Oscar für "Period. End of Sentence." Endlich ein Film von gesellschaftlicher Relevanz

Oscar 2019: Melissa Berton (Mitte links) und Rayka Zehtabchi (Mitte rechts) haben mit ihrer Kurz-Doku "Period. End of Sentence." einen Academy Award gewonnen.

(Foto: AFP)
  • "Period. End of Sentence." gewinnt den Oscar als Bester Dokumentar-Kurzfilm.
  • Der 25-minütige Film behandelt nicht nur das Tabuthema weibliche Hygiene, sondern auch institutionalisierte Frauenfeindlichkeit.
  • Mit ihrer Wahl beweist die Academy endlich etwas, was ihr sonst fehlt: echte gesellschaftliche Relevanz.
Von Julian Dörr

Es ist die Regisseurin selbst, die es in dieser Nacht nicht fassen kann: "Ich kann nicht glauben, dass ein Film über Menstruation einen Oscar gewonnen hat", sagt Rayka Zehtabchi in ihrer Dankesrede auf der Bühne des Dolby Theatre in Los Angeles. Die 25-Jährige hat dort gerade als erste iranisch-amerikanische Frau überhaupt den Preis für den Besten Dokumentar-Kurzfilm entgegengenommen.

Oscar 2019

Die Highlights der Verleihung in Bildern

Nun zählt die Auszeichnung in dieser Kategorie in der Regel nicht zu den berichtenswertesten Ereignissen aus der Oscar-Nacht; bei der 91. Verleihung der Academy Awards aber versteckt sich in dieser Nische ein Thema, das zu wichtig ist, um übergangen zu werden.

"Period. End of Sentence." heißt die vom Streaming-Anbieter Netflix produzierte Kurz-Doku von Regisseurin Zehtabchi, die im Deutschen den zwar sehr richtigen, aber doch etwas sperrigen Titel "Stigma Monatsblutung" trägt. Im Grunde folgt der Film einer Gruppe von Frauen im indischen Distrikt Hapur, 60 Kilometer außerhalb von Delhi, die in einer kleinen Fabrik für Binden arbeiten. Nur 25 Minuten lang gibt "Period" seinen Zuschauerinnen und Zuschauern Einblick in die Lebenswelt dieser Frauen, aber der Eindruck ist stark und er wirkt noch lange nach.

Denn "Period" ist nicht nur ein Film über das Tabuthema weibliche Hygiene. Es ist auch ein Film über institutionalisierte Frauenfeindlichkeit. Über eine Religion, die Frauen während ihrer Monatsblutung nicht den Tempel betreten lässt, weil sie dann angeblich schmutzig seien. Und über eine patriarchale Gesellschaft, in der Themen, die Männer nicht direkt betreffen, in der Öffentlichkeit einfach nicht stattfinden.

Zu Beginn von "Period" sammelt Regisseurin Zehtabchi Stimmen aus dem ländlichen Indien. Sie machen die Dringlichkeit ihrer Unternehmung deutlich. Zehtabchi redet mit jungen Männern, die glauben, bei Menstruation handele es sich um eine Krankheit. Und sie redet mit jungen Frauen, die davon erzählen, dass sie die Schule abgebrochen haben, als sie ihre Periode bekamen. Jedes Mal einen weiten Weg in Kauf nehmen, um den Stoff, den sie benutzen, um das Blut aufzusaugen, dort zu wechseln, wo sie kein Mann sehen kann: Das war zu viel für die jungen Frauen.

Noch öfter aber begegnet der Regisseurin Sprachlosigkeit. Ein verschämtes Lachen, Kopfschütten, Stille. Menstruation sei das größte Tabu in seinem Land, sagt Arunachalam Muruganantham. "Töchter reden nicht mit ihren Müttern, Ehefrauen nicht mit ihren Ehemännern und Freunde nicht miteinander." Muruganantham ist der Mann, der eine Maschine zur günstigen Herstellung von Binden erfunden hat, mit der die Frauen in diesem Film arbeiten. Nur zehn Prozent der Frauen in Indien benutzen Binden, sagt er. Das will Muruganantham ändern.

Die Binde, sie ist in diesem Film ein Symbol der Befreiung - im doppelten Sinne. Durch das, was sie ist: ein fortschrittlicheres Hygieneprodukt. Und durch das, was sie schafft: Arbeit, die Frauen leisten können, um finanziell unabhängig zu werden.

Sneha, eine der Protagonistinnen des Films, will nicht heiraten. Stattdessen möchte sie Polizistin in Delhi werden. Mit ihrer Arbeit in der Bindenfabrik finanziert sie sich die Ausbildung. Was Sneha antreibt: Sie möchte unter ihrem eigenen Namen gekannt werden. Und nicht unter dem ihres Vaters. Als Polizistin erhofft sie sich Anerkennung und Respekt. Es ist diese Stelle, die einen bitteren Nachgeschmack in der ansonsten so positiven und ermächtigenden Doku hinterlässt. Erfinder Arunachalam Muruganantham, der einzige Mann in "Period. End of Sentence.", bleibt auch die einzige Person im Film, der ihr voller Namen zugestanden wird. Sneha, die Frau, die hinter ihrem eigenen Namen stehen möchte, wird auf ihren Vornamen reduziert.

Dennoch: "Period. End of Sentence" ist eine eindrückliche Doku, die in wenigen, kraftvollen Bildern auszudeuten vermag, wie es sich anfühlt, unter dem immerfort männlichen Blick einer patriarchalen Gesellschaft zu leben.

Die Auszeichnung von "Period. End of Sentence." ist ein Glücksfall für die Academy. Mit ihr erreichen die Oscars etwas, was ihnen in einer besseren Welt viel öfter gelingen sollte: echte gesellschaftliche Relevanz. Sie nutzen ihre Strahlkraft, um Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, über das noch immer viel zu wenig gesprochen wird: Menstruation und die damit zusammenhängende strukturelle Benachteiligung von Frauen.

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Man sollte als Zuschauerin oder Zuschauer am Ende dieser 25 Minuten nicht den Fehler begehen, das alles als Probleme des Globalen Südens abzutun. Auch in unserer angeblich so progressiven westlichen Gesellschaft ist Menstruation noch immer ein Tabuthema, dem sich vor allem Männer verschließen. Man sieht das gerade an den lächerlichen Diskussionen und Empörungen, die die Einführung eines Emojis für Menstruation begleitet haben. Wie sehr die Verfügbarkeit von Hygieneprodukten mit weiblicher Selbstbestimmung und Freiheit zusammenhängt, wird auch in Deutschland noch unterschätzt.

Vielleicht trägt ein Oscar für eine Doku über Menstruation dazu bei, dass es eines Tages nicht mehr unfassbar ist, dass eine Doku über ein Thema, das einen großen Teil der Menschheit, einen großen Teil des Lebens beschäftigt, einen Oscar gewinnt.

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