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Milo Raus Operndebüt als Stream:Kunstgeschwätz zwecks Machterhalt

Mord wider das Libretto: Sesto (Anna Goryachova) liebt Tito (Bernard Richter, nackt am Boden), aber sie konnte dessen Menschenverachtung nicht mehr ertragen.

(Foto: Carole Parodi/GTG)

Von wegen milder Herrscher! Der Polittheater-Regisseur Milo Rau gibt mit Mozarts "La Clemenza di Tito" in Genf sein Operndebüt und blickt erwartungsgemäß düster auf den Stoff. Dabei vergisst er, auf die Musik zu hören.

Von Reinhard J. Brembeck

Die Bühne des Genfer Opernhauses zeigt ein Flüchtlingslager, in dem die Gestrandeten, Ausgestoßenen und Verachteten zusammengepfercht sind. Sie haben nichts zu tun, und sie haben nichts zu sagen. Wie überall auf der Welt werden sie drangsaliert, geschlagen, gefoltert, ermordet. Umzingelt von Billigzelten und Billigstühlen warten sie auf eine bessere Zukunft. Auch ein Aufstand bringt nichts, er wird brutal niedergeschlagen. Die Hoffnungslosigkeit hat diesen Opernabend gnadenlos im Griff. Genährt wird von der Regie nur die Hoffnung, dass dereinst der Mensch völlig von der Erdoberfläche verschwunden sein wird und mit ihm all seine Niedertracht. Auch seine Kunst wäre dann dahin, auch Wolfgang A. Mozarts letzte Oper "La Clemenza di Tito", die sich geradezu verzweifelt damit abmüht, das musikalische Idealbild eines humanistisch mitleidigen Diktators zu malen.

Der schlanke, hochgewachsene Bernard Richter gibt diesen Tito voller Elan im karierten Anzug, mit Che-Guevara-T-Shirt. Er singt ihn ungeschützt, mit vollem Risiko, nah an der Überforderung seines hellen, klaren Tenors. Dieser Tito dilettiert als Maler, und ein Pamphlet dekretiert in brüchigen Lettern: "Kunst ist Macht." Erstmals hat der Polit-Regisseur Milo Rau eine Oper inszeniert, er untersucht bei Mozart, was es mit der "Milde" des Tito im Operntitel auf sich haben könnte. Sein Fazit ist erwartbar negativ. Rau rechnet die Unzufriedenheit hoch, die im Libretto das Volk gegen diesen angeblich so milden römischen Kaiser hegt und die sich in einem Volksaufstand auf dem römischen Kapitol, dem politisch-religiösen Zentrum, entlädt.

Tito geriert sich als Künstler, während er die Geflüchteten niederknüppeln lässt

Dann aber inszeniert Rau faszinierenderweise etwas als verstörende Realität, das im Libretto nur verschämt und als Irrtum berichtet wird. Während der Chor, im Zuschauerraum als Claqueurtruppe agierend und mit Seuchenmasken singend, den Sturm auf das Kapitol und den Brand des selbigen kommentiert, während der Dirigent Maxim Emelyanychev das klangschön elegant und flexibel spielende Orchestre de la Suisse Romande in dieser Szene verzweifelt toben und berserkern lässt, wird Tito von seinem besten Freund Sesto in einer Umarmung hinterrücks erstochen. Sesto mordet bei Milo Rau - und anders als bei Mozart -, weil er das Elend der Gestrandeten nicht mehr erträgt. Auch weil er es nicht mehr erträgt, dass sein Freund Tito, der empathielos von Frau zu Frau wechselt, sich in einem zynischen Doppelspiel als Künstler geriert, während er seine Security-Leute die Geflüchteten niederknüppeln lässt.

Mozarts "La Clemenza di Tito" erlebt in der Genfer Inszenierung von Milo Rau seine finsterste Stunde im Flüchtlingselend.

(Foto: Carole Parodi/GTG)

Die überwältigende Anna Goryachova singspielt den Sesto als eine längst aus dieser Geschichte gefallene Gestalt, als Schatten eines Menschen, dessen Frustration unendlich alt ist und noch viel tiefer geht. Dieser Sesto ist zutiefst davon getroffen, dass das humanistische und kunstbegeisterte Reden seines innig geliebten Tito nichts als Geschwätz ist. Goryachova legt all diese Enttäuschungen in ihren tiefen, dunklen, schier den Weltenraum umfassenden Mezzosopran, der fern aller Veräußerlichung selbst in den virtuosesten Tonkaskaden nur von Schmerz kündet, von Verzweiflung, Lebensflucht.

Die kalt berechnende Vitellia versucht, von einem gebrochenen Heiratsversprechen Titos enttäuscht, Sesto bei ihren Machtspielen einzuspannen, sie lockt mit kargem Sex und spärlich ausgeschütteter Güte. Serena Farnocchia macht das alles fabelhaft, spielt eine technokratische Karrierefrau ohne Gefühle. Aber genügt das für die beiden riesigen Arien, die Mozart dieser Frau komponiert hat, in der auch ausgiebig von verletzten Gefühlen die Tonrede ist, von einer geschredderten Seele? Farnocchia wahrt auch hier allzu sehr die Contenance.

Milo Rau misstraut der bürgerlichen Kunst und deren Inbegriff, der Oper

Vielleicht aber, und dieser Eindruck lässt sich den ganzen, dreistündigen Abend lang nicht ausblenden, ist Milo Rau einfach zu sehr am Text und seinen eigenen globalen Anti-Diskursen interessiert und zu wenig an der Musik, die doch viel mehr und anderes zu erzählen hat als das, was im Libretto steht. Der politisch agierende Theatermacher Rau misstraut der bürgerlichen Kunst. Oper und klassische Musik aber sind in ihrer ichbezogenen, affirmativen Abstraktion der Inbegriff bürgerlicher Kunst. Es ist verblüffend, dass Rau sich überhaupt auf diese Kunstform einlässt. Doch dieser Widerspruch ist zumindest teilweise produktiv, da Rau den Herrschafts- und Kunstdiskurs in dieser Oper wider die herrschende Meinung radikal als einen Scheindiskurs entlarvt. Kunst ist, das vor allem bleibt verstörend nach diesem Abend haften, ein Mittel der Mächtigen, um einen Großteil der Menschheit von Macht und politischer Teilhabe auszuschließen, sie ist ein wohlfeil zu habendes Opium für das Volk.

Oper und Klassik aber sind auch noch etwas anderes, für das Milo Rau kein Gespür hat, vielleicht will er es auch nicht (wahr)haben. Ganz im Gegensatz zu Anna Goryachova, die - keinem ihrer Mitsänger gelingt an diesem Abend vergleichbar Grandioses - bei allem Kunstaufwand "nur" einen Menschen am Abgrund zeichnet. Ja, das ist altes, überkommenes Identifikationstheater, das ist Oper, wie sie besser nicht gesungen und gespielt werden kann. Dagegen nimmt sich Milo Raus Sozial- und Herrschaftsdiskurs plump und schlicht aus. Der unverbunden nebeneinander gestellte Kontrast völlig unterschiedlicher Ästhetiken aber enthüllt in seiner Janusköpfigkeit zwei entscheidende Seiten des Opernbetriebs. Die Empfindsamkeit des nachaufklärerischen Ichs steht gegen eine Gesellschaft von Rechtlosen, denen noch kein Komponist eine ähnliche Kunstanstrengung gewidmet hat wie dem Aristokraten Sesto. Der Aufstand der Massen, vor einhundert Jahren von Ortega y Gasset elitär skeptisch heraufbeschworen, hat in Genf endlich auch die Oper erreicht. Um zu überleben, wird sie sich wohl wandeln müssen. Auch wenn Milo Rau mehr als skeptisch ist, was die Zukunft der Kunst wie der Menschheit angeht.

Die Genfer Produktion von "La Clemenza di Tito" kann bis zum 28. Februar kostenlos unter www.gtg.ch gesehen werden.

© SZ/c.d.
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