Bayreuths erste Dirigentin:Erfüllte Träume

Oksana Lyniv Bayreuth Dirigentin

Oksana Lyniv, die in Bayreuth diesen Sonntag als erste Frau dirigieren wird.

(Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif)

Oksana Lyniv dirigiert als erste Frau bei den Bayreuther Festspielen, die sie am Sonntag mit dem "Fliegenden Holländer" eröffnet. Oksana wer? Ein Porträt.

Von Egbert Tholl

Während man in Bayreuth den Hügel zum Festspielhaus hochläuft, fragt man sich ein letztes Mal, ob man hier wäre, wenn man gleich einen Dirigenten träfe. Aber man trifft ja eine Dirigentin. Oksana Lyniv, geboren 1978 in Brody in der Ukraine, ist die erste Frau, die bei den Bayreuther Festspielen dirigieren wird. Zudem die Eröffnungspremiere an diesem Sonntag, den "Fliegenden Holländer". Für konservativ denkende Menschen ist dies eine Götterdämmerung der letzten Männerdomäne.

Natürlich weiß Oksana Lyniv um die Aufmerksamkeit, die sie mit ihrem Bayreuth-Debüt erregt, einfach deshalb, weil sie eine Frau ist. Deshalb ist sie froh, dass man sie im Bayreuther Graben während der Arbeit nicht sehen kann. "Es geht nicht darum, was ich anhabe, wie ich schlage, es geht nur darum, ob es funktioniert oder nicht, ums Hören allein." Zumindest im Moment der Aufführung. Wenn man ihr sagt, man habe sie einmal beobachtet, wie sie bei einem Gastspiel der Bayerischen Staatsoper in Paris die Bühnenmusik dirigierte und sei hingerissen gewesen von der Eleganz ihrer Bewegungen, sagt sie nur: "Nein, nein."

Nach eineinhalb Stunden wird dieses Gespräch an die frische Luft verlegt, ein Fotograf will Aufnahmen von ihr vor dem Festspielhaus machen. Auf dem Weg dorthin wundert sie sich: "Pietari Inkinen, der dieses Jahr die ,Walküre' dirigiert, ist zwei Jahre jünger als ich. Und was ist bei dem los? Nichts." Bei ihr ist viel los, das fing auch schon früh an, als sie mal von männlichen Dirigierkollegen gefragt wurde, was das denn solle und ob sie das brauche, dieses Dirigieren. Die Musiker haben das nie gefragt. Dabei war das ohnehin zunächst nicht ihre Idee gewesen, sondern die ihrer Kollegen und Dozenten an der Musikakademie in Lwiw (früher: Lemberg), die sie fragten, ob sie nicht Dirigentin werden wolle. Da war sie 18 und der festen Meinung, Dirigieren sei wie das Militär nur etwas für Männer. Doch bald wusste sie: "Ich wollte nicht nur singen oder spielen, ich wollte die ganz großen Formen wie ein Architekt bauen, eine Synthese schaffen. Es geht beim Dirigieren auch um Philosophie, Literatur, Bedeutung, Geschichte."

Fragt man Oksana Lyniv nach ihrer Kindheit in Brody, sagt sie als erstes Wort: "Freiheit".

Joseph Roth, der Romancier untergegangener österreichischer Herrlichkeit und der Eigentümlichkeit ostgalizischen Lebens, beschrieb seine Heimatstadt Brody einmal anhand dessen, was es dort nicht gibt: kein Theater, kein Kino, kein Café. Und keinen Vergleich zum 130 Kilometer entfernten Lemberg, der K&K-Kulturmetropole.

Fragt man Oksana Lyniv nach ihrer Kindheit in Brody, sagt sie als erstes Wort: "Freiheit". Die Eltern hatten ein eigenes Haus, das letzte in der Straße. Auf der einen Seite war ein Weizenfeld, dahinter ein Birkenwald, auf der anderen Seite wuchsen Fichten, vor dem Haus war ein großer Garten. Im Haus drei Generationen und viel Musik.

Es gibt in Brody vier Grundschulen und eine Musikschule. An dieser unterrichteten die Eltern, der Vater leitete einen Chor wie zuvor in einem Dorf in den Karpaten. "Das ist noch härter, wilder." Neben der Musik liebte der Vater, wie heute noch, die Arbeit in der Erde: "Um fünf in der Früh auf dem Feld, das ist für ihn wie ein Gebet." Manchmal weckte er Oksana, sie sammelten im Wald Pilze und Beeren. Als der Rest des Hauses erwachte, hatte sie schon "was Frisches zum Frühstück auf dem Tisch". In der Sowjetzeit waren Lehrer unterbezahlt. Jetzt ist es noch schlimmer, der eigene Garten umso wichtiger. Nun aber, wo die Kinder aus dem Haus sind, wissen die Eltern nicht mehr, wohin mit dem ganzen Obst.

Oksana lief alles zu Fuß, drei Kilometer zur Schule und drei zurück. Und zu den Chorproben. Irgendwann gründete der Vater ein Familienensemble, Vater, Mutter, Tante, Cousins, Bruder. Sie tourten, bis nach Kiew sind sie gekommen, mit vom Vater arrangierter Volksmusik und ukrainischen Kunstliedern. Oksana spielte die Sopilka, die ukrainische Flöte, einmal hatten sie einen Auftritt in Fernsehen: "Der nächste Tag in der Schule war peinlich."

Die Familie hatte kleine Ersparnisse, aber mit dem Ende der Sowjetzeit war schlagartig alles weg. "Da hatte gerade meine Studienzeit begonnen. Ich hatte oft kein Taschengeld, kein Geld für die Zugfahrt." Das Musikcollege, so nennt sie die Schule, war in Lwiw. Oksana Lyniv wurde selbständig, fing mit 16 neben dem Studium an zu arbeiten, als Korrepetitorin und Souffleuse in der Oper in Lwiw, so lernte sie auch Repertoire kennen. Der Vater ging für zweieinhalb Jahre zum Geldverdienen nach Portugal, fragte sie in Briefen, was sie haben wolle. Ihr Traum war ein CD-Spieler. Der erfüllte sich. Ihre erste CD war eine Aufnahme der "Walküre" unter Georg Solti.

"Mein Problem ist: Ich kann nicht aus Intuition, aus einer Laune heraus ein Werk erarbeiten. Ich muss möglichst nah an den Komponisten, seine Zeit, die Epoche kommen."

Sie wurde Assistentin des Opernchefs in Lwiw, dann kam ihre erste Auslandsreise, 2004 zum Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb nach Bamberg. Lyniv sprach kein Wort Deutsch, schlecht Englisch, machte den dritten Platz und wurde für ein halbes Jahr Assistentin von Jonathan Nott, dem Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker.

Auf die Frage, wie sie sich auf den "Fliegenden Holländer" vorbereitet habe, knallt sie rund zehn Kilo Partitur inklusive des kritischen Berichts auf den Tisch. Dann verschwindet sie ins Nebenzimmer und kommt mit einem Bücherstapel zurück. Aber erst einmal die Partitur, die in zwei Versionen vorliegt, der Urfassung von 1841, und einer zweiten, entstanden zwischen 1842 bis 1880. Lyniv trägt in die Partitur, mit der sie arbeitet, ein, wie bestimmte Stellen in der Urfassung waren. In Takt 267 steht in der ersten Fassung ein Piano mit Akzent, in der zweiten ein Pianissimo subito. "Man sieht, in welche Richtung Wagner arbeitete. Wurde er schneller, langsamer?" Sie findet es auch spannend, dass Wagner am Werk weiterarbeitete, als er es bereits in Dresden einstudierte. Er verlegte die Handlung von der schottischen an die norwegische Küste, aus Donald wurde Daland, aus Georg wurde Erik.

Gut, das weiß man. Dass auf dem Bücherstapel Heine liegt, der den Mythos aufschrieb, ist auch naheliegend, Wagnertagebücher, Briefe, Wagners Instrumente. Aber Max Graf? Der gehörte zum Kreis von Sigmund Freud und schrieb auf der Grundlage des "Holländers" eine Analyse Wagners. "Mein Problem ist: Ich kann nicht aus Intuition, aus einer Laune heraus ein Werk erarbeiten. Ich muss möglichst nah an den Komponisten, seine Zeit, die Epoche kommen."

Am College in Lwiw gab es zwar viele Bücher, aber sie stammten aus der Sowjetzeit. Partituren auf Russisch, kaum ein Wort über historische Aufführungspraxis. Also beschloss sie in Bamberg, sie müsse Deutsch lernen, brachte es sich in einem halben Jahre selbst bei, durchwühlte die Bibliotheken, ging nach Dresden zum Aufbau- und Meisterklassen-Studium. "Es war meine goldene Zeit!" Endlich die Musik live zu hören, die sie nur aus Noten und von alten Schallplatten her kannte. In Lwiw gab es in der Oper vor allem Giuseppe Verdi, in Dresden die Semperoper.

Schon beim Wettbewerb in Bamberg wurde sie von Agenten angesprochen, da wusste sie gar nicht, was die wollten. Eine Visitenkarte hatte sie ohnehin nicht, die von den Agenten verlor sie. Als sie dies einmal ihrem Dirigentenkollegen Kirill Petrenko erzählte, hat der sehr darüber gelacht. Den Job bei ihm hat sie noch ohne Agentin bekommen. Ein Anruf, und sie ging an die Bayerische Staatsoper als Petrenkos Assistentin.

Oksana Lyniv würde nie ein Gastspiel in Russland annehmen. "Die Annexion der Krim bleibt eine illegitime Aktion gegen die Souveränität unseres Landes."

Den "Fliegenden Holländer" dirigierte sie 2017 in Barcelona, worüber sie nun sehr froh ist, schließlich weiß sie so, wie das Stück funktioniert. Von München ging sie als Chefdirigentin nach Graz, und dort wurde Bayreuths Intendantin Katharina Wagner auf sie aufmerksam. Nach drei Jahren gab Lyniv die feste Stelle ab. Wie das Verhältnis zu ihrer Intendantin Nora Schmid war, die 2024 die Semperoper übernimmt, kann man vielleicht am besten entlang einer Geschichte mutmaßen: Vor dem ersten Lockdown erarbeitete Oksana Lyniv in Graz Mieczysław Weinbergs Holocaust-Oper "Die Passagierin". Fünfzehn Orchesterproben inklusive Generalprobe, eine CD-Aufnahme war geplant, dann kam der Lockdown. Als die Produktion im September herauskam, dirigierte nicht Lyniv, sondern der inzwischen neue Chef übernahm die fertig einstudierte Aufführung. Der Orchestervorstand aber habe sie gewollt, erzählt sie.

Schon nach den vier Jahren bei Petrenko musste sie keine Angst mehr vor Bayreuth haben. Er lud sie ein, als er den "Ring des Nibelungen" dirigierte, sie saß im Graben. Die Akustik dort ist vertrackt, es gibt eine Verzögerung zwischen Musik und Gesang, mit der Kapellmeister offenbar besser zurechtkommen als Dirigenten mit genialem Selbstverständnis.

Und sie hat die Kapellmeisterei gründlich erlernt. In München führte sie das zweite Orchester parallel zu Petrenkos Dirigat bei Zimmermanns "Soldaten", fuhr mit dem Orchester auf einem Podium durch die Reithalle bei Boris Blachers "Die Flut" und synchronisierte in der Produktion "Judith" Béla Bartóks "Konzert für Orchester" live zu einem Stummfilm. Man kann vermuten, dass sie auch mit einer akustischen Verzögerung zurechtkommt. Außerdem scheint sie den Bayreuther Graben ganz lustig zu finden: "Aber ich weiß noch nicht, wie es draußen klingt. Die gaben mir Aufnahmen von der Bühnenorchesterprobe, die höre ich mir nachher an."

Vor fünf Jahren gründete Lyniv in Lwiw ein Jugendorchester und das Festival "Lviv MozArt". Sie hatte entdeckt, dass Franz Xaver Mozart, der jüngste Sohn von Wolfgang Amadeus, lange in Lemberg als Musiker gewirkt hatte. Franz Xaver war gut vernetzt, mit Robert Schumann befreundet, ebnete Frédéric Chopin den Weg nach Wien, publizierte Franz Schuberts Sinfonien. Und wurde somit ein Teil der langen musikalischen Tradition der Region, die sie wieder aufleben lässt.

"Moskau", erklärt Lyniv, "hatte immer Angst vor Lemberg, hier gab es eine starke antikommunistische Strömung." Die Sowjets kamen 1939, da wusste man schon von Hungersnot und Stalins Terror. 2019 gedachte Lyniv der kulturellen Tradition und führte in der Ruine der einst prachtvollen Synagoge von Brody Leonard Bernsteins Kaddisch-Symphonie auf. Bernsteins Vater kam aus Riwne, 100 Kilometer von Brody entfernt. Oksana Lyniv würde zudem nie ein Gastspiel in Russland annehmen. "Die Annexion der Krim bleibt eine illegitime Aktion gegen die Souveränität unseres Landes."

© SZ/RJB
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