Pariser Krieg der Kunstmessen:Ein ruchloser Akt

Lesezeit: 3 min

Pariser Krieg der Kunstmessen: Blick aus dem Grand Palais Ephémère auf den Eiffelturm. In der provisorischen Halle, die das Grand Palais während dessen Renovierung ersetzt, wird im Oktober erstmals die Art Basel eine Kunstmesse in Paris veranstalten.

Blick aus dem Grand Palais Ephémère auf den Eiffelturm. In der provisorischen Halle, die das Grand Palais während dessen Renovierung ersetzt, wird im Oktober erstmals die Art Basel eine Kunstmesse in Paris veranstalten.

(Foto: Francois Mori/AP)

Wie sich Paris mit dem Zuschlag für die Art Basel als neues Zentrum des europäischen Kunstmarkts etablieren will.

Von Ingo Arend

Pariser Krieg der Kunstmessen: Blick aus dem Grand Palais Ephémère auf den Eiffelturm. In der provisorischen Halle, die das Grand Palais während dessen Renovierung ersetzt, wird im Oktober erstmals die Art Basel eine Kunstmesse in Paris veranstalten.

Blick aus dem Grand Palais Ephémère auf den Eiffelturm. In der provisorischen Halle, die das Grand Palais während dessen Renovierung ersetzt, wird im Oktober erstmals die Art Basel eine Kunstmesse in Paris veranstalten.

(Foto: Francois Mori/AP)

Palastrevolution. Kaum ein anderes Wort dürfte den Vorgang besser beschreiben. An Symbolkraft ist die Vertreibung der 1974 gegründeten Pariser Kunstmesse Fiac von ihrem historischen Terrain des Grand Palais an den Champs-Élysées kaum zu überschätzen.

In einer aufsehenerregenden Entscheidung hatte sich am Mittwoch die Pariser Réunion des musées nationaux (RMN), die das Grand Palais betreibt und deren Direktor seit 2018 der Kurator Chris Dercon ist, dafür entschieden, den traditionellen Messetermin im Oktober mit der prestigeträchtigen Location neu an die Schweizer Messegesellschaft MCH zu vergeben, die die Art Basel betreibt und in Paris neben ihren Kunstmessen in Basel, Miami Beach und Hongkong eine vierte veranstalten will. Welche Motive könnten hinter der Rochade stecken?

Die Art Basel hat außer der Fiac auch der Londoner Frieze einen Schlag versetzt

Die MCH hat mit dem Sieg in der Messeschlacht zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen hat sie dem Konkurrenten und Fiac-Betreiber Reed Exhibitions (RX), einem globalen Messeunternehmen mit Sitz in London, einen herben Schlag versetzt.

Zugleich hat es MCH aber auch der Londoner Messe Frieze gezeigt, die ebenfalls im Oktober stattfindet, durch den Brexit aber ins Trudeln geraten ist. Die Frieze wollte der Art Basel und ihrem Ableger in Hongkong mit einer neuen Messe im Kunstmarkt-Hotspot Seoul am ersten September-Wochenende Konkurrenz machen. Der Waffengang der Art Basel nach Paris war da sozusagen die überfällige Antwort.

Nur mit den üblichen Marktkabalen ist der Vorgang freilich nicht erklärt. Dazu ist er zu grundlegend. Denn der ruchlose Akt verkörpert par excellence den Moment, den der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter einmal als "schöpferische Zerstörung" bezeichnet hat.

Dass diese Neuordnung von Produktionsfaktoren gleichsam systemisch notwendig ist, zeigen die Änderungen auf dem europäischen Kunstmarkt. "Der Brexit hat das Spiel geändert", ließ sich der New Yorker Galerist David Zwirner im vergangenen Sommer vernehmen. Spätestens seit er 2019 eine eigene Dependance in Paris eröffnete, zeichnet sich ein Wiederaufstieg der lange ins Hintertreffen geratenen Kunstmetropole ab.

Zwar ist der Umfang des französischen Kunstmarktes noch eher gering. Im letzten "Art Market Report" der Art Basel und der UBS-Bank schätzte die Ökonomin Clare McAndrew ihn mit 3,1 Milliarden Dollar (Großbritannien 9,9 Milliarden) auf gerade mal sechs Prozent des weltweiten Volumens. Doch die Signale für die zunehmende Bedeutung von Paris mehren sich: Einem Bericht der Online-Zeitung Artnet zufolge wuchs etwa die Auktionsindustrie an der Seine im Jahr 2020 um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

"In den letzten Jahren ist eine neue Dynamik entstanden, die Paris auf dem Kunstmarkt seinen früheren Glanz zurückgibt" hat Cécile Verdier, Präsidentin von Christie's Paris, beobachtet. Seine Dependance auf der Avenue Matignon hat es deswegen vor Kurzem aufwendig umgebaut.

Galerien, Privatmuseen und die Olympischen Spiele: "Paris erlebt eine Renaissance"

Von der italienischen Galerie Continua über Massimo De Carlo bis zu Mariane Ibrahim haben zudem etliche neue Galerien geöffnet. Die spektakulären privaten Kunstmuseen der Milliardäre Pinault, Arnault, Ricard oder der Fondation Louis Vuitton tragen ebenso zu dem Momentum bei, das die französische Hauptstadt derzeit erlebt, wie die bevorstehenden Olympischen Sommerspiele im Jahr 2024."Es mag alles noch etwas künstlich sein. Aber es ist ein Fakt jetzt: Paris erlebt eine Renaissance", ließ sich der Salzburger Händler Thaddaeus Ropac kürzlich vernehmen, der 2012 seine zweite Filiale in Paris eröffnete.

Wenn jetzt Marc Spiegler, der Global Director der Art Basel, und Chris Dercon, der Chef des Ausstellungskomplexes Réunion des musées nationaux et du Grand Palais (RMN), in fast wortgleichen Erklärungen davon sprechen, dass die Pariser Ausgabe der Art Basel, für die es noch keinen Namen gibt, eine Messe sein soll, "die ihre Wurzeln im 21. Jahrhundert hat, auf die ganze Stadt ausstrahlt und fest in Paris und seiner Kultur- und Kreativbranche verankert ist" und "das zeitgenössische künstlerische Schaffen des Pariser und französischen Ökosystems - insbesondere die aufstrebenden neuen Talente - hervorheben" soll, zielt das genau auf diesen neuen Hotspot. Paris rüstet sich für die wechselseitige Katalyse von Kunst und Kulturökonomie.

Ganz offenbar trauen Dercon und der Vorstand des Ausstellungskomplexes der zwar durch wirtschaftliche Misserfolge angeschlagenen, aber immer noch erfahrensten Messe für zeitgenössische Kunst eher zu, dieses Potenzial zu erschließen, als dem Ancien Régime der Fiac.

Es geht bei dem Pariser Akt also darum, den Anspruch auf die Vorherrschaft auf dem umbrechenden europäischen Markt mit seinem neuen Kraftzentrum Paris symbolisch zu demonstrieren. Sollte das mit einer überzeugenden Messe gelingen, wäre es auch der erste, weltweit sichtbare Beweis, dass James Murdoch, der milliardenschwere Sohn des Medienmoguls Rupert Murdoch, seit 2020 Mehrheitsaktionär der MCH-Messegesellschaft, nicht nur mit viel Geld ein schwankendes Imperium vor dem Bankrott retten, sondern den Basler Traditionstanker auch auf substanziell neuen Kurs bringen kann.

Erst 2018 war ein Versuch der Art Basel, sich mit Regionalmessen in Düsseldorf, Neu-Delhi und Singapur breiter aufzustellen, krachend gescheitert. Nur Tage vor der Pariser Ankündigung hatte die MCH bereits bekannt gegeben, sie werde sich erneut mit einem 15-Prozent-Anteil an der Messefirma Art Events Singapore beteiligen, die im Januar 2023 dort die neue Kunstmesse Art SG veranstalten will. Das ist keineswegs Ausdruck einer kopflosen Basler Zickzackstrategie. Auf der Welt ordnen sich die monetären Kraftpole neu. Wer da zu spät kommt, den bestraft der Kunstmarkt.

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