Favoriten der Woche:"Größte Therapiesitzung des Jahres"

Lesezeit: 5 min

Der russische Rapper Oxxxymiron, die Kunsthistorikerin Kirsty Bell, der Zeichner Nicolas Mahler, und Magellan: vier Empfehlungen.

Von SZ-Autoren

Der Band "Der Schwarze Spiegel"

Favoriten der Woche: So sieht es eben aus nach dem Atomkrieg: Szene aus "Schwarze Spiegel".

So sieht es eben aus nach dem Atomkrieg: Szene aus "Schwarze Spiegel".

(Foto: Nicolas Mahler/Suhrkamp)

Manchmal liegen Katastrophe und Paradies ja ganz nah beieinander. 1951 veröffentlichte Arno Schmidt "Schwarze Spiegel", eine kurze Erzählung, die in scharfkantiger, experimenteller und anspielungsreicher Sprache formulierte, was in den Köpfen der Bundesbürger spukte: Was wäre, wenn der Kalte Krieg eines Tages heiß wird und die Bomben vom Himmel prasseln? Schmidts Erzähler meint dazu: "Bloß gut, daß Alles zu Ende war"! Als einziger Überlebender eines Atomkriegs radelt er auf der Suche nach Nahrung, Ausrüstung und natürlich Lesestoff durch ein entvölkertes Niedersachsen - und findet es super! Endlich Ruhe, endlich Zeit zum Lesen. Schmidts Erzähler sind meist eine Mischung aus Klopstock und Rambo oder Goethe und Conan, der Barbar. Welche Welt würde also besser zu einem solchen Helden passen? Der Wiener Zeichner und Karikaturist Nicolas Mahler ist nicht der erste, der in diesen Figuren Schmidt selbst zu erkennen glaubt, der sich die letzten 20 Jahre seines Lebens in einem Holzhaus nahe des Dörfchens Bargfeld geradezu verschanzt hat.

In Mahlers gezeichneter Version von "Schwarze Spiegel" (Suhrkamp, 191 Seiten, 24 Euro) trägt der Held nun eindeutig die Züge Schmidts: die streng gefurchten Wangen, der gnadenlose Blick (trotz oder gerade wegen der bei Mahler meist fehlenden Augen), die lockigen Haare, wie vom Wind zurückgekämmt. Klar, der Kulturpessimist Schmidt radelte natürlich immer gegen den Wind. Da hat Mahler schon recht, ihn so zu zeichnen, mit ein paar kargen Strichen, wie die Landschaft, nur noch ein Gekritzel, zwei, drei gekreuzte Balken, darüber ein paar Strichwolken oder ein trauriger Mond. So schaut es eben aus nach dem Atomkrieg. Die zahllosen Anspielungen und Zitate, mit denen Schmidt seinen Text gegen die Unwissenden vermint hat, die fehlen natürlich größtenteils. Nur die schönsten hat Mahler gerettet, dafür ein paar neue Zitate aus anderen Werken Schmidts eingebaut. So reduziert wirken die Einsamkeit und der Selbstbetrug dieses brachialen Helden (heute würde man von toxischer Männlichkeit sprechen) ganz neu. Und wie sich das Getue im Wind auflöst, als eine Frau erscheint, nur um wieder zu verschwinden, und manche Textstelle Wort für Wort in Bildern aufgeht, das bringt dieser schrullige Erzähler am besten selbst auf den Punkt: "Jetzt war Alles still: und schöner!" Nicolas Freund

MAGELLAN Fernand de Mort de MAGELLAN (1480-1521) lors de la bataille de Mactan aux Philippines, contre les guerriers du

Tödliches Aufeinandertreffen der Kulturen: der Kampf auf der philippinischen Insel Mactan 1521.

(Foto: imago images/Kharbine-Tapabor)

Eine hinreißende Magellan-Biografie

War es das größte Abenteuer der Menschheit? Im August 1519 stach Magellan in See. Er wollte dahin, wo der Pfeffer wächst: auf die Gewürzinseln - und nebenbei den Beweis erbringen, dass die Erde eine Kugel ist. Doch der Erfolg blieb dem portugiesischen Seefahrer verwehrt. Als die Mannschaft vor genau 500 Jahren die Gewürzinseln erreichte, war ihr Anführer bereits tot - umgebracht von den Einheimischen auf der philippinischen Insel Mactan. Der "Genius", der "alle Stürme besiegt und Menschen bezwungen" hatte, starb "in einem kläglichen Geplänkel", wie es Stefan Zweig in seiner Romanbiografie "Magellan" schrieb. Mit diesem Buch setzte Zweig der "herrlichsten Odyssee" ein literarisches Denkmal. Wer Lust auf Abenteuer und große Sprache hat, sollte sie jetzt zum Jubiläum lesen und sich erklären lassen, warum "im Anfang" das Gewürz war. Marc Hoch

Kirsty Bell

Preußische Akkuratesse, angelsächsische Tradition: die Schriftstellerin Kirsty Bell.

(Foto: Andreas Labes/Kanon-Verlag)

Ein Berlinführer von Kirsty Bell

Die wärmsten und genauesten Bücher über die deutsche Hauptstadt schreiben Briten, das ist eigentlich seit Christopher Isherwoods "Berlin Stories" bekannt. Die Kunstkritikerin Kirsty Bell, die übrigens genauso wie Isherwood aus der Gegend von Manchester stammt, lebt seit 2001 in der Stadt. Sie hat sich seitdem einerseits ein komplett akzentfreies Deutsch angeeignet, andererseits aber einen fremden, manchmal auch befremdeten, jedenfalls nichts für selbstverständlich nehmenden Blick bewahrt. Und sie hat mit "Gezeiten der Stadt" (Kanon-Verlag) jetzt ein Berlin-Buch geschrieben, das dementsprechend einerseits mit preußischer Akkuratesse recherchiert ist und andererseits in der angelsächsischen Tradition persönlich gehaltener "memoirs" steht. Das ist in diesem Fall unbedingt ein Vorteil, weil Bell, die darin auch vom Scheitern einer Ehe erzählt, sich vor allem für die Frauenfiguren in der Geschichte der Stadt interessiert, also eher für die Perspektive von Luxemburg und Tergit als immer nur für die von Döblin oder eben Isherwood. Es beginnt mit dem Bezug einer Altbauwohnung am Landwehrkanal, die dermaßen oft Wasserschäden hat, dass ihr das Haus buchstäblich zu weinen scheint über seine Vergangenheit - und dieser Vergangenheit eines Hauses und seiner Bewohner geht Bell dann konsequent nach. Es ist ein Stadtspaziergang auf dem Zeitstrahl, wenn man so will. "Gezeiten der Stadt" heißt in der später bei Fitzcarraldo in London noch erscheinenden Originalfassung "The Undercurrents", die Unterströmungen, was die Sache fast noch genauer fasst. Denn auch alle poetischen und metaphorischen Annäherungen an Berlin tun am Ende gut daran, von der tatsächlichen Entwicklungsgeschichte der Stadt auszugehen. Und die ist nur scheinbar und oberflächlich eine Steinwüste. In Wahrheit ist sie ein Morast, an dessen Trockenlegung immer noch gearbeitet wird, und ein Sumpf, in dem die Leute strampelnd versinken - was den meisten auch noch ein eigentümliches Vergnügen ist. Aber das ist das Versinken in einem guten Buch ja auch. Peter Richter

Russischer Rap von Oxxxymiron

Screenhot Oxxxymiron --> Youtube https://www.youtube.com/watch?v=q92DWs1MwRA

Der russische Rap-Star Oxxxymiron (links) am Boden.

(Foto: Youtube)

Das Video beginnt mit einer Ohrfeige. Eine Küche in Russland, zwei Männer auf den Knien, gefesselt, umringt von Muskeltypen in voluminösen Jacken. "Entschuldige dich", befiehlt einer dem Gefesselten. "Ich entschuldige mich", murmelt der Mann am Boden. Dann schlägt ihn der Muskeltyp ins Gesicht, nicht allzu fest, aber dennoch traumatisch. Denn der Mann am Boden ist Russlands vielleicht bekanntester Rapper, Oxxxymiron, bürgerlich Miron Fjodorow, der in Sankt Petersburg geboren wurde, in Essen-Rüttenscheid aufwuchs und in Oxford studierte, der auf drei Sprachen battlet wie kein anderer und der sehr großen Anteil daran hat, dass Rap in Russland wurde, was Rock in der Phase der untergehenden Sowjetunion war: politische Kunst.

Die Ohrfeige-Szene in schmutzigem Schwarz-Weiß ist der spektakuläre Auftakt seines jüngsten Videos "Kto Ubil Marka? Who Killed Mark?". Sie geht zurück auf einen Streit mit rivalisierenden Musikern, über die Oxxxymiron sich in Songtexten lustig gemacht hatte. Aber weil er diese zehn Jahre zurückliegende Demütigung geradezu aufarbeitet, von Trauma und Psychotherapie singt, von Erfolgsdruck und Selbstwertdefiziten, gilt der Song bereits wenige Tage nach seinem Erscheinen als historisch. "Das ist die neue Männlichkeit, zuzugeben, dass man nicht allmächtig ist, dass man im Unrecht war, dass man sich geschämt hat, dass die Seele Schaden genommen hat", schreibt die Nutzerin "Marie S." unter dem Video auf Youtube. Ein Musikkritiker nannte es die "größte Therapiesitzung des Jahres". 8,5 Millionen Menschen riefen den Song bislang auf. Ein spektakuläres Comeback.

Denn ein paar Jahre lang war es still gewesen um Oxxxymiron. Nun rappt er in zehn Minuten ein ganzes entwurzeltes Leben herunter, seine Herkunft als Sohn jüdischer Intellektueller, die Schulzeit in Deutschland, wo er ein Außenseiter war, London, Konzert-Glück in Russland, politische Proteste, der Schlag ins Gesicht. Er zitiert J.R.R. Tolkien und Titanen der sowjetischen Unterhaltungsmusik wie Mark Bernes, er bewegt sich durch die Zeit, von Ost nach West, mit durchaus versöhnlicher Botschaft an seinen einstigen Widersacher: "Ruf an, und wir reden in Ruhe über alles", singt er. Revolutionär. Sonja Zekri

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