bedeckt München 14°

Nick-Cave-Konzertfilm:Alleine im Palast

Allein auf weiter Flur: "Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace". Wer den Konzertfilm im Netz sehen will, zahlt 18 Euro.

(Foto: Joel Ryan/OH)

Nick Caves ergreifender Konzertfilm ist an diesem Donnerstag einmalig Online zu sehen, er ist eine Geste des Respekts und des Pathos. Fans werden "Idiot Prayer" lieben.

Von Jan Kedves

Wenn ein Musiker für sich alleine einen Saal mietet, in den sonst 2500 Menschen hineinpassen, könnte man das grandios angeberisch finden. Oder man kann es als Geste des Respekts verstehen. Im Fall von Nick Cave geht beides. Zum einen lebt sein Konzertfilm "Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace" davon, dass der australische Musiker pathetisch wird: ich und die große, gähnende Menschenleere! Andererseits zeigt das Anmieten eines großen Saals Respekt - nicht nur vor den Fans, die aufgrund des Coronavirus dem Konzert nicht live beiwohnen können und für die so wenigstens symbolisch Platz freigehalten wird. Sondern auch Respekt vor all jenen, die normalerweise, wenn nicht gerade alle Konzerte und Tourneen abgesagt sind, in so einem Raum arbeiten: Sound-Leute, Beleuchter, Kabelträger und so weiter.

Sie alle musste Nick Cave, 62, engagieren und bezahlen, als er sich im Juni in der West Hall des Alexandra Palace in London an den Flügel setzte und seinen ergreifenden Konzertfilm drehte. An diesem Donnerstag wird das anderthalbstündige Rezital als "globales Streaming-Event" einmalig im Netz gezeigt. Sehen können es jene, die vorab 18 Euro bezahlen. Es dürften weit mehr als 2500 Tickets, die ja de facto Zugangs-Codes zum Stream sind, verkauft werden.

Cave singt 22 seiner Torch- und Blues-Songs, die oft mit biblischen Metaphern ausgestaltet sind und eine Goth-Sensibilität mit gediegener Musikalität verbinden. Das Set ist perfekt ausgeleuchtet, Instrument und Stimme sind perfekt mikrofoniert. Der Schlag von Caves schwarzer Gucci-Anzughose betont noch seinen federnden Schritt hin zum Fazioli-Flügel - auch das lohnt im Grunde schon das Ansehen.

Alexandra Palace ist ein schöner Ort, Cave füllt die Leere problemlos

Cave füllt die Leere problemlos. Den Dreh darf man sich eher als Gewusel vorstellen: "Umringt von Covid-Aufpassern mit Maßbändern und Fieberthermometern, von maskierten Beleuchtern und Kameramännern, von nervös dreinschauenden Technikern und Eimern voller Desinfektionsgel, schufen wir etwas Merkwürdiges und Schönes - etwas, das auf diesen Moment der Ungewissheit antwortet, ohne sich ihm zu beugen", schreibt Cave im Begleittext zu "Idiot Prayer".

"Are You The One I've Been Waiting For?" - Nick Cave an seinem Fazioli-Flügel.

(Foto: Joel Ryan/OH)

Der Film folgt ziemlich genau einem Skript von Phil Hutcheon, dem Chef der britischen Konzertticket-App Dice, die den "Idiot Prayer"-Stream hostet. Er hat es Ende Mai auf der Medium-Plattform veröffentlicht: Wie man sich als Musiker aus der Streaming-Flut noch abheben kann. Etwa dadurch, dass man Geld verlangt. Kostenlose Streams gingen zu schnell unter, so Hutcheon. Punkt 1 seiner Liste: Ein Streaming-Event braucht ein starkes Thema - etwa "eine Performance an einem schönen Ort (was wiederum dem Ort helfen kann, seine Miete zu zahlen)".

Alexandra Palace ist - im Gegensatz zu all den Wohnzimmern und Heimstudios, die man in den vergangenen Monaten als Konzert-Locations sah - wirklich ein schöner Ort. Ein viktorianischer Vergnügungspalast auf einer Anhöhe im Nordosten der Stadt. Von hier aus sendete die BBC in den 1930er-Jahren ihre ersten TV-Übertragungen, aus der Zeit ist der Palast noch mit einem Sendemast gekrönt. Ja, hier oben kann man sich wirklich ein bisschen fühlen wie der letzte Mensch auf Erden, der aus einem viktorianischen UFO heraus in ungewisse Distanz sendet. Cave singt ganz innig, völlig bei sich. Nur im Song "Are You The One I've Been Waiting For?" verrutscht ihm einmal der Finger, in der Schlusskadenz. Der letzte Ton: einen Halbton zu tief! Cave korrigiert, grinst, lacht auf. Das Echo seines Lachens im Saal ist zugleich das Echo seiner Fans, die ihn für diesen Stream lieben werden.

© SZ vom 23.07.2020/tmh
Zur SZ-Startseite
Rufus Wainwright: Pressebilder. von Jan Kedves bekommen. Kostenlos von der Plattenfirma bezogen.

Pop
:Den Regeln entfolgen, auf Knopfdruck

Rufus Wainwrights neues Album ist nicht pompös-operettenhaft, sondern endlich mal wieder lockerer Pop. Am Telefon wird der Sänger wie gewohnt sehr privat - und plaudert über heteronormative Rollenerwartungen und Psychotherapie.

Von Jan Kedves

Lesen Sie mehr zum Thema