"Operation Hyakinthos", Thriller auf Netflix:Liebe im Geheimen

Operation Hyacint

Der junge Polizist Robert (Tomasz Ziętek) ermittelt im Schwulenmilieu - Szene aus "Operation Hyakinthos".

(Foto: Bartosz Mrozowski)

Der Netflix-Krimi "Operation Hyakinthos" erzählt von der langen Geschichte der Schwulenverfolgung in Polen - und zeigt ein fantastisch heruntergekommenes Warschau.

Von Doris Kuhn

Praktisch alles, was der polnische Netflix-Thriller "Operation Hyakinthos" an visuellem Stil bietet, sähe man gern richtig groß. Der Film spielt Mitte der Achtzigerjahre, und Piotr Domalewski, der Regisseur, sucht sich die entsprechenden Klischees, er legt die Welt in braune oder orange Farbtöne, in Dunkelheit, Nässe und Neon. Aber so, wie er diese Bilder zusammensetzt, schaffen sie das, was im Neo-Noir-Genre nur in den besten Fällen gelingt. Sie sehen nicht nur aufregend aus, sondern sie wecken auch ein Gefühl für die porträtierte Zeit.

"Operation Hyakinthos" erzählt einen Kriminalfall. Wir sind in Warschau, ein Toter liegt im Park, erbärmlich niedergestochen. Um womöglich einen Hinweis zu finden, wird die nahe gelegene öffentliche Toilette von der Polizei aufgemischt. Sie ist ein Treffpunkt für homosexuelle Männer, die könnten den Toten gekannt oder den Mord gesehen haben, außerdem haben die meisten Polizisten sowieso den Drang, den Schwulen ab und zu Prügel zu verpassen. Da erscheint dieser Einsatz ideal, so können die Cops sie gleich gruppenweise abgreifen.

Sobald die verhafteten Männer auf dem Revier sind, mischt sich eine reale politische Komponente in die Geschichte: Von 1985 bis 1987 wurden in Polen Homosexuelle festgenommen, verhört, in Akten registriert, Tausende von ihnen. Der Vorgang unterlag weitgehend der Geheimhaltung, gleichzeitig gab er dem Staat massenhaft Daten in die Hand, ein prima Mittel für Erpressungen. Darauf spielt Domalewski an, der die "Operation Hyakinthos" von damals ins öffentliche Bewusstsein holen will. Mit Fiktion vielleicht, aber die Verhörszenen vermitteln schon einen recht glaubhaften Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte.

Früh lernt man im Film Robert (Tomasz Ziętek) kennen, einen jungen Polizisten, der an dem Messermord arbeitet, etwas zu eifrig für den Geschmack seiner Vorgesetzten. Unter ihnen ist auch Roberts Vater, den sein Sohn im Büro mit "Herr Oberst" anredet, so streng wird in der Familie korrektes Benehmen gefordert. Robert glaubt nicht an den Täter, der von oben präsentiert wird, im Geheimen beginnt er seine eigene Ermittlung. Dabei nutzt er einen Zufall, um als vermeintlich Gleichgesinnter in die Community der Schwulen einzudringen.

Man spürt eine Liebe zu Warschau, zu den die Hochbahnen und Industriebrachen

Tatsächlich findet er dort Freundschaft, wie er sie bisher nicht kannte. Die Außenseiter der Gesellschaft verbindet eine Solidarität, die seine Kollegen nie gezeigt haben, also versteht Robert durch sein neues Leben erst die Einsamkeit in seinem alten. Dass er sich haltlos in einen der Männer verliebt, hilft allerdings auch. Weitere Schwule werden liquidiert, eine Verschwörung mit politischem Hintergrund, zeitweise durchaus undurchsichtig. Aber der Film entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Mag sein, dass es an den vielen Ebenen liegt, auf denen er spielt, mag sein, dass man einfach der Hauptfigur so gerne folgt, diesem Robert mit seinem Bärtchen und seiner blauen Fliegerjacke, um den man immer mehr fürchtet, je länger er in den verschiedenen Welten die Bälle grade noch in der Luft halten kann. Er verrät alle Seiten, und alle Seiten wollen ihn trotzdem für sich, was eine Lösung nicht vorhersehbar macht. Die Spannung von Roberts persönlicher Geschichte ist packender als die Morde, obwohl er bald selbst zu den Opfern zählen könnte.

Man spürt auch eine Liebe zu Warschau, dieser Stadt, die hier so fantastisch dreckig aussieht, die Hochbahnen, Eisenbrücken, Industriebrachen zu bieten hat und gleichzeitig vollgestopfte Innenräume, in denen Menschen über Freiheit spekulieren, während sie die vielen Methoden der Repression bezeugen. Der Film macht sichtbar, wie derb die Unterdrückung durchgesetzt wird, wenn Leute, wie die Polizisten es hier nennen, "aus der Reihe tanzen" - egal ob es sich dabei um die sexuelle Orientierung handelt, um den Wunsch nach Selbstbestimmung oder schlicht um Unbestechlichkeit.

"Operation Hyakinthos" erzählt zwar vom Polen der Achtzigerjahre, sein Thema stammt aber nicht aus den Nebeln der Vergangenheit, im Gegenteil. Die Verfolgung der LGBT-Bewegung in Polen hat heute wieder stark zugenommen, die Gewalt, die von Regierung und Kirche und konservativer Bevölkerung dabei eingesetzt wird, nicht minder. Da dürfte Domalewskis Film ruhig noch radikaler Anklage erheben.

Operation Hyakinthos, Polen 2021. Regie und Buch: Piotr Domalewski. Mit Tomasz Ziętek, Hubert Milkowski, Adrianna Chlebicka. Netflix, 112 Minuten.

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