bedeckt München -2°

"One Night in Miami" auf Amazon Prime:Fliege an der Wand

Whiskey kann Malcolm X seinen Gästen später nicht anbieten, dafür aber Vanilleeis.

(Foto: Patti Perret/AP)

1964 trafen sich vier Größen der schwarzen US-Kultur, darunter Malcolm X und Muhammad Ali. Ein kluger Film von Regina King spekuliert, worüber sie gesprochen haben könnten.

Von Annett Scheffel

Das Treffen ist historisch belegt. Was sich aber genau am 25. Februar 1964 in einem Hotel in Miami zwischen den vier anwesenden Männern abgespielt hat, was gesagt wurde und was nicht, ob getrunken und gestritten wurde, das alles ist unbekannt - und damit ideale Grundlage für die Fiktion. Noch dazu, weil die Männer überlebensgroße Figuren der afroamerikanischen Kulturgeschichte sind.

Der 25. Februar ist der Abend eines historischen Boxkampfes: Muhammad Ali, der damals unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay antritt, hat gegen Sonny Liston gewonnen und ist frisch gekürter Schwergewichtsweltmeister. Nach dem Kampf lädt Politaktivist Malcolm X, sein Freund und spiritueller Mentor, in sein Hotelzimmer, um den Sieg zu feiern. Dazu kommen Football-Star Jim Brown und Soulsänger Sam Cooke. Vier schwarze Männer, jeder für sich in einem entscheidenden Moment seiner Karriere, und alle gemeinsam in einer entscheidenden Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Die Schauspielerin und Regisseurin Regina King hätte sich einfachere Stoffe für ihr Spielfilmdebüt suchen können als die Geschichte dieses denkwürdigen Treffens, das erzählerisch und visuell durchaus eine Herausforderung darstellt. Sehr viel mehr Handlung, als dass die vier großen Männer in einem kleinen Hotelzimmer sitzen, gibt es nämlich genau genommen nicht. "One Night in Miami", das im September bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, ist eher ein nuanciertes Kammerspiel. Denn obwohl Cooke und Brown einen ausgelassenen Abend und ein paar Drinks erwartet haben, und auch für den Zuschauer erst mal alles danach aussieht, lenkt Malcolm X das Gespräch in Richtung einer ernsthaften politischen Diskussion - und hat statt einem ordentlichen Whiskey für seine Gäste nur Vanilleeis im Hotelkühlschrank. Regina King macht aus diesem imaginären Streitgespräch einen starken, niemals statischen Film, der unterhält und zum Nachdenken anregt, und in dem die politischen und privaten Kämpfe der vier Figuren kollidieren und sich vermischen.

Drehbuchautor Kemp Powers macht aus der historischen Spekulation etwas ganz und gar Lebendiges

Dass der Film trotz seiner Armut an Schauplätzen und Handlung so gelungen ist, liegt an drei Dingen: der klugen Regiearbeit, den exzellenten Darstellern und zuallererst am Autor. "One Night in Miami" ist die Adaption eines Theaterstücks von Kemp Powers, der auch das Drehbuch geschrieben hat, und der gerade als Co-Regisseur von Pixars Animationsfilm "Soul" viel Beifall bekommt. Sein Spezialgebiet sind kluge, kraftvolle Dialoge, die von den Ambivalenzen schwarzer Erfahrung in der amerikanischen Gesellschaft erzählen: von der Resilienz und Lebensfreude, der Zerrissenheit und Frustration und den vielen Zwischentönen. Powers macht aus der historischen Spekulation etwas ganz und gar Lebendiges, weil er die Figuren nicht nur Metaphern, sondern auch Menschen sein lässt.

Kurze Sequenzen am Anfang des Films zeigen persönliche Erfahrungen mit Rassismus: Cassius Clay stellt bei einem Kampf im Vorjahr seine tänzelnde Athletik und fulminante Selbstbeweihräucherung zur Schau. Wie viel er zu beweisen und zu verlieren hat, zeigt eine Szene mit seinem Trainer, der ihn warnt, den Sponsoren werde die Nähe zu Malcolm X nicht gefallen. Letzterer will Clay für die Nation of Islam gewinnen, ist aber selbst gerade schon dabei, sich von deren Führungsfigur, seinem eigenen Mentor Elijah Muhammad, abzuwenden und bespricht mit seiner Ehefrau die Gefahren eines Ausstiegs. Sam Cooke, der damals mit Hits wie "You Send Me" schon riesigen Mainstream-Erfolg hat, wird bei einem Auftritt in einem New Yorker Nachtclub mit der Ablehnung des weißen Publikums konfrontiert. Und Jim Brown besucht in seiner Heimatstadt einen weißen Nachbarn, der erst gastfreundlich und voll des Lobes ist und dann bei einem Glas Limonade auf der Veranda erst abschätzig das N-Wort fallen lässt und ihm dann zu verstehen gibt: Egal wie großartig er ist, über die Türschwelle dürfen hier nur Weiße.

Was muss jeder Einzelne tun im Kampf gegen die repressiven Machtstrukturen der Weißen?

Diese kurzen, scharfsinnig gewählten Einsichten, alle zusammen nur wenige Minuten lang, legen die Grundlage für den folgenden Schlagabtausch im Hotelzimmer, zu dem Clay, Brown, Cooke und X antreten. Vier Männer mit individuellen Biografien und Motivationen, die befreundet sind und viele Gemeinsamkeiten haben (Clay fasst die einmal in seiner prahlerischen Art zusammen: "jung, schwarz, berühmt, rechtschaffen, kompromisslos"), und die sich aus ihren unterschiedlichen Perspektiven heraus gegenseitig genauso wertschätzen wie verurteilen. Über allem schwebt die Frage: Was kann, was muss jeder Einzelne von ihnen tun im Kampf gegen die repressiven Machtstrukturen der Weißen? Vieles von dem, was sie sagen, wirkt mit einigem Nachhall hinein in die Debatten, die das Land bis heute umtreiben: Haben erfolgreiche Schwarze eine politische Verantwortung? Genügt es ökonomisch unabhängig zu sein oder braucht es eine vollumfängliche Revolution?

Regina King, die als Regisseurin einzelner Serienepisoden schon seit Jahren Erfahrung sammelt, versucht gar nicht erst den Bühnenursprung ihres Stoffs zu verbergen: "One Night in Miami" sieht aus wie ein in Breitbild gefilmtes Theaterstück. Dass es trotzdem nie langweilig wird, liegt an kleinen, unaufdringlichen Akzenten an den richtigen Stellen: King nutzt auf spannende Weise das Interieur - Spiegel und Türrahmen - und langsame, fast sanftmütig wirkende Kameraschwenks, um ihre diskutierenden Charaktere zusammenzuhalten oder voneinander abzugrenzen. Vor allem überlässt sie aber ihren fantastischen Schauspielern die große Show. Allen voran Kingsley Ben-Adir mit seiner fokussierten, ruhigen, aber immer leicht nervösen und an den richtigen Stellen leidenschaftlich aufbrausenden Darstellung von Malcolm X. Wenn er seine Freunde einmal anschreit, "unsere Leute sterben jeden Tag auf den Straßen!", dann bekommt der Film eine Wucht, die die Geschichte mit der Gegenwart verbindet.

One Night in Miami, USA 2020 - Regie: Regina King. Buch: Kemp Powers. Kamera: Tami Reiker. Schnitt: Tariq Anwar. Mit: Kingsley Ben-Adir, Eli Goree, Aldis Hodge, Leslie Odom Jr., Joaquina Kalukango, Nicolette Robinson, Beau Bridges. Auf Amazon Prime, 114 Min.

© SZ/khil
Zur SZ-Startseite
Small Axe

BBC-Filmreihe "Small Axe"
:Das Rad des Wandels

Der britische Oscargewinner Steve McQueen hat die Filmreihe "Small Axe" gedreht, über und für seine westindischen Vorfahren - und die Feindseligkeit der weißen Engländer.

Von Philipp Stadelmaier

Lesen Sie mehr zum Thema