer, woraufhin einer der Passagiere aus Versehen aus seinem langen Schlaf geweckt wird, und zwar dummerweise neunzig Jahre zu früh. Der Ingenieur Jim (Chris Pratt) streift durch das Raumschiff auf der Suche nach anderen Menschen, und erst langsam findet er heraus, was für ein Horrortrip ihm da widerfährt. Er ist dazu verdammt, allein zwischen 4999 schlafenden Menschen zu leben, und wenn diese planmäßig aufwachen, wird er längst dem natürlichen Alterungsprozess erlegen und tot sein.

Jim tobt durch das Schiff, das wie zum Hohn mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet ist, der für die kurze Zeit nach dem offiziellen Weckprozedere und vor der Ankunft auf Homestead II gedacht war, für ihn allein aber eher eine Folter ist: ein mondänes Restaurant, ein weiter Basketballplatz, eine Tanzfläche, auf der man mit digitalen Avataren zu lauter Disco-Musik um die Wette hopsen kann. Und eine schicke Bar gibt es auch, in der Jim zunächst seine Rettung wähnt, weil hinterm Tresen ein freundlicher Herr im roten Frack Gläser poliert und ihm prompt und beflissen einen großen Bourbon zur nervlichen Soforthilfe serviert. Aber Barkeeper Arthur (Michael Sheen) ist nur ein Roboter für Drinks und Smalltalk, unter seinem schick livrierten Oberen ragt ein glänzendes Metallbein heraus, auf dem er hin und her rollt.

"Passengers" ist zu Beginn ein veritabler Horrorfilm, was nicht nur daran liegt, das die Bar des Roboters aussieht, als sei sie komplett vom Set von "The Shining" in die Raumschiffkulisse getragen worden. Der Schauspieler Chris Pratt, der seit seinem Auftritt in "Jurassic World" auf die Rolle des freundlichen Action-Prolls abonniert ist, zeigt hier eine beeindruckende Degeneration im Zeitraffer.

Tröstlicher Raumschiffsex: Kann das gutgehen?

Die ersten Tage ist Jim entsetzt und sucht nach einer Lösung für seine Einsamkeitshölle. In den darauffolgenden Wochen muss er einsehen, dass es keine Lösung gibt, und fängt an zu verwahrlosen. Der Bart wächst, der Bauch wächst, er säuft sich jeden Abend bei Roboter Arthur in einen whiskeyvernebelten Schlaf, bis er aussieht wie Jim Morrison im Endstadium. Ein knappes Jahr vegetiert er so vor sich hin, und dem Autor Spaihts gelingt es, dieses Jahr in wenigen pointierten Szenen so zusammenzufassen, dass danach kaum eine halbe Stunde Film rum ist, aber man trotzdem schon das Gefühl hat, mit auf dieser Reise durchs All gefangen zu sein.

Dann konstruiert er für seinen Protagonisten ein moralisches Dilemma nach allen Regeln der Dramaturgenkunst. Jim ist kurz vorm Suizid, als er erkennt, dass er dem Wahnsinn nur entgehen wird, wenn er sich einen Gefährten aus dem Tiefschlaf holt. Was seine Rettung sein könnte, würde natürlich zum Fluch für seinen neuen Kompagnon, der genau wie er das Ziel der Reise niemals erreichen würde. Soll er oder soll er nicht? Und wäre es, wenn er es denn schon tut, nicht sinnvoll, hierbei auch an sein sexuelles Gleichgewicht zu denken?

Aurora tobt, Aurora weint, Aurora resigniert

Jim entschließt sich nach ein paar weiteren Zaudernächten, unter all den Mitreisenden die hübsche Aurora (Jennifer Lawrence) aufzutauen, die in ihrer gläsernen Kiste an ein blondes Schneewittchen erinnert. Er redet ihr mit den Manipulationskünsten eines Mannes, der nach dem allerletzten Strohhalm greift, ein, dass auch sie nur durch einen Unfall aus dem Reiseschlaf gerissen wurde. Aurora tobt, Aurora weint, Aurora resigniert, und Jim sieht ihr dabei zu, wie sie all die Phasen durchläuft, die er schon hinter sich hat, bis die beiden aus der Not heraus eine Liebelei eingehen und sich zumindest eine Weile lang mit Raumschiffsex gegenseitig trösten.

Aus der perversen Robinson-Crusoe-Geschichte des Anfangs wird eine perverse Liebesgeschichte. Die beiden gehen gemeinsam essen, tanzen und im Weltraum spazieren, klammern sich aneinander, ohne dass die existenzielle Einsamkeit, die an ihnen nagt, je ganz verschwinden würde. Kann das gutgehen? Eine Beziehung, die auf einer Lüge basiert, ein Paar, bis in den Tod abgeschnitten von jeglichem anderen Kontakt? Wir erfahren es leider nicht.

Ein plötzlich vollkommen fantasiebefreiter Produzent

So raffiniert John Spaihts diesen Versuchsaufbau auch konstruiert hat, in der zweiten Hälfte des Films scheint ihn plötzlich eine große Lustlosigkeit an seinem eigenen Experiment ergriffen zu haben. Und sieht man, was dann kommt, muss man sich wirklich die Frage stellen, ob all die Menschen, die ihn in Hollywood für dieses Skript feierten, es vielleicht nur halb gelesen haben.

Als hätte plötzlich ein vollkommen fantasiebefreiter Produzent verordnet, die Story auf Kosten jeglicher dramaturgischen Logik auf ein Happy End hinzudichten, unterwandert Spaihts genau jene Aspekte, die seine Geschichte ursprünglich spannend gemacht haben, indem er die Amour fou in einen reinen Actionfilm von der Stange umschreibt.

Plötzlich droht der Totalausfall des Bordcomputers und dadurch die Explosion des gesamten Raumschiffs, außerdem taucht aus dem Nichts eine weitere Figur auf, sodass alle Fragen, die bislang aufgeworfen wurden, unter dem tosenden Lärm eines standardisierten dritten Hollywoodakts erdrückt werden, der wie ein komplett anderer Film anmutet. Also müssen Jennifer Lawrence und Chris Pratt den Rest der Zeit in engem Top und Muscle-Shirt durch eine unmotivierte Explosionsszene nach der anderen schwitzen, während denen man viel Zeit hat, dem Wunder hinterherzutrauern, der dieser Film hätte sein können und auch kurz zu sein schien.

Passengers, USA 2016 - Regie: Morten Tyldum. Buch: John Spaihts. Kamera: Rodrigo Prieto. Mit: Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne, Andy Garcia. Sony, 116 Minuten.

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