Orhan Pamuks Roman "Die Nächte der Pest":Die alte Ordnung

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Orhan Pamuks Roman "Die Nächte der Pest": Pamuk hat ein gänzlich neues Land erfunden, doch die Ähnlichkeiten zur Türkei sind auffällig: Peter Francis Pieters' Gemälde "Blick über Konstantinopel".

Pamuk hat ein gänzlich neues Land erfunden, doch die Ähnlichkeiten zur Türkei sind auffällig: Peter Francis Pieters' Gemälde "Blick über Konstantinopel".

(Foto: Alamy Stock Photos/mauritius images)

Orhan Pamuks neuer Roman "Die Nächte der Pest" ist eine bittersüße Parabel auf den autoritären Niedergang der Türkei. Deswegen läuft dort bereits ein Verfahren gegen ihn.

Von Christiane Schlötzer

Eine Insel in der Ägäis von "beängstigender" Schönheit, die Häuser aus weißem Stein, die Felsen grün überwachsen. Die Menschen dort handeln mit Rosenwasser, mit Düften, Salben und Pasten. Ein Paradies? Lange schon wollte Orhan Pamuk einen Pest-Roman schreiben, 2016 fing er damit an, und als zu Beginn des Jahres 2020 die Welt in die Corona-Pandemie stürzte, war der türkische Literaturnobelpreisträger davon überrascht und überwältigt.

Pamuk lehrte an der Columbia University in New York Literatur, in Panik kehrte er in seine Heimatstadt Istanbul zurück und sprach in Interviews von seiner Angst vor der Seuche und dem Tod. "Die Nächte der Pest" lassen Orhan Pamuks Dämonen ahnen. Aber die Seuche legt ja nicht nur menschliche Abgründe frei, sie vernichtet auch Gewissheiten, mit geradezu revolutionärer Kraft.

So trifft es auch die schöne Insel. Pamuks Pest-Roman bringt das Kunststück fertig, sowohl Gruselmärchen wie Geschichtsbuch zu sein. Obwohl sein Thema todtraurig ist, ist es überraschend verspielt und gleichzeitig hochpolitisch. Pamuk macht es aber diesmal all jenen schwer, die in ihm einen Nestbeschmutzer sehen wollen, wegen seiner bekannten Kritik an den herrschenden Zuständen, zuletzt an der Umwidmung der Hagia Sophia vom Museum zur Moschee. Er hat sich nun die Freiheit genommen, ein gänzlich neues Land zu erfinden, das allerdings seinem eigenen mit seiner historischen Last auffällig ähnlich scheint.

Pamuk erträumt eine osmanische Gesellschaft, halb christlich, halb muslimisch

Die schöne Insel, die alle Ankommenden bei ihrem Anblick bezaubert, trägt den Namen Minger. Es gibt hier üppiges Grün, putzig rote Dächer, einen mächtigen weißen Burgfelsen, Pferdekutschen zuckeln übers Pflaster. Pamuk, für seine Detailverliebtheit bekannt, entwirft sein Eiland Stadtviertel für Stadtviertel, Straße für Straße, so dass man versucht ist, auf einer Karte zu suchen, ob es dieses zwischen Kreta und Rhodos verortete Minger nicht doch gibt.

Die von Pamuk erträumte Welt ist ein osmanischer Mikrokosmos, die christliche und die muslimische Bevölkerung halten sich in etwa die Waage. Diese alte Ordnung gerät durch die Seuche höllisch durcheinander, es gibt eine Revolution und es wird mehrfach geputscht. Den historischen Hintergrund bildet der große Pestausbruch Ende des 19. Jahrhunderts, der bis ins 20. Jahrhundert vor allem in Asien Millionen Todesopfer forderte und auch Australien erreichte. Nur Europa kam damals glimpflich davon, wobei Glück und neue Ideen in der Seuchenbekämpfung halfen.

Es treten auf: muslimische Scheichs und orthodoxe Priester, reiche Bürger und arme Schlucker, meist muslimisch, von westlichen Quarantänevorstellungen angetriebene Ärzte, korrupte, liebestolle Politiker, Spitzel und Spione, eine osmanische Prinzessin und ein von sich selbst beseelter nationalistischer Revolutionär, der die Insel in die Unabhängigkeit führt, dann aber früh von der Seuche dahingerafft wird.

Das tut seinem Nachleben im neuen Staate Minger keinen Abbruch. Jener Staatsgründer heißt Kommandant Kâmil, er hat zumindest Anfangs- und Endbuchstaben seines Namens mit Kemal Atatürk gemein. Historisches und Fiktives wechseln sich in dieser epischen Erzählung übergangslos ab, so dass einem beim Lesen die Ebenen schon mal durcheinandergeraten können.

Pamuk interessiert die Frage, ob der dem Islam zugeschriebene Fatalismus es schwerer macht, Quarantäneregeln zu akzeptieren, wofür er historische Belege sieht. So wurden in den Moscheen von Konstantinopel in osmanischen Zeiten immer noch Begräbnisfeiern abgehalten, während in den Straßen die Pest wütete. In der aktuellen Pandemie entschied sich die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan für den säkularen Eingriff und verbot solche Feiern. Das Fernsehen zeigte, wie Corona-Tote von Männern in weißen Schutzanzügen beerdigt werden. Die Ausgangssperren in Istanbul waren lange besonders streng.

Bei Pamuk begegnet einem vieles, was historisch belegt ist, und das ähnelt verblüffend der aus den täglichen Nachrichten vertrauten Fieberkurve: das Leugnen der Krankheit, das Ringen um Freiheit und Beschränkung, Wissenschaft, Vernunft und Verschwörungstheorien, die Suche nach Schuldigen: Bakterien oder Schicksal? Pamuks Figuren leben in den Widersprüchen zwischen Weltlichem und Gottvertrauen.

Pamuk hat zuletzt versprochen, in seinen Büchern feministischer zu werden

Als wichtige Inspirationsquellen nennt der Autor Daniel Defoes 1722 erschienenen fiktiven Dokumentarbericht "Die Pest zu London" und Alessandro Manzonis "Die Brautleute" von 1827, eine italienische Pest-Erzählung, die auf einer angeblichen, jedoch erfundenen historischen Handschrift beruht. Bei Pamuk sind es Briefe und Postkarten der fiktiven osmanischen Prinzessin Pakize, die als Berichterstatterin aus Minger an ihre Schwester schreibt, während die Insel im Jahr 1901 wegen der Seuche von der Außenwelt abgeschnitten ist. Dabei fragt man sich gelegentlich, wie die Post dann Istanbul erreichte?

Orhan Pamuks Roman "Die Nächte der Pest": Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag, München 2022. 695 Seiten, 30 Euro.

Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag, München 2022. 695 Seiten, 30 Euro.

(Foto: Hanser Verlag)

Aber um solche Finessen muss man sich nicht scheren, denn Pamuks diesmal weibliche Erzählerin - er hatte zuletzt versprochen, in seinen Büchern feministischer zu werden - entschuldigt sich gleich zu Beginn, dass sie gar keine Schriftstellerin sei, und dazu aus Minger, also kaum objektiv, und dass es ihr bestimmt schwerfallen werde, sich in Männer an der Macht hineinzuversetzen. Diese Vorrede setzt den ironisch-melancholischen Ton des Romans, der sich anspielungsreich und mit Lust an der Parodie dem unausweichlichen Drama widmet, was auch eine Form der Dämonenbekämpfung ist.

Die Geschichte ist verwickelt, und ein paar Längen gibt es auch, aber schon Albert Camus wusste, dass große Unglücke durch ihre Dauer eintönig sind. Bei Camus ist "Die Pest" zugleich Chiffre für das Grauen des Nationalsozialismus. Auch Pamuk nimmt sich viel Zeit, um sich an einem Despoten abzuarbeiten, an Sultan Abdülhamit II., der in Reformen des Reichs einwilligt und die neue Verfassung rasch wieder kassiert. Der Alleinherrscher verfolgt seine Gegner mit Härte und nutzt den Islam als Machtmittel. Osmanisch nostalgisch wird es bei Pamuk nie.

Der Schauplatz des Romans wirkt wie eine Minatur der Republik Türkei

Wie schon in "Schnee", seinem Roman aus dem Jahr 2002, ist der Schauplatz von der Außenwelt abgeschnitten. Schiffe der Großmächte und des Sultans formen sechs Monate lang eine Blockade um das unter Quarantäne gestellte Minger, damit die von Alexandria eingeschleppte Pest sich nicht nach Europa verbreite. Die Blockade schützt aber auch die neuen Machthaber auf der Insel, die während der Seuche ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erklärt. Dieser aus der Katastrophe geborene neue Staat wirkt dann in vielem wie eine Miniatur der Republik Türkei. Pamuk hat einige der Parallelen geradezu grob geschnitzt, als müsse er auch damit ein paar Dämonen loswerden. Und doch, wer Böses denkt, verwechselt Fiktion und Fakten.

Das letzte Kapitel ist der Schlüssel, das Sesam-öffne-Dich für das Minger-Märchen: Da schildert die Erzählerin, wie es zugeht im unabhängigen Staate Minger. Da müssen Schulkinder aus den letzten 129 Worten des früh verstorbenen Kommandanten Kâmil, die ein Sekretär festgehalten hat, auf Mingerisch Sätze bilden. Oppositionelle werden mit Gefängnisstrafen eingeschüchtert, missliebige Journalisten fürchten um ihr Leben. "Minger den Mingerern!", ist Staatsräson.

Natürlich kennt jeder türkische Leser die Parole "Die Türkei den Türken". So skandierten 1955 die Schläger, die in Istanbuls Prachtstraße Istiklal die Schaufensterscheiben der griechischen Geschäfte zerschlugen. Die Bilder dieser Zerstörung hat gerade erst wieder eine großartige türkische Netflix-Serie in Erinnerung gerufen, "Der Club" heißt sie. In Minger werden ebenfalls Griechen drangsaliert und vertrieben, aber auch Muslime, die dem Sultan die Treue halten, alles im Namen des Nationalismus, der Mingerisierung.

Das Ziel dieser Parodie sind die Erben Atatürks, die aus dem Kemalismus eine Ersatzreligion machten

Eine Klage wegen "Beleidigung Atatürks und der türkischen Fahne" hat es 2021 gegen die türkische Ausgabe des Romans bereits gegeben, trotz aller Verfremdung. Sie ist in erster Instanz gescheitert, was leider nichts über weitere Instanzen sagt. Er habe nichts geschrieben, was man als Respektlosigkeit gegenüber Atatürk, dem "heroischen Gründer" der Nation, auslegen könne, ließ Pamuk seine Kritiker wissen, nun ironiefrei.

Die deutsche Ausgabe hat wieder Gerhard Meier glänzend übersetzt. Nichts geht verloren von dieser beißenden Satire. Die Türkei wird 2023 einhundert Jahre alt. Da wird man viele Beschwörungen des Staatsgründers hören, auch von den jetzigen Mächtigen. Aber Pamuks politische Parodie zielt ja nicht auf Atatürk, der nach einer Abfolge von Kriegen aus der Asche des Osmanischen Reichs einen neuen Staat schuf. Gemeint sind schon eher die Erben, die aus dem Kemalismus einst eine Ersatzreligion machten, und jeder krude Nationalismus. Und das muss nicht der Türkische sein.

Aber all das sagt uns nicht Orhan Pamuk, der weltweit meist verkaufte türkische Autor, sondern die Erzählerin, die sich zu guter Letzt endlich vorstellt. Als Urenkelin jener Prinzessin Pakize, die vom Sultan und Sherlock-Holmes-Fan Abdülhamit nach langer Palastgefangenschaft auf die mythische Insel Minger geschickt wird. Sie soll dort mit ihrem Mann Nuri, einem modernen Mediziner, einen Mord "an der Wissenschaft" aufklären. Das Opfer ist ein vom Sultan zur Pestbekämpfung ausgesandter Pharmakologe.

Diese Kriminalgeschichte ist aber dann nicht so wichtig, weil die Pest alles andere verdrängt. Mina Mingerli, so nennt Pamuk sein weibliches Alter Ego, bekennt schließlich ihre Liebe zu der Insel so herzzerreißend, dass man ahnt, ihrem Erfinder geht es mit seinem fehlerbehafteten Land nicht anders. So drängt es Mina am Ende zu dem Dreisatz: "Es lebe Minger! Es leben die Mingerer! Es lebe die Freiheit!" Das letzte Ausrufzeichen ist wichtig.

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