Süddeutsche Zeitung

NS-Vergangenheit von SZ-Mitgründer Schöningh:Große Lüge der grauen Männer

Er war Spross einer bekannten Verlegerfamilie, Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung und während des Zweiten Weltkrieges Mitglied der Zivilverwaltung im Generalgouvernement Polen: Franz Josef Schöningh. Nun erscheint eine Biografie mit neuen Details zu Schöninghs Rolle in der NS-Zeit.

Von Joachim Käppner

Am Anfang stehen unscharfe Bilder, frühe Szenen, und es sind keine guten. Sie lassen an die kleinen grauen Herren denken, die Zeitdiebe aus Michael Endes Buch "Momo". In der Schwabinger Wohnung, die Lili von Harbou mit ihren drei Söhnen bewohnte, waren es "große graue Männer", so empfand sie einer der Jungen, "sie kamen in die Wohnung der Mutter, sahen durch uns Kinder hindurch und gingen dann ins Wohnzimmer. Solange sie da waren, durften wir nicht hinein." Sie stahlen nicht die Zeit, sondern etwas, das vielleicht noch wertvoller ist: sie stahlen die Erinnerung.

Sie erzählten sich und ihrer Umwelt, sie hätten nichts Böses getan. Die grauen Männer gehörten zu einem Zirkel ehemaliger Mitglieder der deutschen Zivilverwaltung des "Generalgouvernements", des besetzten Polens. Zu dieser Verwaltung hatte in der Stadt Tarnopol der damalige Freund der Mutter gezählt: Franz Josef Schöningh (1902-1960), 1945 wurde er Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung in München. Seine Erben, die Mitglieder der Familie von Seidlein, gehörten bis zum Verkauf ihrer Anteile 2008 zu den Besitzern des Süddeutschen Verlages.

Schöninghs Vergangenheit in Tarnopol war kein Geheimnis. Wie tief er aber in die Verbrechen der Besatzer, in jene Politik verstrickt war, das Gebiet "judenrein" zu machen - das hat nun erst der frühere SZ-Redakteur Knud von Harbou dokumentiert, Lilis Sohn.

Knud von Harbou schreibt in seinem Buch "Wege und Abwege" (Allitera Verlag, München), das in den kommenden Tagen erscheinen wird, damit gleichzeitig die Geschichte seiner eigenen Familie, vor allem die "des Vaters", wie er stets sagt. Mogens von Harbou, geboren 1905, war in Tarnopol als Kreishauptmann der unmittelbare Vorgesetzte Schöninghs. Der Vater nahm sich 1946 im Internierungslager Dachau das Leben, als ihm die Auslieferung nach Polen drohte.

Der Sohn, geboren im selben Jahr, berichtet im Münchner Stadtcafé von den seelischen Qualen, die ihm sein Projekt bereitete. Er schreibt über die rechte Hand des Vaters, der ebenfalls schuldig wurde, obwohl er und Schöningh versuchten, sich aus dem Grauen von Tarnopol in den Westen versetzen zu lassen. Er schreibt über den Mann, der später an der Seite Lili von Harbous die Stelle des Vaters einnahm, den das Kind nie kannte. Er schreibt über den Liebhaber der Mutter, der an Freitagen mit einem grünen VW Käfer vorfuhr und die Mutter mit ins Wochenende nahm. Er schreibt über den Verleger, den die Enkel in hohen Ehren hielten und in deren Auftrag er das Buch nun verfasste. Er schreibt über Franz Josef Schöningh, "der sie alle hereingelegt hat", wie von Harbou nun sagt.

Nichtsdestoweniger hat er eine bestens belegte Biografie verfasst. Auf dem Speicher der Seidleins fand er zwei alte, verschlossene Kisten mit Briefen und Dokumenten Schöninghs. Aber die entscheidende Zeit in Tarnopol zwischen Juli 1942 und August 1943 fehlt: keine Briefe, keine Tagebücher, keine Bilder. Kaum ein Zufall.

"Heute hatte ich Freude"

Franz Josef Schöningh, geboren 1902, stammt aus der bekannten Verlegerfamilie. Er hing als Autor und später Schriftleiter der Zeitschrift "Hochland" katholisch-ständestaatlichen Ideen an. Beim Versuch, 1941 der Einberufung zum Kriegsdienst zu entgehen, verschlug es ihn ins Generalgouvernement. Er wurde dort zunächst in Sambor Stellvertreter des Kreishauptmannes von Harbou. Im Februar 1942 schreibt er: "Heute hatte ich Freude. Da M. (Mogens von Harbou) mir die delikate Judenumsiedlung wohl im Vertrauen auf meine Fingerspitzen anvertraut hat, hab ich sie halt angepackt." Das Ergebnis nennt er "verblüffend: Ohne Grausamkeit, wenn auch mit Härte wird das Ziel erreicht." Die "Umsiedlung" war eine Vorstufe der Vernichtung, sie bedeutete, noch mehr Juden ins Ghetto zu zwingen. Und die Zivilverwaltung war kein Gegner des Vernichtungsapparats. Sie war sein Bestandteil.

Lange wurde dieser Aspekt wenig beachtet. Zu nebensächlich schien die Zivilverwaltung zu sein, verglichen mit der SS, der Gestapo, der erst später erforschten Wehrmacht. Erst in den neunziger Jahren haben Historiker wie Thomas Sandkühler und Dieter Pohl gezeigt, dass es im Generalgouvernement keine zivilen Ämter als Nischen der Unschuld und des Unwissens gab. Solches haben die Beteiligten, die grauen Männer im Wohnzimmer der Harbous, später glauben machen wollen. Doch der Genozid brauchte eine Organisation, ein Räderwerk. Und eines dieser Räder, eines der wichtigen, war die deutsche Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten.

Ein Terrorregime kommt nicht über die Welt wie eine Flutwelle. Es benötigt sehr viele Menschen, die es unterstützen, neben Henkern auch Handlanger. Die Henker wurden nach 1945 verfolgt, in der Bundesrepublik spät und halbherzig zwar, aber sie mussten die Justiz im Prinzip fürchten. Die Handlanger kamen meistens davon und behaupteten, mit den Henkern nichts zu tun, ja von ihrem blutigen Treiben kaum etwas gewusst zu haben.

Schöningh mochte die Nazis nicht

"Ich habe die vielen falschen Angaben in den Fragebögen gesehen", sagt von Harbou, "die Schöningh für die Alliierten ausgefüllt hat, voller Auslassungen und Lügen. Er hat seine Rolle systematisch kleiner gemacht als sie war." So sagte er als Entlastungszeuge aus im Verfahren gegen den früheren Bürgermeister von Trembowla wegen Mordes an Juden: "Das Zusammentreiben sei so plötzlich und geheim vor sich gegangen, dass nur Eingeweihte davon hätten wissen können. Nicht einmal die Kreishauptmannschaft habe davon gewusst." Eine Lüge.

Gewiss war Schöningh kein Henker. Er mochte die Nazis nicht. In Tarnopol hat er sogar einzelnen Juden geholfen, auch das gehört zu dieser Geschichte, so düster sie ist. Dem jüdischen Ehepaar Bronner verhalfen Mogens von Harbou und er sogar zur Flucht. "Aber er konnte die Schüsse im Ghetto hören", sagt von Harbou, "vom Fenster des Amtes waren die Juden zu sehen, die durch die Straßen getrieben wurden."

Bei Deportationen hatte das Amt logistisch zu helfen, es ließ Straßen absperren, organisierte den Betrieb am Bahnhof, seine Arbeiter hoben die Gruben aus, der Vizechef selbst ließ Juden umsiedeln - alles für den Massenmord. Die Kreishauptmänner geboten dafür über Behörden wie die Innere Verwaltung und sogar paramilitärische Kräfte. Schöningh, schreibt Knud von Harbou, "hatte Einblick in alle politischen und verwaltungsmäßigen Vorgänge der Kreishauptmannschaft".

Berthold Beitz, der heute 99-jährige Vorsitzende der Krupp-Stiftung in Essen, war zur selben Zeit verantwortlich für die Ölförderung in Boryslaw, nicht weit von Tarnopol. Er nutzte seine Schlüsselstellung, um Hunderte Juden als angeblich unabkömmliche Rüstungsarbeiter zu retten. Später sagte er: "Ich war allein. Ganz allein." Für die anderen Deutschen, gerade in der Zivilverwaltung, war er ein Verräter, ein "Begünstiger von Juden", als welchen sie ihn bei der Gestapo denunzierten.

Für die Familie des 1960 verstorbenen Schöningh waren die Erkenntnisse ein herber Schlag. Die Enkel Maria-Theresia, Lorenz und Rupert von Seidlein schreiben als Herausgeber des Buchs im Vorwort: "So kam es, dass wir fassungslos vor Knud von Harbou saßen, als er uns berichtete, dass unser Großvater von Anfang 1942 bis 1944 in Galizien der Stellvertreters seines Vaters Mogens von Harbou war." Sie berichten von "emotionalen Gesprächen", in denen sie sich zu erklären versuchten, "was er gewusst haben muss, inwieweit er auch zum Mittäter wurde und warum er sich dem nicht entzogen hat". Der Großvater hat ihnen das nicht erzählt. Das Schweigen, die große Lüge so vieler aus der Kriegsgeneration betraf auch Familien, in denen, wie die Enkel schreiben, "die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einen außergewöhnlich hohen Stellenwert hatte".

Auch für die Süddeutsche Zeitung ist diese Studie sehr unerfreulich. Sie hat sich durch die Jahrzehnte wenig um die Vorgeschichten ihrer Gründergeneration gekümmert. Im Sommer 1945 hatten die Amerikaner Probleme, überhaupt Unbelastete für die neue, der Demokratie verpflichteten Zeitung zu finden. Zu den Gründern gehörte neben August Schwingenstein und Edmund Goldschagg auch Schöningh. Um die Lizenz zu bekommen, schrieb er für die alliierten Militärbehörden einen Bericht über seine Kriegszeit, in der er angab, seine Stelle in Tarnopol "hatte auf die Behandlung der Juden überhaupt keinen Einfluss mehr". Er habe dem "Massenwahn" zusehen müssen, "ohne eine Hand rühren zu können".

1951 besuchte der Landesrabbiner in München, Aaron Ohrenstein, die SZ. Er hatte in Tarnopol seine Angehörigen verloren. Von Harbou schreibt: "Schöningh erkannte ihn zunächst nicht, erst als sich Ohrenstein vorstellte, ,wir kennen uns doch aus Tarnopol, Herr Dr. Schöningh', erblasste dieser." Er beruhigte dann, wie später der legendäre Redakteur Ernst Müller-Meiningen berichtete, die Kollegenschaft: In Tarnopol habe er sich in den Wäldern und Jagdgründen "auf Zeit aus der Weltgeschichte verabschiedet".

Eine traurige Pointe: Schöningh war Miterfinder des "Streiflichts" als "Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften". Damals freilich war die Kolumne auch eine politische Leitglosse, Schöningh selber nutzte sie mehrfach, um das deutsche Volk von der "Kollektivschuld" freizusprechen und eine Art Kollektivunschuld zu verkünden: "So wurde ein Volk zur Schlachtbank geführt, das wie jedes andere nur den Frieden gewünscht hätte, wenn man es nicht grenzenlos belogen hätte." (1948). Das Volk der Juden, das auch mit seiner Hilfe zur Schlachtbank geführt wurde, erwähnte er in seinen Texten kaum.

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Quelle:
SZ vom 06.03.2013/mkoh
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