Opern-Kritik "Krieg und Frieden":All die gebrochenen Männer

Opern-Kritik "Krieg und Frieden": Ein strahlendes Wunder: Natascha (Ruzan Mantashyan) inmitten des Elends männlicher Kriege.

Ein strahlendes Wunder: Natascha (Ruzan Mantashyan) inmitten des Elends männlicher Kriege.

(Foto: Carole Parodi)

Bravissima in Genf: Prokofjews Tolstoi-Oper "Krieg und Frieden" wird auf grandiose Weise von Calixto Bieito neu erfunden.

Von Reinhard J. Brembeck

Wenn etwas einem Adelssalon absolut widerspricht, dann ist es die Natur, die Erde. Die Erde, in der die Bäume wurzeln und das Getreide gepflanzt wird von jenen Bauern, die den Ausbeuteradel einst ernährt haben. Also ist es logisch, dass sich der rebellierende und sozial engagierte Adelssohn Andrei in dem von Rebecca Ringst auf die Bühne des Grand Théâtre de Genève gestellten Protzsalon das Hemd aufknöpft und sich mit Erde einschmiert. Es ist ein revolutionärer Akt. Die ihn bewundernde Natascha, Ruzan Mantashyan macht sie zum strahlenden Wunder dieser grandiosen Aufführung, tut es ihm gleich. Ja, die beiden Jungmenschen rebellieren wie heute Greta Thunberg gegen die besitzstandsorientierte und umweltzerstörende Kaste der Alten.

Nur eben schon vor 160 Jahren. Der Sozialrevolutionär, Aussteiger und religiöse Sinnsucher Leo Tolstoi hat das damals in dem Riesenroman "Krieg und Frieden" beschrieben, Sergej Prokofjew hat in den 1940er-Jahren dreizehn Szenen daraus in einer gleichnamigen Dreieinhalb-Stunden-Oper vertont, die jetzt in Genf ihre Schweizer Erstaufführung erlebte.

Sieben Szenen lang bis zur Pause herrscht Frieden. Alejo Pérez dirigiert dezent und klar und immer einleuchtend. Nie bringt er die Sänger in Bedrängnis. Regisseur Calixto Bieito, gern mal in Skandale verliebt, arbeitet subtil die Brüchigkeit des Adelssystems heraus. Alle Sänger, vierzehn große und vierzehn kleine Rollen fordern von jedem Opernhaus schier unendliche Finanzmittel, sind immer auf der Bühne und amüsieren sich in ihrer Sinnlosigkeit zu Tode. Der Theatersalon, in dem sie hier wie die Adeligen in Luis Buñuels thematisch verwandtem Film "Der Würgeengel" eingekerkert sind, meint das Moskauer Bolschoi-Theater.

Aber die Jungen, Andrei und Natascha, wollen raus, wollen das Neue. Er als Mann hat da ganz andere Möglichkeiten als die Frau, die ohne Bildung und Beruf und Sexualaufklärung über die Männerwelt staunt, die ihr, der unbedarften Schönheit, zu Füßen liegt. Ruzan Mantashyan singt mühelos und wundervoll, ihre Stimme ist immer präsent und klar, ihr Auftreten nie divenhaft. Sie singspielt den Reifeprozess der Natascha mit wundervoller Selbstverständlichkeit, sie zeigt eine unbefangene und arglose Frau, die sich natürlich in den rigiden Schönling Andrei verlieben muss, aber danach auch gleich einem Womanizer erliegt. Die Wirrungen der Liebe in Friedenszeiten.

Vor der Pause Liebe - danach: Krieg

Nach der Pause gibt es die Wirrungen des Krieges. Jetzt steht bühnenfüllend der Chor da, und erstmals gibt es ein donnerndes Forte-Fortissimo. Napoleon hat Russland überfallen, und Prokofjew meint in seiner Oper zugleich Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Es kommt zu einem Volksaufstand und Befreiungskrieg gegen die Besatzer. Tolstoi und Prokofjew lassen keine Scheußlichkeit des Krieges aus, die von Anfang an angefressene und mit Stördissonanzen aufgeladene Musik wird härter, kantiger, tödlicher. Der Patriotismus ist deshalb erträglich, erst im großen Schlusschor, der den Befreiergeneral Kutusow und damit auch den Hitler-Bezwinger Stalin feiert, betreibt der sonst raffiniert vielschichtige Prokofjew eine hemmungslos schamlose Anbiederei an das heimische Verbrecherregime. Das hatte er als freiwillig aus dem Exil Heimgekehrter wohl auch nötig, es hat ihm nur nicht allzu viel genützt, weil er als Musiker doch zu komplex vieldeutig für die schlichte Sowjetästhetik war. Dummerweise ist der Komponist dann am gleichen Tag wie der Diktator gestorben.

Dennoch ist Prokofjew ein Meisterwerk gelungen. In dem er sich radikal abkehrt von der sich harmlos unpolitisch in individuellen Befindlichkeiten suhlenden romantischen Oper. Prokofjew, er hat zusammen mit seiner Frau das Libretto selbst geschrieben, bettet die scheiternde Liebesgeschichte ein in die Weltgeschichte. Das ist radikal neu, das verschränkt Individuum und Gesellschaft unauflösbar, das relativiert den Einzelnen, wertet das Kollektiv auf. Alle sind Opfer des Krieges, es gibt nur Tote, Verwundete, Versehrte. Das gerade zu Ende gehende blutige Afghanistan-Abenteuer des Westens bestätigt Tolstois und Prokofjews Düsternis, die sich über allen Patriotismus wölbt.

Alle gehen in die Irre und singspielen grandios. Nataschas Liebster ist bei Björn Bürger ein allzu rigider, aber baritonal strahlender Moralist, Daniel Johansson zeichnet den Sozialdenker und Sinnsucher Pierre (das Alter Ego Tolstois) als auch in der Liebe verpeilten Schwärmer, Aleš Briscein ist ein auftrumpfender Megamachoverführer, Alexander Kravets ein bewegender Gottesnarr, Alexey Lavrov ein ob seiner Glücklosigkeit vor Moskau staunender Napoleon und Dmitry Ulyanov und Alexander Roslavets sind gütige Volksbefreiungshelden, wie sie nur die Legende, aber nicht die Geschichte kennt. Doch Ruzan Mantashyan als die sich zunehmend souverän gegen alles Unglück behauptende Natascha ist die Sonne, um die all diese gebrochenen und Männer kreisen: bravissima!

© SZ/zig
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