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Olga Tokarczuk:Metaphysische Lieblingspolin

Als Jugendliche fing sie an zu schreiben, war aber mit den Resultaten nicht zufrieden. Jetzt wurde Olga Tokarczuk der Nobelpreis verliehen.

(Foto: AFP)
  • Die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk begeistert mit polnischen Legenden und Mythen ihre Leserschaft - auch im deutsch- und englischsprachigen Raum.
  • Die rechtskonservative Regierung in Polen dürfte über ihre Auszeichnung, kurz vor den dortigen Wahlen, nur bedingt erfreut sein.
  • Auch wenn ihr Werk eher unpolitisch ist, engagierte sich Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion einer linken Zeitschrift an.

Wollte die Stockholmer Akademie ein politisches Zeichen setzen, als sie Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete? So wie 1980, als Czesław Miłosz den Preis bekam, der sich vom idealistischen Jungkommunisten zum pointierten Regimegegner gewandelt hatte, der ins Exil gegangen war und dessen Werke deshalb in der Volksrepublik Polen auf der schwarzen Liste der Zensur gestanden hatten. Im Sommer 1980 war die Gewerkschaft Solidarność gegründet worden, die Auszeichnung für den damals international völlig unbekannten Miłosz wurde als Unterstützung für die polnische Demokratiebewegung interpretiert. Wie vor 38 Jahren der fein ziselierende Exildichter, so steht auch Olga Tokarczuk heute in klarer Opposition zu den in Warschau Regierenden. Hinzu kommt, dass die Verleihung des Preises an sie drei Tage vor den Parlamentswahlen in Polen bekannt gegeben wurde.

Doch spricht eigentlich wenig dafür, dass die Stockholmer Akademie in ihrem Fall so unmittelbar politisch gedacht hat, im Gegenteil: Ihr Name stand schon lange auf der Favoritenliste der Buchmacher, und das Werk der Lieblingspolin der deutsch- und englischsprachigen Leser ist frei von unmittelbaren politischen Bezügen, was sich über Czesław Miłosz seinerzeit nicht sagen ließ.

Literatur Olga Tokarczuk und Peter Handke erhalten Literaturnobelpreise
Nobelpreise 2019

Olga Tokarczuk und Peter Handke erhalten Literaturnobelpreise

Nachdem der Preis im Vorjahr ausgesetzt worden war, vergibt die Schwedische Akademie in diesem Jahr zwei Auszeichnungen. Sie gehen an die polnische Autorin Olga Tokarczuk (2018) und den Österreicher Peter Handke (2019).

Doch sicher ist, dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Dreadlocks und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. Sie zieht sich burschikos an und trägt ihre Dinge in einem Rucksack. Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben.

Dem nationalkonservativen Kulturminister Piotr Gliński war der säuerliche Unterton anzuhören, als er verkündete, er freue sich über diese Ehre für die polnische Kultur. Es war ein Zufall, dass Gliński zwei Tage zuvor in einem Radiointerview gefragt wurde, welche der Werke der international bekanntesten polnischen Schriftstellerin er gelesen hat. Er musste passen, er habe nur einige Bücher angefangen, aber keines zu Ende gelesen, die Lektüre sei ihm nicht leichtgefallen. Damit unterschied er sich von den meisten Literaturkritikern, sie bescheinigen Olga Tokarczuk eine klare, fast einfache Sprache, die dennoch einen Sog auf die Leser ausübe und sie in die Schilderungen ihrer Bücher buchstäblich hineinziehe.

Sie fing als Jugendliche an zu schreiben, war aber mit den Ergebnissen nicht zufrieden

Ein Sprecher der Regierungspartei PiS konnte immerhin auf ein drei Jahre zurückliegendes Interview mit Parteichef Jarosław Kaczyński verweisen. Darin hatte dieser erklärt, dass er mit großem Interesse Bücher Tokarczuks lese. In fast allen ihren Bücher verbinden sich realistische Schilderungen mit Exkursen zu Mythen und Legenden sowie fantastischen Episoden. Manche ihrer Helden haben seherische Fähigkeiten oder übermenschliche Kräfte. Überdies spiegelt ihr Werk ihre eigene Lebenswelt wider.

Olga Tokarczuk ist in einem Dorf in Niederschlesien geboren, hat dann als Jugendliche an anderen Orten der Region gelebt. Nach ihrem Psychologiestudium in Warschau, während dessen sie auch ein langes Praktikum in einem Heim für verhaltensgestörte Jugendliche absolvierte, arbeitete sie in einer psychotherapeutischen Praxis des öffentlichen Gesundheitsdienstes in der heruntergekommenen niederschlesischen Bergarbeiterstadt Wałbrzych. Sie sieht sich in der Tradition des Schweizer Psychoanalytikers Carl Gustav Jung und widerspricht nicht, wenn man ihren Büchern unterstellt, ebenfalls von dessen Denken beeinflusst zu sein.

Zur Literatur kam sie auf Umwegen. Zwar war sie in einem Haus voller Bücher aufgewachsen: Die Mutter war Polonistin, der Vater Bibliothekar. Sie las als Jugendliche die Klassiker nicht nur der polnischen, sondern der Weltliteratur und fing auch selbst an, heimlich zu schreiben, war jedoch mit den Ergebnissen nicht zufrieden.

Sie hätte sich schämen müssen, hätte sie ihre ersten Versuche anderen zu lesen gegeben, bekannte Olga Tokarczuk später. Der Knoten platzte, als sie Ende der achtziger Jahre, wie so viele ihrer Landsleute, in den Westen ging, um Geld zu verdienen. Sie kam nach London, hatte einige körperlich harte Jobs und floh aus diesem unerfreulichen Alltag, indem sie abends Gedichte schrieb. Nun traute sie sich, diese an die Redaktion einer Zeitschrift zu schicken, und diese veröffentlichte sie unter dem Titel "Städte in Spiegeln" im Wendejahr 1989 in einer Literaturbeilage. Zurück in Schlesien stürzte Tokarczuk sich in die Organisation von Literaturfestivals auf lokaler Ebene. Diese erlebten in den ersten Jahren nach der Wende einen wahren Boom, es war ein Beitrag, die zentralisierten, bürokratischen Strukturen des Kulturbetriebs zu überwinden. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten zog sie in das Dorf Krajanów am Rande der Berge um die alte Grafschaft Glatz (heute: Kłodzko) und gründete dort einen kleinen Literaturverlag.

Heute pendelt Olga Tokarczuk zwischen der Abgeschiedenheit im Dorf am Rande eines großen Naturschutzgebietes und der großartig renovierten schlesischen Metropole Breslau mit ihren 120 Brücken über die Stadtkanäle und zwischen den dicht bebauten Inseln in der Oder. Man weiß, dass sie mit ihrem damaligen Lebensgefährten einen Sohn hat, der heute 33 Jahre alt ist. Doch sonst gibt sie über ihr Privatleben keine Auskunft, abgesehen davon, dass sie auf dem Dorf mehrere Haustiere hält.

Ihr Debütroman "Reise der Buchmenschen" von 1993 machte sie schlagartig in den Literaturzirkeln Polens bekannt. Im Frankreich der Aufklärung versucht ein junges Liebespaar, in Büchern die Geheimnisse der gegenseitigen Anziehungskraft und Hingabe zu ergründen.

Tokarczuk widersprach dem romantischen Selbstbild der Polen

Olga Tolarczuk gehört zu den polnischen Schriftstellern, die sich von Anfang an auch mit dem deutschen Kulturerbe der Oder-Neiße-Gebiete, die nach dem Krieg unter polnische Hoheit kamen, auseinandergesetzt hat. Sie sieht die deutschen Spuren auch als Teil der Identität der heute dort lebenden Menschen an, die sich dem Genius Loci nicht entziehen können und wollen. Einer ihrer frühen Roman, "E. E.", ist ganz diesem Thema gewidmet: Das Kürzel steht für den Namen Erna Eltzner. Es handelt sich um eine junge Frau im noch deutschen Breslau während der Weimarer Republik; sie entwickelt parapsychische Fähigkeiten, verliert diese aber wieder. In späteren Werken verarbeitet sie vielerlei Versatzstücke aus Erzählungen und Legender, die noch aus der deutschen Zeit stammen. Sie hat viel Material dazu gesammelt, Bücher, Bilder, alte Stiche, sie hat Antiquariate abgeklappert, um für sich die Vergangenheit ihres Lebensraums zu erschließen.

Der internationale Durchbruch gelang Olga Tokarczuk mit "Ur und andere Zeiten" (1996). Der Roman spielt in einem fiktiven Dorf in Ostpolen und erstreckt sich vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. In dem Dorf leben allerlei bizarre Menschen, jeder mit seiner eigenen Fantasiewelt. Beschützt werden sie von den vier biblischen Erzengeln, aus deren Perspektive auch das Geschehen geschildert wird, die Freuden und Leiden, die Solidarität der Menschen untereinander, aber auch Intrigen und andere Hässlichkeiten. Die Handlung hat märchenhafte Züge, die Sprache lehnt sich über weite Strecken an den Stil alter osteuropäischer Märchen an.

Zu einem Epos von mehr als tausend Seiten wuchs sich der Roman "Die Jakobsbücher" aus, in dem sie in längeren Passagen das Leben im jüdischen Stetl in der heutigen Westukraine, die damals zum Königreich Polen gehörte, wiederentstehen ließ. Der Protagonist ist Jakob Frank, der Anführer einer mystischen Bewegung im 18. Jahrhundert, der wiederholt das Bekenntnis wechselte und rastlos von einem Ort zum anderen zog. In Polen rief der Roman eine Kontroverse hervor. Denn er idealisiert das Leben der Juden dort nicht, er schildert ihre Diskriminierung, Isolierung, Ungerechtigkeiten. Damit widerspricht Tokarczuk dem romantischen Selbstbild der konservativen Polen, wie es etwa in den Historienromanen des Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz zum Ausdruck kommt. Sienkiewicz hatte in seiner Romantrilogie über die Kämpfe der Polen gegen die Schweden, ukrainischen Kosaken und die Türken die polnische Adelsdemokratie als tolerante Gesellschaft mit einem friedlichen Nebeneinander der Völker und Religionen beschrieben. Kritiker nannten den Roman Tokarczuks einen "Anti-Sienkiewicz". Die Stockholmer Akademie führte in ihrer Begründung für den Nobelpreis ausdrücklich diesen umfangreichen Roman auf.

Mit einem anderen ihrer großen persönlichen Anliegen setzt sie sich in dem Roman "Der Gesang der Fledermäuse" auseinander. Vordergründig handelt es sich um einen Kriminalroman, die Protagonistin ist eine skurrile Amateurdetektivin, die sich der Astrologie hingegeben hat, sie stellt Überlegungen über das Weltall, Sternbilder und den Einfluss von Namen auf das Schicksal von Menschen an. Er kreist um die Frage von Tierrechten, sogar die Seele von Tieren und rührt somit auch an Debatten, die heute aktuell sind. Tieren, die von Jägern gejagt werden, unterstellt die Protagonistin Rachegefühle und Taktiken, diese zu befriedigen.

Von ihrer Auszeichnung hat Olga Tokarczuk auf dem Weg zu einem Autorenabend auf der deutschen Autobahn erfahren. Sie schilderte der Gazeta Wyborcza, dass sie erst einmal auf den nächsten Parkplatz gefahren sei, um tief durchzuatmen. Sie habe damit nicht gerechnet. Für den Abend war eine Lesung in Bielefeld angesetzt, der Stadt, die es nach vielen Legenden nicht gibt.

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