Neues Album von Paul McCartney:Arg einfache Volksliedharmonien

Es ist lang her, dass er sich verblüffende Akkordfolgen ausgedacht hat. Diese ganzen chromatischen Übergänge, diese verminderten Akkorde, die er bei den Beatles als Fast-noch-Bub so unglaublich souverän rausgehauen hat, all das hat er schon jahrzehntelang nicht mehr probiert. Heute genügen ihm meistens ein paar arg einfache Volksliedharmonien, dazu singt er Melodien, die kaum je richtig abheben.

Bitte nicht falsch verstehen: Ohne diesen Mann gäbe es Pop, wie wir ihn kennen, nicht. Paul McCartney dürfte auch das Lied der Schlümpfe singen und würde immer noch allen Respekt der Welt verdienen. Aber er macht es einem nicht leicht.

Richtig begeisternd ist immerhin das Auftaktstück. "Save Us" donnert gut los, das Klavier hämmert Achtelnoten, McCartney singt mit sich selbst Chöre, als hätten Queen gerade das Mehrspurverfahren entdeckt, eine Rocknummer mit hochgekrempelten Ärmeln, ausgezeichnet. So ziemlich das Frischeste, was er seit Jahren aufgenommen hat.

Danach geht es leider durchwachsen weiter. "Alligator" ist genau die Art von Geschunkel mit Volksfest-Basstrommel, die er einfach nicht sein lassen will. "On My Way To Work" haut in die gleiche Kerbe, überrascht aber wenigstens mit einem witzigen Text: "On my way to work / I bought a magazine / Inside a pretty girl / Liked to water ski / She came from Chichester / to study history / She had removed her clothes / For the likes of me". So eine kleine lustige Beobachtung aus der täglichen Yellow Press erinnert an die Texte, die Lennon und McCartney vor 45 Jahren zusammen geschrieben haben, ein Hauch von echter Welt in der Musik.

Sehnsucht nach ganz früher

Bei Songs wie "Early Days" oder dem Titellied "New" zeigt sich dafür leider wieder: Er sollte mit seinen 71 Jahren nicht mehr Kopfstimme singen, da klingt Paul eher nach Tante Paula. "Early Days" übrigens ist eine Erinnerung an die Jugendtage mit John Lennon - es hat etwas sehr traurig Berührendes, dass auch Ringo Starr und der verstorbene George Harrison auf ihren Soloalben immer wieder solche Nostalgielieder sangen. Es gab und gibt bei diesen einzelnen Beatles so viel Sehnsucht nach ganz früher, nach einer irgendwie verlorenen Kindheit, vielleicht ist damals in der Beatlemania einfach zu viel untergegangen, wer weiß.

"I Can Bet" erinnert an die Beatles-Pastiches, die Jeff Lynne mit dem Electric Light Orchestra immer versucht hat. Schade, wenn das Original klingt wie die Kopie. "Looking At Her" will mit Drumcomputer und kratzigen Synthies ein bisschen hip sein, da versucht Giles Martin, den Kollegen Mark Ronson zu übertrumpfen. "Road" schließlich ist merkwürdig pathetischer Spät-Achtziger-Pop. Man kann das alles problemlos hören, man kann es beim Kochen und Essen laufen lassen, aber man darf nicht erwarten, dass einen hier irgendwas richtig packen würde. Oder?

Doch - so groß, wie das Album beginnt, so groß endet es dann überraschenderweise auch. Mit "Scared", einem Song, der im Booklet nicht genannt wird: nur ein Klavier, Pauls leicht brüchige Stimme, ein einfacher, aufrichtiger Liebestext, ein paar unerwartete harmonische Schlenker, behutsame elektronische Effekte, die dem Ganzen etwas rätselhaft Irrisierendes geben. Und McCartney singt wieder und wieder - für die verstorbene Linda? Für seine jetzige Frau? - "How much you mean to me / How much you mean to me / How much you mean to me / Now". Unprätentiös. Berührend. Wunderschön.

Bleibt die Frage: Hat Paul McCartney mit diesem Album jetzt die Vergangenheit hinter sich gebracht? Hat er seine Dämonen (bzw. den einen: Lennon) im Griff? Nein, es scheint eher, als sei es ihm langsam ein bisschen egal. Beatle für immer? Na gut, wenn ihr wollt. Ich mach halt irgendwie weiter, und wenn ich will, erinnere ich mich an früher, daran ist doch nichts verkehrt. Und wir, die normalen Menschen da draußen, die Nicht-Genies? Wir dürfen dankbar sein, wenn der Kerl zwei echte Großtaten wie "Save Us" und "Scared" raushaut: Damit ist 2013 unter dem Strich sofort ein eher gutes Jahr im McCartney-Kalender.

© SZ vom 17.10.2013/ahem
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