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BBC-Filmreihe "Small Axe":Das Rad des Wandels

Small Axe

Protest gegen ein unfaires System: Letitia Wright in "Small Axe: Mangrove" von Steve McQueen.

(Foto: Des Willie/Amazon Prime Video)

Der britische Oscargewinner Steve McQueen hat die Filmreihe "Small Axe" gedreht, über und für seine westindischen Vorfahren - und die Feindseligkeit der weißen Engländer.

Von Philipp Stadelmaier

Eine Hausparty in einem Vorort von London, Anfang der Achtzigerjahre. Mattes Licht, viel Rauch in der Luft, das Wohnzimmer ist rammelvoll. Der DJ spielt "Silly Games", eine 1979 erschienene Single von Janet Kay. Schon morgens sangen die Frauen den Songtext in der Küche, während sie das Essen für die Party zubereiteten; nun tanzen die Jugendlichen dazu, paarweise und engumschlungen. Während sie sich langsam durch den Raum bewegen umkreist die Kamera sie träumerisch, verwebt sie durch Tanz und Musik zu einer Gemeinschaft: Hier feiern die Kinder der ersten Einwanderergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Karibik nach Großbritannien kam - auf Schiffen wie der Empire Windrush, die der "Windrush Generation" ihren Namen gab.

Auch die Eltern des 1969 in London geborenen Filmemachers Steve McQueen stammten von den Westindischen Inseln. Heute ist er einer der wichtigsten britischen Gegenwartskünstler: Für sein Sklavendrama "12 Years a Slave" wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet, die Queen verlieh ihm den Adelstitel. Mit seiner Film-Anthologie "Small Axe" erzählt McQueen nun vom Leben westindischer Migranten in der britischen Diaspora, von 1968 bis in die frühen Achtzigerjahre. Die fünf voneinander unabhängigen Filme mit einer Gesamtlaufzeit von knapp sieben Stunden sind jetzt auf Amazon Prime zu sehen. Entstanden sind sie ursprünglich für die öffentlich rechtliche BBC, da McQueen wollte, dass auch Leute wie seine Mutter sie sehen können.

Allein das zeigt die Dimension dieses Projekts. Es sind Filme über die Community, für die Community. Sie verwalten nicht die Vergangenheit wie eine abstrakte, unpersönliche, fürs Bildungsfernsehen aufbereitete Geschichtsmasse. Sondern hier übernehmen britische Schauspielerinnen und Schauspieler der Gegenwart die Rollen ihrer Vorfahren, deren Erinnerungen sie bewahren, weitertragen. Erinnerungen an bekannte Figuren und Ereignisse - oder an einen ganz gewöhnlichen Tanzabend.

In der Musik drückt sich gemeinsame Herkunft, gemeinsame Erfahrung aus

Vielleicht ist gerade deswegen diese Tanzszene aus "Lovers Rock", der zweiten Episode der Serie, so kraftvoll, berührend und politisch. Sie erinnert nicht nur an ähnlich lange und zärtliche Tänze bei Philippe Garrel und Claire Denis, sondern auch an das Werk des schwarzen britischen Historikers Paul Gilroy, einen Schüler des auf Jamaika geborenen Soziologen Stuart Hall. Für Gilroy spielt Musik bei der Erforschung schwarzer Kultur eine große Rolle, da sie den über den Globus verstreuten Menschen in der Diaspora erlaubt, einen Raum zu finden, in dem gemeinsame Erfahrungen und eine gemeinsame afrikanische Herkunft (sowie deren Hybridisierung mit anderen Kulturen) erkundet werden können. Es ist dieser Raum, den McQueen öffnet, indem er der Bewegung eines Songs folgt: von der Küche auf den Dancefloor im Wohnzimmer. Dann, als der Song vorbei ist, beginnen die Tanzenden selbst zu singen, wiederholen a cappella den Song in voller Länge. Diese Musik ist ihre Musik. Sie eignen sie sich an.

Überhaupt wird in der Serie, deren Titel einem Song von Bob Marley entnommen ist, viel getanzt und gesungen. Im Restaurant und auf der Straße, im Schlafzimmer vor dem Spiegel oder im improvisierten Underground-Club. "For me, it was always about the music", sagt der DJ und spätere Schriftsteller Alex Wheatle (Sheyi Cole), der sich in der nach ihm benannten vierten Episode in den Plattenläden von Brixton mit Reggae eindeckt und darüber eine Beziehung zur Rastakultur aufbaut.

Nachdem mehrere schwarze Jugendliche bei einem Hausbrand sterben, findet sich Wheatle inmitten der Brixton Riots von 1981 wieder, einer von vielen Auseinandersetzungen zwischen schwarzen Demonstranten und der Polizei in der Thatcher-Ära. Marginalisierung und weiße Polizeigewalt ist die zweite Kontinuität, die sich durch die fünf Episoden zieht, wie auch der zornige Widerstand dagegen. In Marleys Song ist es die "kleine Axt", die den "großen Baum" schließlich zu Fall bringt.

Besonders kämpferisch ist der fast zweistündige Pilotfilm "Mangrove", der ursprünglich letztes Jahr gemeinsam mit "Lovers Rock" auf dem abgesagten Filmfestival von Cannes laufen sollte und dem von amerikanischen Polizisten ermordeten George Floyd gewidmet ist. Der in Trinidad geborene Frank Crichlow (Shaun Parkes) eröffnet 1968 in Notting Hill ein Restaurant, das "Mangrove", das zum Treffpunkt für die westindische Community und die örtliche Black-Panther-Gruppe um die charismatische Altheia Jones-LeCointe (Letitia Wright) avanciert.

Ein weißer Polizist überzieht das Lokal mit Razzien, zertrümmert die Einrichtung, verprügelt die Gäste. Von ihrer ersten Begegnung an wehrt sich Crichlow: Er sei ein Bürger und zahle seine Steuern wie jeder andere auch. Warum kann er seinem Leben nicht genauso nachgehen wie die weiße Bevölkerung? Der Restaurantbesitzer versteht sich, bei aller Sympathie mit den Panthers, nicht als "politisch" und wird doch automatisch politisiert, als Teil einer schikanierten Gruppe, deren Anführer wiederum fest in dieser verwurzelt sind.

Small Axe

John Boyega spielt einen Polizisten in "Small Axe: Red, White and Blue".

(Foto: Amazon Prime Video)

So wird er nach einer Demonstration gegen Polizeiwillkür gemeinsam mit acht anderen Aktivistinnen und Aktivisten als Aufrührer vor Gericht gestellt. Der folgende historische Prozess gegen die "Mangrove Nine" macht deutlich, dass die Community kaum auf die Hilfe von staatlichen Institutionen zählen kann, zumal selbst solidarische weiße Anwälte dazu tendieren, ihre eigenen Privilegien zu ignorieren. "Wenn Sie von der Polizei angehalten werden": Dieser Halbsatz des Advokaten, formuliert im Konditional, wird von den schwarzen Männern erst nicht verstanden. Das "Wenn" hat für sie eine rein temporale Bedeutung, denn angehalten werden sie jedes Mal. Und was auch immer sie nach Ansicht des Juristen dann am besten sagen sollten: Sobald sie den Mund aufmachen, gelten sie als Angreifer und sind erledigt.

Zum ersten Mal muss ein Richter Diskriminierung wegen der Hautfarbe diskutieren

Also müssen sie sich selbst vor Gericht vertreten, das System herausfordern, seine rassistische Grundierung aufzeigen. Zum ersten Mal muss ein Richter den diskriminierenden Faktor Hautfarbe diskutieren, auch wenn das Gesetz formal die Gleichbehandlung aller voraussetzt. In einem Höhepunkt der Episode nimmt einer der Aktivsten, Darcus Howe (Malachi Kirby), den rassistischen Cop im Zeugenstand auseinander, anhand eines quadratischen Sichtschlitzes, durch den der Cop mit zwei Kollegen die Demonstranten beobachtet haben soll (was sich als unmöglich erweist). Diesen Rahmen zitiert McQueen in der Serie immer wieder, als Blick der Kamera durch die Frontschutzscheibe von Polizeiwagen - ein filmgewordenes "Framing" der Schwarzen, festgezurrt auf ihren Status als überwach- und drangsalierbare Objekte.

Wie kann dieser Blick verändert werden? Indem man als schwarzer Mann selbst in die Polizei eintritt, so wie der von John Boyega gespielte Leroy Logan im dritten Film, um das System "von innen heraus zu verändern". Ein schwieriges Unterfangen, da er nicht nur von seinen eigenen Kollegen angefeindet wird, sondern auch, als "Verräter", von der eigenen Familie. Widerstand und Veränderung, so die Botschaft der letzten beiden Episoden, kann es außerdem ohne entsprechende Bildung nicht geben. Ein Waise und ein Schüler werden zu Opfern des britischen Erziehungs- und Schulsystems, das systematisch die Marginalisierung und Demütigung nicht-weißer Kinder betreibt. Ein Rastafari und zwei Aktivistinnen machen sie wieder mit ihrer eigenen Geschichte vertraut: mit dem antikolonialen Widerstand auf Haiti, der Geschichte Afrikas vor der Sklaverei.

Diese rettende "Schwarze Geschichte" ist jedoch nirgendwo auf- oder vorgeschrieben. Sie entsteht aus dem Alltag, der Musik, den Praktiken politischen Widerstands und politischer (Selbst)Bildung. Sie muss gefilmt und geformt, hergestellt werden aus kleinen Details. Ein nach der Polizeirazzia zu Boden gefallenes Nudelsieb schaukelt noch lange nach dem Aufprall auf dem Küchenboden, ein in Zwangsjacke gestecktes Kind liegt starr in einer Turnhalle, während die Kamera auf es zu- und wieder von ihm wegfährt. Immer wieder gibt es diese Verlangsamungen, diese Momente der Meditation, in der die Immobilisierung durch ein weißes Gewaltregime von der Kamera in Widerstand, der Schmerz in Energie und Wut verwandelt wird.

"Das Rad des Wandels dreht sich langsam", erklärt der Vater des schwarzen Cops. Es ist dieser langsame Wandel, der die ersten Einwanderer und ihre Nachkommen mit den Schauspielern von heute verbindet, und den McQueen grandios porträtiert.

Small Axe, GB 2020 - Regie: Steve McQueen. Buch: McQueen, Alastair Siddons, Courttia Newland. Kamera: Shabier Kirchner. Mit Shaun Parkes, Letitia Wright, Malachi Kirby, Michael Ward, John Boyega, Sheyi Cole u.a. Auf Amazon Prime. Fünf Filme, insgesamt 406 Minuten.

© SZ/kni
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