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NS-Vergangenheit von SZ-Mitgründer Schöningh:Schöningh mochte die Nazis nicht

"Ich habe die vielen falschen Angaben in den Fragebögen gesehen", sagt von Harbou, "die Schöningh für die Alliierten ausgefüllt hat, voller Auslassungen und Lügen. Er hat seine Rolle systematisch kleiner gemacht als sie war." So sagte er als Entlastungszeuge aus im Verfahren gegen den früheren Bürgermeister von Trembowla wegen Mordes an Juden: "Das Zusammentreiben sei so plötzlich und geheim vor sich gegangen, dass nur Eingeweihte davon hätten wissen können. Nicht einmal die Kreishauptmannschaft habe davon gewusst." Eine Lüge.

Gewiss war Schöningh kein Henker. Er mochte die Nazis nicht. In Tarnopol hat er sogar einzelnen Juden geholfen, auch das gehört zu dieser Geschichte, so düster sie ist. Dem jüdischen Ehepaar Bronner verhalfen Mogens von Harbou und er sogar zur Flucht. "Aber er konnte die Schüsse im Ghetto hören", sagt von Harbou, "vom Fenster des Amtes waren die Juden zu sehen, die durch die Straßen getrieben wurden."

Bei Deportationen hatte das Amt logistisch zu helfen, es ließ Straßen absperren, organisierte den Betrieb am Bahnhof, seine Arbeiter hoben die Gruben aus, der Vizechef selbst ließ Juden umsiedeln - alles für den Massenmord. Die Kreishauptmänner geboten dafür über Behörden wie die Innere Verwaltung und sogar paramilitärische Kräfte. Schöningh, schreibt Knud von Harbou, "hatte Einblick in alle politischen und verwaltungsmäßigen Vorgänge der Kreishauptmannschaft".

Berthold Beitz, der heute 99-jährige Vorsitzende der Krupp-Stiftung in Essen, war zur selben Zeit verantwortlich für die Ölförderung in Boryslaw, nicht weit von Tarnopol. Er nutzte seine Schlüsselstellung, um Hunderte Juden als angeblich unabkömmliche Rüstungsarbeiter zu retten. Später sagte er: "Ich war allein. Ganz allein." Für die anderen Deutschen, gerade in der Zivilverwaltung, war er ein Verräter, ein "Begünstiger von Juden", als welchen sie ihn bei der Gestapo denunzierten.

Für die Familie des 1960 verstorbenen Schöningh waren die Erkenntnisse ein herber Schlag. Die Enkel Maria-Theresia, Lorenz und Rupert von Seidlein schreiben als Herausgeber des Buchs im Vorwort: "So kam es, dass wir fassungslos vor Knud von Harbou saßen, als er uns berichtete, dass unser Großvater von Anfang 1942 bis 1944 in Galizien der Stellvertreters seines Vaters Mogens von Harbou war." Sie berichten von "emotionalen Gesprächen", in denen sie sich zu erklären versuchten, "was er gewusst haben muss, inwieweit er auch zum Mittäter wurde und warum er sich dem nicht entzogen hat". Der Großvater hat ihnen das nicht erzählt. Das Schweigen, die große Lüge so vieler aus der Kriegsgeneration betraf auch Familien, in denen, wie die Enkel schreiben, "die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einen außergewöhnlich hohen Stellenwert hatte".

Auch für die Süddeutsche Zeitung ist diese Studie sehr unerfreulich. Sie hat sich durch die Jahrzehnte wenig um die Vorgeschichten ihrer Gründergeneration gekümmert. Im Sommer 1945 hatten die Amerikaner Probleme, überhaupt Unbelastete für die neue, der Demokratie verpflichteten Zeitung zu finden. Zu den Gründern gehörte neben August Schwingenstein und Edmund Goldschagg auch Schöningh. Um die Lizenz zu bekommen, schrieb er für die alliierten Militärbehörden einen Bericht über seine Kriegszeit, in der er angab, seine Stelle in Tarnopol "hatte auf die Behandlung der Juden überhaupt keinen Einfluss mehr". Er habe dem "Massenwahn" zusehen müssen, "ohne eine Hand rühren zu können".

1951 besuchte der Landesrabbiner in München, Aaron Ohrenstein, die SZ. Er hatte in Tarnopol seine Angehörigen verloren. Von Harbou schreibt: "Schöningh erkannte ihn zunächst nicht, erst als sich Ohrenstein vorstellte, ,wir kennen uns doch aus Tarnopol, Herr Dr. Schöningh', erblasste dieser." Er beruhigte dann, wie später der legendäre Redakteur Ernst Müller-Meiningen berichtete, die Kollegenschaft: In Tarnopol habe er sich in den Wäldern und Jagdgründen "auf Zeit aus der Weltgeschichte verabschiedet".

Eine traurige Pointe: Schöningh war Miterfinder des "Streiflichts" als "Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften". Damals freilich war die Kolumne auch eine politische Leitglosse, Schöningh selber nutzte sie mehrfach, um das deutsche Volk von der "Kollektivschuld" freizusprechen und eine Art Kollektivunschuld zu verkünden: "So wurde ein Volk zur Schlachtbank geführt, das wie jedes andere nur den Frieden gewünscht hätte, wenn man es nicht grenzenlos belogen hätte." (1948). Das Volk der Juden, das auch mit seiner Hilfe zur Schlachtbank geführt wurde, erwähnte er in seinen Texten kaum.

© SZ vom 06.03.2013/mkoh
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