Komödie "Palm Springs":Dosenbierblues

Komödie "Palm Springs": Es gibt kein Entrinnen, aber zum Glück gibt es auch Bier. Andy Samberg als Nyles in "Palm Springs".

Es gibt kein Entrinnen, aber zum Glück gibt es auch Bier. Andy Samberg als Nyles in "Palm Springs".

(Foto: Hulu)

Die Filmkomödie "Palm Springs" ist eine sonnige Variation von "Und täglich grüßt das Murmeltier". Warum ist die Idee der Zeitschleife gerade wieder so faszinierend?

Von Kathleen Hildebrand

Einerseits könnte man einen schlechteren Tag erwischen, um ihn immer und immer wieder zu erleben: Ein offensichtlich sehr exklusives Hochzeitsfest in einem schicken Hotel in Palm Springs, Erwartung liegt in der Luft, die Leute sind gut angezogen. Der Pool leuchtet in der Sonne, und für kühle Drinks ist immer gesorgt, so gut, dass das satte Knacken des Bierdosenöffnens im Grunde der Soundtrack dieses Films ist.

Andererseits: Ein sehr exklusives, im amerikanischen Sinne perfektes Hochzeitsfest, bei dem alles wie am Schnürchen laufen muss - ist natürlich unerträglich.

Wie oft Nyles (Andy Samberg) dieses Fest schon durchlebt hat, bleibt ein Geheimnis, vor allem deshalb, weil er es selbst nicht mehr weiß. Dass es wirklich sehr, sehr, sehr oft gewesen ist, sieht man an der geschmeidigen Routine, mit der er sich am Abend durch die tanzende Gästeschar bewegt und einem alkoholisiert zusammensinkenden Herrn im genau richtigen Sinkmoment einen Stuhl unter den Po schiebt. Er versucht, Sarah (Cristin Milioti), die chaotische ältere Schwester der Braut, zu beeindrucken. Und man ahnt, dass er auch das nicht zum ersten Mal tut.

Ein Mal aber läuft die Verführung aus dem Ruder. Sarah läuft Nyles in eine Höhle hinterher, in der ein orangefarbenes Licht erst Nyles einsaugt und Sarah gleich mit. Als sie nach dem Saugvorgang die Augen öffnet, ist wieder Hochzeitsmorgen, und weil Sarah nicht auf den Kopf gefallen ist und wahrscheinlich auch die Popkultur ganz gut kennt, weiß sie gleich, was geschehen ist: Sie steckt in einer Zeitschleife, und Nyles ist schuld. Sie stürmt zum Pool, in dem er, wie jeden Morgen, auf einer Luftmatratze in Form eines Pizzastücks abhängt, und bewirft ihn mit vollen Bierdosen. Er taucht ab. Unter Wasser sieht es aus, als wäre U-Boot-Krieg im Pool.

Tage, die sich alle gleich anfühlen, ein ständiges Déjà-vu-Gefühl: klingt nach Lockdown

Was folgt, ist eine der lustigsten und originellsten romantischen Komödien der vergangenen Jahre. Und das, obwohl Max Barbakow, dessen erster großer Film als Regisseur "Palm Springs" ist, nicht der Erste ist, der wieder mit dem Motiv aus "Und täglich grüßt das Murmeltier" um die Ecke kommt. Die Zeitschleife hat schon länger wieder Konjunktur. Es begann mit dem Tom-Cruise-Science-Fiction-Action-Film "Edge of Tomorrow", zuletzt bestimmte sie die High-School-Romanze "The Map of Tiny Perfect Things" und Natasha Lyonnes tolle Netflix-Miniserie "Matrjoschka", in der eine Computerspiel-Designerin immer wieder ihren 36. Geburtstag erlebt.

Im Rückblick scheint es, als habe die Entertainment-Welt die Menschen darauf einstimmen wollen, dass ihnen mit der Corona-Pandemie-Lockdown-Zeit etwas Ähnliches bevorstand. Hunderte Tage, die sich alle gleich anfühlen, ein ständiges Gefühl des Déjà-vu. Da die Zeitschleifenfilme und -serien alle vor der Pandemie entstanden sind, ist der Grund für den Trend aber natürlich ein anderer. Die Zeitschleife, so enervierend sie sein mag, hat großes Potenzial: Man kann in ihr so lange üben, bis jede Geste, jede soziale Interaktion sitzt und zum erwünschten Ergebnis führt. Die Zeitschleife gibt dem in ihr Gefangenen ein Höchstmaß an Kontrolle, eine Überlegenheit über eine ansonsten furchtbar komplizierte, schnelle Welt.

Palm Springs Film

Ein bisschen benehmen muss man sich schon, wenn man zu zweit in derselben Zeitschleife hängt. Cristin Milioti und Samberg in einer nicht ganz so heiteren Szene.

(Foto: Leonine)

Das lange Üben kann natürlich dröge werden, wenn man es sich als Zuschauer in aller Ausführlichkeit ansehen muss. Aber "Palm Springs" umgeht diese Langeweilefalle. Sarah arbeitet ihre Erkenntnisetappen mit dem zum Nihilisten gewordenen Nyles an ihrer Seite ("Nichts ist von Bedeutung") erfrischend zügig und lustig ab. Erkenntnis eins: Es gibt kein Entkommen. Direkt wieder in die Portalhöhle laufen: Bringt nichts. Karma? Sarah flüstert der Braut vor dem Altar etwas rührend Selbstloses ins Ohr, aber: Bringt nichts. Sterben: Bringt natürlich auch nichts. An einer Stelle sagt Nyles zu einem aggressiven Zeitschleifengenossen, den er mit dem Auto besuchen gefahren ist, die wunderbaren Worte: "Bringst du mich ein letztes Mal um? Nur, um den Stau zu umgehen."

Selbsterkenntnis bietet leider auch keinen Ausweg aus der Zeitschleife, dazu bedarf es der harten Wissenschaft

Erkenntnis zwei: Das Zeitschleifendasein bringt herrliche Freiheiten mit sich. Für ein paar Ausgaben des immergleichen Tags haben Sarah und Niles dann auch wirklich sehr viel Spaß. Sie führen einen provokanten Stinkefinger-Tanz in einer Trucker-Kneipe auf, klauen ein Flugzeug, ohne zu wissen, wie man fliegt, und boykottieren in immer neuen Varianten die Hochzeit. Erkenntnis drei: Wenn man zu zweit in derselben Zeitschleife steckt, muss man sich leider doch wieder ein bisschen benehmen. Der andere weiß schließlich, was in der vorigen Version von heute passiert ist. "Auch wenn es der Tod nicht ist: Der Schmerz ist real", muss Nyles Sarah immer wieder einbläuen.

Natürlich erfüllt "Palm Springs" auch einige Klischees. Dass sich die beiden Außenseiter, die auch ihr Leben jenseits der Zeitschleife nicht besonders gut im Griff haben, ineinander verlieben, wird niemanden überraschen. Was aber die Raum-Zeit-Geschichte angeht, hat Barbakows Film wirklich originelle Ideen: Normalerweise funktionieren Zeitschleifenfilme nach einem klassischen pädagogischen Imperativ. Bill Murray musste in "Und täglich grüßt das Murmeltier" als zynischer Wettermoderator lernen, ein guter Mensch zu sein, bevor er aus der Wiederkehr des Ewiggleichen entlassen wurde.

Auch die beiden aus "Palm Springs" lernen etwas über das Menschsein, aber in dieser Hinsicht hat Nihilismus-Nyles recht: Das ist egal. Selbsterkenntnis verhilft ihnen nicht zum Ausstieg aus der Zeitschleife, denn die hat kein Gott bedachtsam gebunden und auch kein Karma. Um herauszukommen, braucht es etwas ganz anderes: harte Wissenschaft. Wie die ins Spiel kommt, ist noch einmal ein Höhepunkt dieses Films, der hier nicht verraten werden soll. Für die restlichen Tage der Pandemie gibt "Palm Springs" einem jedenfalls nicht nur herrlich sonnige Poolbilder an die Hand, sondern auch die lakonische Zeitschleifen-Weisheit, dass es letztlich im Leben nur darum geht, die Existenz so gut wie möglich zu ertragen.

Palm Springs, USA 2020 - Regie: Max Barbakow. Buch: M. Barbakow und Andy Siara. Mit: Andy Samberg, Cristin Milioti, J. K. Simmons. Leonine, 90 Minuten. Als Video-on-Demand auf allen gängigen Streaming-Plattformen.

© SZ
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