Restaurierung von Notre-Dame Aus verbrannt mach neu

  • Wenn der Brandschaden an Notre-Dame abgekühlt ist, muss der Bau akribisch untersucht werden. Auf jeden Fall braucht es ein Notdach für die Kathedrale.
  • Ansonsten gibt es kein Patentrezept, wie in solchen Situtationen zu verfahren ist.
  • Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten: Macht man die Katastrophe sichtbar, indem man anders weiterbaut? Oder stellt man den Bau so wieder her, dass die Schäden unsichtbar sind?
Von Laura Weißmüller

Die Bauhistorikerin und Architektin Elke Nagel findet den Begriff "Rettung" gerade passender als Wiederaufbau, wenn es um Notre-Dame geht: "Man weiß ja noch gar nicht genau, welche Schäden tatsächlich entstanden sind." Die Verwüstungen im hölzernen Dachstuhl sehe man zwar sehr schnell, doch was der Brand und das Löschwasser zum Beispiel für das Mauerwerk bedeutet haben, das zu großen Teilen noch aus dem Mittelalter stammt, sei noch gar nicht klar. Zu Schäden an der Steinoberfläche könnten etwa welche durch thermische Spannung kommen, entstanden durch starke Hitze und kaltes Wasser. Das kann die Steine reißen lassen, sofort oder später - auch diese möglichen Folgeschäden müssen erst noch geklärt werden.

Sobald der Brand vollständig unter Kontrolle ist und die Schäden abgekühlt sind, geht es deswegen erst einmal darum, den Bau akribisch zu untersuchen. Inwieweit ist das Gewölbe zerstört? Trägt das Mauerwerk noch? Wie sieht es mit den Steinmetzarbeiten aus? Bei dieser Erhebung dürften zahlreiche moderne Mittel zum Einsatz kommen. Da etwa zum jetzigen Zeitpunkt die Kathedrale nicht gefahrlos betreten werden kann, übernehmen zunächst Drohnen die Sichtung und befliegen das Objekt von innen und außen, um Schäden festzustellen. Im Anschluss könnte die Kathedrale mit einem 3-D-Scanner gescannt werden. Durch eine Auswertung der Bilder lassen sich Verformungen des Gebäudes erkennen, die beim Brand eventuell entstanden sind. Wie tragfähig die verbliebenen Mauern noch sind, kann man durch Widerstandsmessungen und den Einsatz von Detektoren herausfinden.

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Über all dem stehen die zentralen Fragen: Wie viel von der Originalsubstanz hat den Brand überstanden? Und zwar egal aus welcher Zeit, denn an Notre-Dame wurde ja über die Jahrhunderte hindurch weitergebaut. Was ist strukturell noch nutzbar? Und wo braucht es neue Bauteile? "Es wird Zeit in Anspruch nehmen, den genauen Zustand herauszufinden. Erst daraus ergibt sich, wie man weiter vorgehen wird", sagt Nagel, die den Lehrstuhl für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege an der TU München vertretungsweise leitet und über mittelalterliche Klosteranlagen promoviert hat. Schon jetzt über Kosten und Dauer der Instandsetzung zu spekulieren, hält Nagel für verfrüht.

Trotzdem gibt es einiges, was jetzt sofort passieren muss. "Sicherung ist gerade das oberste Gebot", so Nagel. Ohne Dach ist das Gewölbe schutzlos Regen und Sonne ausgeliefert. Sobald die letzten Brandnester getilgt sind, braucht es daher ein Notdach. Außerdem muss das Gewölbe durch Querträger stabilisiert werden, weil ansonsten die Mauern nach innen einstürzen könnten. "Das Gleichgewicht der mittelalterlichen Kathedrale muss so schnell wie möglich wiederhergestellt werden", sagt der Kunsthistoriker und emeritierte Professor für Denkmalpflege, Achim Wolfgang Hubel, der sich in seiner Forschung mit dem Regensburger Dom beschäftigt hat. Da die Steinmetze der Dombauhütten im Mittelalter im regen Austausch waren, sind die Bautechniken sehr ähnlich gewesen, egal ob in Deutschland oder Frankreich. Trotzdem gebe es kein Patentrezept, wie man in einer solchen Katastrophe vorzugehen habe.

Doch weil die Pariser Kathedrale fester Bestandteil des kollektiven Bildgedächtnisses ist, zumal in Frankreich, wird sehr schnell die Frage zu klären sein, wie es nach der Sicherung weitergeht. Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten: Macht man die Katastrophe sichtbar, indem man anders weiterbaut und Fehlendes deutlich erkennbar ergänzt? Oder aber stellt man den Bau so wieder her, dass die Schäden möglichst unsichtbar sind? Der Wunsch nach Letzterem dürfte in Paris groß sein, nur: "Wichtig ist, dass man ehrlich bleibt und zeigt, dass es sich um einen Wiederaufbau handelt", sagt Nagel. Natürlich habe man heute technisch die Möglichkeiten, Notre-Dame zu rekonstruieren. Das Gebäude ist bestens dokumentiert und erforscht, auch dürften industrielle Fertigungstechniken wie die 3-D-Modellierung von Steinquadern den Bauprozess beschleunigen. "Doch das Gesamtkunstwerk Notre-Dame mit all seinen Bauschichten ist nicht wiederholbar. Es wird nie mehr so werden, wie es einmal war", so Nagel. Schon alleine, weil ein Stein, der jetzt geschlagen wird, anders aussieht als einer, an dem ein Steinmetz im Mittelalter saß.

"Die Patina ist weg", sagt auch Barbara Schelle, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Raumkunst und Lichtgestaltung der TU München. Doch wenn tatsächlich große Teile der Konstruktion erhalten geblieben sind, ist die Chance groß, zumindest den Raumeindruck wiederherzustellen. Und genau der ist es ja, der in der Gotik für das Göttliche steht.

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