Türkei:Der traut sich was

Lesezeit: 2 min

Orhan Pamuk

Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat Ärger wegen seines neuen Werks "Nächte der Pest".

(Foto: Regina Schmeken/Regina Schmeken)

Schriftsteller Orhan Pamuk hat in der Türkei bereits mehrmals Ärger gehabt. Etwa, weil er über den Völkermord an den Armeniern sprach. Jetzt soll er Republik-Gründer Kemal Atatürk beleidigt haben.

Von Tomas Avenarius

Es spielte sich auch in diesem Jahr genauso ab, wie es seit vielen Jahrzehnten Usus ist. Morgens um 9.05 Uhr heulten die Sirenen, stand landesweit der Verkehr still, blieben Passanten regungslos stehen, stoppte der Betrieb in öffentlichen Einrichtungen. Der 10. November, um genau 9.05 Uhr - Datum und Uhrzeit markieren den Tod von Kemal Atatürk, dem Übervater der türkischen Republik. Die Verehrung des Staatsgründers - oder der Personenkult um ihn - ist Teil der DNA der Türkei.

Beleidigung oder das Verächtlichmachen des "Vaters der Türken" werden verfolgt, das Gesetzbuch kennt einen eigenen Paragrafen: "Das Gesetz über Verbrechen am Andenken Atatürks". Gestraft wird manchmal sogar ohne Gesetzbuch: Ein Passant, der dieses Jahr in Istanbuls Großem Bazar während der Schweigeminute ungerührt weiterlief, bekam Hiebe von umstehenden Besuchern und Ladenbesitzern.

Eine Figur in seinem neuen Werk soll an den Übervater der Türken erinnern

Nun rückt der weltweit berühmte Autor und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in den Kreis der angeblichen Atatürk-Beleidiger auf. Weil eine der Figuren in seinem neuesten Werk "Nächte der Pest" von Namen und Beschreibung her - gewollt oder ungewollt - an den Staatsgründer erinnert, hat der Rechtsanwalt Tarcan Ülük vor einiger Zeit Strafanzeige wegen "Beleidigung Atatürks und der türkischen Fahne" eingereicht. Ülük, bisher weder weltbekannt noch mit dem Nobelpreis geehrt, stammt aus der für ihren strammen Atatürkismus bekannten Mittelmeerstadt Izmir. Er findet, dass der Schriftsteller "im Volk Hass und Feindschaft geschürt hat, indem er im Roman Atatürk beleidigt".

Die bereits einmal schon abgewiesene Klage kam nun vor ein Gericht in Istanbul. Dort lebt Pamuk. Istanbul und Pamuk, das ist ein und dasselbe: Der 69-jährige Romancier kam als Sohn eines Fabrikanten zur Welt und lebt, abgesehen von etwa drei Jahren in den USA, noch immer am Bosporus. Er hat elf Romane geschrieben, die Stadt ist eine der Quellen seiner Inspiration; ein Fotobuch und eine Art fotografisch illustrierte Autoren- und Stadtbiografie drehen sich ebenfalls um: Istanbul.

Literaturkenner stellen den Autor, der sich in seinen jungen Jahren an Malerei und Architektur versucht hat, mit seiner zwischen westlich-europäischer und orientalisch-türkischer Erzähltradition hin und her wechselnden Romantechnik in eine Reihe mit den großen Namen des 20. Jahrhunderts, vergleichen ihn mit Franz Kafka oder Jorge Luis Borges. Wie klassisch der Autor Pamuk tickt, hat er selbst formuliert: "Die wundersamen Mechanismen der Romankunst dienen dazu, der ganzen Menschheit unsere eigene Geschichte als die Geschichte eines anderen zu unterbreiten."

Natürlich, der Autor ist auch ein politischer Mensch

Aber Pamuk ist nicht nur ein begnadeter Erzähler, er ist auch ein politischer Mensch. Er hat sich für verfolgte Kollegen stark gemacht, etwa für den vor Gericht gezerrten, kurdisch-stämmigen Yasar Kemal, den wichtigsten Autoren des Landes. Oder für Salman Rushdie, den die Mullahs in Iran töten wollten, weil er sich mit seinen "Satanischen Versen" die Freiheit genommen hatte, den Islam nicht ganz so ernst zu nehmen wie die Eiferer in Teheran. Pamuk selbst eckte mit seinem Roman "Schnee" an, in dem Islamisten, Nationalisten und Militär keine gute Figur machen.

Schon damals gab es Ärger. Danach hat Pamuk ein Sakrileg begangen und das größte Tabu seines Heimatlandes angesprochen: den Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg. "Man hat hier dreißigtausend Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen." Es folgten Morddrohungen und ein Verfahren wegen "öffentlicher Herabsetzung des Türkentums", was aber eingestellt wurde. Pamuk äußert sich inzwischen kaum noch öffentlich. Zur Klage des eifernden Anwalts sagte er nur: "Ich habe in meinem Roman nichts geschrieben, was auf Atatürk deutet."

Zur SZ-Startseite
Filmfest München - CineMerit Gala

SZ PlusWoke-Debatte in England
:Nicht lustig

Der Feind steht links: Wie ausgerechnet die legendären "Monty Pythons" ins Räderwerk der neuen, englischen Humorlosigkeit geraten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB